Zeitung Heute : S-Bahnhöfe: Auf Abwegen

Harald Olkus

Der Bund verkauft S-Bahnhöfe in Berlin und setzt sich dabei über jahrzehntelang gewachsene Strukturen hinweg. Die Besitzer von Läden und Gaststätten der verkauften Bahnhöfe erhalten Kündigungen und Mieterhöhungen, weil die neuen Eigentümer von ihrer Immobilie eine höhere Rendite erwarten. Im Zuge der Bahnreform 1993 war der Immobilienbesitz der Bahn aufgeteilt worden. Die betriebsnotwendigen Teile erhielt die neu gegründete Deutsche Bahn AG. Alle anderen Flächen blieben beim Bund. Seither gehören dem Staat ehemalige Bahngrundstücke, Eisenbahnerwohnungen und auch Bahnhofsgebäude.

Den größten Teil dieser Immobilien will der Bund aber nicht behalten, sondern möglichst gewinnbringend an den Mann bringen. Während der Eisenbahn-Immobiliengesellschaft, die heute Vivico heißt, der gewerblich vermarktbare Teil der Grundstücke und Immobilien zugeteilt wurde, ist das Bundeseisenbahnvermögensamt (BEV) hauptsächlich für den Verkauf der Wohngebäude zuständig. Außerdem soll das Amt insgesamt fünf Empfangsgebäude verkaufen, die für den Betrieb der S-Bahn nicht notwendig sind.

Zwei Bahnhofsgebäude haben bereits den Eigentümer gewechselt. Im Dezember vergangenen Jahres verkaufte die BEV das Bahnhofsgebäude am S-Bahnhof Hohenzollerndamm, vor knapp drei Monaten folgte der S-Bahnhof Mexikoplatz. Noch zu haben sind dagegen die S-Bahnhöfe Feuerbachstraße, Priesterweg und Hermsdorf. Doch bislang stehen die Interessenten hierfür nicht gerade Schlange. Die Bahnhöfe liegen entweder zu weit abseits oder lassen sich ohne Umbau kaum rentabel nutzen. "Wir forcieren den Verkauf nicht", sagt Wolfgang Garbrecht, Leiter der Dienststelle Ost des Bundeseisenbahnvermögensamtes.

Beim S-Bahnhof Mexikoplatz war die Behörde allerdings mit schlechtem Beispiel vorangegangen: Er gilt als das schönste Bahnhofsgebäude Berlins und liegt mitten im noblen Zehlendorf. Gute Voraussetzungen, um dort "gehobene Gastronomie" einzurichten. Das erwarten zumindest Thomas Drechsel und Detlef Marschner. Die beiden Geschäftsleute haben den Bahnhof Ende Mai erworben und den Mietern gleich per Anwalt das Kündigungsschreiben ins Haus geschickt. Bis Juni 2002 müssen die langjährigen Mieter, darunter eine Gaststätte, ein Blumenladen, ein Kiosk und ein Buchladen, ihre Geschäfte geräumt haben.

Ein konkretes Konzept über die zukünftige Nutzung des Bahnhofs haben die neuen Eigentümer allerdings noch nicht vorgelegt. Manfred Kannenberg, der Besitzer des Buchladens und schon seit 20 Jahren Mieter im Bahnhof, will die Kündigung aber nicht einfach hinnehmen. Er hat die Initiative "Kulturbahnhof Mexikoplatz" ins Leben gerufen. Mit einer Unterschriftenaktion will er sich gegen die Kündigung zur Wehr setzen. Mittlerweile hat er bereits 1800 Unterschriften gesammelt. Prominente Künstler, Politiker und Architekten haben ihre Unterstützung zugesagt. "Ich hatte schon fast aufgegeben", sagt Kannenberg. Doch die große Anteilnahme der Zehlendorfer ermutigt ihn, weiter zu machen. "Die Bevölkerung hier sieht den Bahnhof als Allgemeinbesitz, der nicht auch noch in private Hände übergehen soll", sagt der Buchhändler. Der öffentliche Raum in der Stadt nehme ohnehin immer mehr ab und werde in Privatbesitz umgewandelt. "Die Menschen empfinden das allmählich als Bedrohung", sagt Kannenberg.

Er führt seinen Buchladen schon seit 1980 im Bahnhofsgebäude. Damals war die Wannseebahn stillgelegt, Kannenberg hatte das leerstehende Gebäude wiederbelebt und dort regelmäßig Konzerte und Lesungen organisiert. Der Buchhändler hofft jetzt, dass sich ein Konsens mit den neuen Eigentümern finden lässt. "Mit so viel Widerstand hatten sie wahrscheinlich nicht gerechnet." Am meisten ärgert ihn, dass er erst aus der Zeitung vom beabsichtigten Verkauf des Bahnhofs erfahren hatte. "Wären wir früher informiert worden, hätten wir vielleicht eine Stiftung gründen können, die den Bahnhof erwirbt", meint er.

Für den Unterhalt des Bahnhofsgebäudes würden die bisherigen Mieteinnahmen reichen. Doch die neuen Eigentümer haben immerhin 2,6 Millionen Mark für den Bahnhof ausgegeben. Die sind auch bei ortsüblichen Mieten erst in rund 15 Jahren wieder eingespielt. Zu lange für zwei Geschäftsleute, die sich nicht gerade als Mäzene begreifen.

Im S-Bahnhof Hohenzollerndamm waren es zwar keine Kündigungen, die den Mietern ins Haus flatterten, aber immerhin saftige Mieterhöhungen. Die Wohnungen in den oberen Geschossen des Bahnhofsgebäudes werden aufwendig saniert. Deshalb fürchtet auch die Wirtin des Treffpunkts im S-Bahnhof Feuerbachstraße, dass sich ein Interessent für das Bahnhofsgebäude finden könnte und sie ihre Kneipe schließen muss. Immerhin interessierte sich vor einigen Jahren die Bekleidungskette H & M für das scheibenförmige Backsteingebäude aus den 30er Jahren. Doch ein Umbau kommt aufgrund der Auflagen des Landesdenkmalamtes nicht in Frage und außerdem führt der einzige Zugang zum Bahnsteig mitten durch das Gebäude. Ein künftiger Eigentümer müsste sich damit arrangieren.

Die jetzigen Mieter, eine Bäckerei, ein Obst- und Gemüseladen, ein Zeitungsstand und die Gaststätte wollen weiterhin im Bahnhof bleiben. "Früher war es üblich, dass es in den Bahnhöfen Geschäfte und Kneipen gab", sagt die Wirtin des "Treffpunkts", Inge Diehr. "Aber das interessiert heute offensichtlich keinen mehr."

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