S-Bahn-Krise : Neue Köpfe reichen nicht

Die Räder rollen nicht – aber die Köpfe. Doch auch der komplette Austausch der Führungsriege bei der S-Bahn, die in den vergangenen Tagen erneut ins Chaos gefahren ist, wird die Probleme des Unternehmens – und damit auch die der Fahrgäste – nicht lösen. Um die S-Bahn wieder leistungsfähig zu machen, müssen die Weichen woanders gestellt werden. Im Konzern.

Kommentar Klaus Kurpjuweit

Der neue Bahnchef Rüdiger Grube muss sich auch im aktuellen Fall aus dem Schatten seines Vorgängers Hartmut Mehdorn lösen. Doch bisher schweigt Grube eisern zu den Problemen vor seiner Haustür.

Dass das Management der S-Bahn nun gehen muss, ist richtig. Die Geschäftsführer haben es zu verantworten, dass dem aufsichtsführenden Eisenbahn-Bundesamt in heiklen Sicherheitsfragen mehrfach falsche Angaben gemacht worden waren. Dass nach einer beispiellosen Sparorgie mit geschlossenen Werkstätten und vertriebenen Mitarbeitern die Kapazitäten nicht mehr reichen, um die Fahrzeuge so zu kontrollieren, wie es für die Sicherheit der Fahrgäste erforderlich ist, muss gerade an der Spitze des Unternehmens klar sein, selbst wenn dort keine Eisenbahnfachleute sitzen. Den letzten „Eisenbahner“ in der Führung der S-Bahn hatte das Unternehmen 2007 in den Ruhestand geschickt – vorzeitig und gegen dessen Willen. Er hatte sich zu sehr den Sparvorgaben widersetzt, weil für ihn der funktionierende Betrieb im Mittelpunkt stand.

Unternehmensziel war nun, größtmöglichen Profit zu machen. Nicht die Fahrgäste und auch nicht die eigenen Mitarbeiter standen im Vordergrund, sondern der Gewinn, den der Mutterkonzern von der S-Bahn Jahr für Jahr forderte. Insgesamt flossen wohl über 100 Millionen Euro pro Jahr von der S-Bahn zum Bereich Stadtverkehr der Bahn AG und ließen dort die sonst wesentlich düstere Bilanz glänzen.

Die Geschäftsführung der S-Bahn führte dabei nur aus, was der Konzern verlangt hat. Ändern sich die Vorgaben nicht, ändert sich auch mit einer neuen Geschäftsführung im Betrieb nicht viel.

Bedenklich ist, dass der Chef der Abteilung Stadtverkehr, der für das finanzielle Auspressen der S-Bahn an vorderster Stelle mitverantwortlich ist, gleichzeitig der Aufsichtsratsvorsitzende der S-Bahn ist und damit seine eigenen Vorgaben kontrolliert. Ein Aufsichtsrat, der seine Pflichten wahrnimmt und den Betrieb bremsen kann, wenn er die Sicherheit der Fahrgäste gefährdet, braucht unabhängige Mitglieder. Doch externe Fachleute, wie sie früher in dem Gremium saßen, sind dort inzwischen unerwünscht. Die Aufsicht führen nur noch Abgesandte aus dem Bahn-Konzern. Absurd!

Das gegenwärtige Desaster und die zahlreichen Pannen der Vergangenheit müssen auch dem neuen Bahn-Chef zeigen, dass die Fahrt so nicht weitergehen kann. Ziel muss sein, aus der S-Bahn wieder ein verlässliches Verkehrsmittel zu machen, das von Fahrgästen gern genutzt wird. Und hinter dem auch seine Mitarbeiter stehen. Durch den Sparkurs sind sie verunsichert worden; ihre Warnungen vor dem Schließen von Werkstätten und dem Verschrotten von fahrfähigen Wagen wurden beiseite geschoben. Auch die Mitarbeiter warten jetzt auf ein Zeichen, dass die Fahrt wieder in die richtige Richtung geht. Das Personalkarussell allein reicht nicht.

Bei der Sicherheit hat das Eisenbahn- Bundesamt bereits eingegriffen. Bei der Leistung ist jetzt der Bahnvorstand gefordert. Damit wieder Räder rollen – und nicht nur Köpfe.


Die aktuelle Verkehrslage der S-Bahn finden Sie unter: http://www.s-bahn-berlin.de/bauinformationen/betriebslage.htm

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