Zeitung Heute : S-Bahn: Das Schlimmste kommt noch

Unternehmen erwartet, dass weitere Wagen stillgelegt werden – dann fallen Linien in der Innenstadt aus

Klaus Kurpjuweit

Berlin - Seit mehr als zwei Wochen herrscht Chaos bei der S-Bahn in Berlin – und das Schlimmste steht den Fahrgästen noch bevor. Nach Tagesspiegel-Informationen muss der Verkehr in den nächsten Tagen nochmals drastisch eingeschränkt werden. Linien, vor allem in der Innenstadt, könnten sogar ganz eingestellt werden, auf anderen ist nicht ausgeschlossen, dass Fahrgäste bis zu 40 Minuten auf eine Bahn warten müssen. Auf Strecken ins Umland soll weiter gefahren werden, weil dort ein Ersatz mit Bussen kaum möglich wäre. Im Zentrum könne man dagegen auch auf die BVG ausweichen.

Der neue S-Bahn-Geschäftsführer Peter Buchner bestätigte am Mittwoch auf einer Sondersitzung des Verkehrsausschusses des Parlaments, dass „der Boden des Fasses“ noch nicht erreicht sei. Derzeit fährt die S-Bahn bereits nach einem Notfahrplan mit einem Zugabstand von 20 Minuten auf den meisten Linien. Zwei Linien sind gestrichen, Normalbetrieb gibt es nur noch auf dem Ring.

Seit Tagen werden zusätzliche Auflagen des Eisenbahn-Bundesamtes erwartet. Die Behörde berechnet derzeit gemeinsam mit der S-Bahn, wann die Räder der Züge der neuesten Baureihe 481 ausgetauscht werden müssen, um die Sicherheit gewährleisten zu können. Nach dem Bruch eines Rades am 1. Mai war ermittelt worden, dass die Räder schneller verschleißen, als angenommen worden war. Deshalb wurde festgelegt, sie schneller auszuwechseln. Diese Frist soll jetzt nochmals verkürzt werden. Wie viele Züge, bei denen die Laufzeit der Räder überschritten ist, dann umgehend aus dem Verkehr genommen werden müssen, hängt von der Vorgabe des Eisenbahn-Bundesamtes ab. Im schlimmsten Fall würden nur noch rund 170 Viertelzüge aus je zwei Wagen übrig bleiben, die eingesetzt werden könnten. In Spitzenzeiten benötigt die S-Bahn 552 dieser Viertelzüge. Derzeit kann sie bereits nur noch gut 300 fahren lassen, weil an den anderen Fahrzeugen Sicherheitsprüfungen in den Werkstätten gemacht werden müssen. Sieben bis zehn verschiedene Fristen müssten hier pro Fahrzeug inzwischen eingehalten werden, sagte am Mittwoch der für Personenverkehr zuständige Bahnvorstand Ulrich Homburg.

Buchner sagte, erst wenn die weiteren Auflagen feststehen, könne man sagen, wann die S-Bahn wieder zum Normalbetrieb zurückkehren könne. Bisher hat sich das Unternehmen den Herbst als Ziel gesetzt. Intern schließt man bereits nicht aus, dass die Probleme noch weit bis ins Jahr 2010 bestehen könnten.

Inzwischen ist die S-Bahn dabei, weitere Regionalfahrzeuge aus dem Bundesgebiet nach Berlin zu bringen. Auf Strecken parallel zu S-Bahn-Gleisen sollen zusätzliche Züge eingesetzt werden, wie es seit Montag bereits zwischen Potsdam und Berlin-Ostbahnhof praktiziert wird. Auch die BVG werde bei Bedarf ihr Angebot verstärken, kündigte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) an. Zunächst gilt bei der BVG seit Mittwoch aber der Ferienfahrplan mit einem reduzierten Angebot. Zur Leichtathletik-Weltmeisterschaft im August erwartet der Senat ein ausreichendes Angebot bei den Fahrten zum Olympiastadion.

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