Sabine Kuegler : Gesetze des Dschungels

Sie lebte im Urwald, dort gab es Pfeil und Bogen. Sie kam nach Europa, da gab es Albträume. Sabine Kuegler brauchte zwei Jahrzehnte, um zu erkennen, wo sie hingehört. Nun geht sie zurück.

Wolfgang Prosinger[München]
kuegler
Sabine Kuegler zusammen mit ihren Freunden Bare und Tuare -Foto: Kuegler

Die Zeit der Käfer ist vorbei. Früher ist das natürlich anders gewesen. Wie wunderbar, wenn es da im Mund so geknirscht und gegrumpelt hat, wenn die Zähne auf die Panzer bissen. Manchmal haben sich die Käfer dann noch ein bisschen auf der Zunge bewegt. Aber heute, sagt Sabine Kuegler, sind Käfer eigentlich nicht mehr nach ihrem Geschmack.

Schlange war auch gut. Ein wenig süßlich. Fledermaus hingegen nicht, gar nicht. Krokodil wiederum großartig, besonders Krokodilschwanz. Das beste Fleisch überhaupt.

Sabine Kuegler sitzt jetzt bei einem der zahllosen Italiener in München-Schwabing über einem großen Teller mit Antipasti, hauptsächlich Gemüse, ein paar Fleischstücke sind auch dabei, kein Krokodil. Es ist schon länger her, dass sie ihre Ernährung umgestellt hat; seit 19 Jahren genau. Da war sie 17 und hat den Dschungel verlassen. Den Urwald von West-Papua, Indonesien. Sie ist dort aufgewachsen als Tochter deutscher Forscher, bei den Fayu, einem Stamm, der abgeschieden von der Welt ein Steinzeitleben führte: nackt im Dschungel, das Gesetz, das alle beherrschte, hieß Blutrache, die Waffen im Krieg und bei der Jagd waren Pfeil und Bogen; mit befremdlichen Riten, auch kannibalischen, ohne Schrift, ohne Zugang zu dem, was Zivilisation heißt.

Sabine Kuegler hat ein glückliches Kinderleben dort gelebt, hat Freundschaften geschlossen, mit den Schlangen gespielt und bei den Krokodilen im Fluss gebadet. Sie aß, was die anderen Kinder aßen, und dachte, was die anderen Kinder dachten. Und erfuhr, was sie wert war: 20 Wildschweine. So viel würde einer bezahlen müssen, wenn er sie später zur Frau haben wollte. 20 Wildschweine sind eine unglaubliche Summe bei den Fayu, Wildschweine sind das Begehrteste, was es gibt. Und Sabine Kuegler wäre die begehrteste aller Frauen gewesen. Aber sie ist ja nicht im Urwald geblieben, sie ist fortgegangen.

Jahre später hat sie Bücher über ihre Zeit in der Wildnis geschrieben. „Dschungelkind“ heißt das bekannteste davon, es wurde in fast 30 Sprachen übersetzt und eine Million Mal verkauft. Es ist das Bekenntnis einer ungeheuerlichen Fremdheit. Der Unmöglichkeit, sich mit dieser Fremdheitserfahrung einzufinden in die westliche Zivilisation. Das Glück der Kindheit wurde zum Unglück des Erwachsenseins und Sabine Kuegler zu Deutschlands größter Expertin in Sachen Fremdsein. Eine Unbehauste ist aus ihr geworden, eine weiße Schwarze, eine schwarze Weiße. Eine Europäerin, eine Fayu, die nicht weiß, wo sie hingehört. Am Anfang von „Dschungelkind“ schreibt sie: „Ich versuchte jahrelang, eine Kultur und ein Leben anzunehmen, die mir im Grunde fremd sind. Und obwohl es mir äußerlich gelingt, finde ich keinen Frieden (...) Ich lebe das Leben eines Vagabunden, ziehe von einem Ort zum anderen und hoffe jedes Mal, an diesem neuen Ort mein Glück und den Frieden zu finden, den ich mir so sehr wünsche. Doch immer wieder werde ich enttäuscht.“

Wie eine Enttäuschte sieht Sabine Kuegler nicht aus, wie sie nun in München Antipasti isst. Wie eine Fremde auch nicht. Jeans mit Silberstickerei, schwarzes T-Shirt, braunes Haar, halblang mit Strähnen. Keine vom anderen Stern. Eher eine von München-Schwabing. Das Unglück sieht anders aus. Es hat nicht diese leuchtend grünen Augen. Und nicht dieses Leben im Gesicht. Und nicht diese schnellen Hände, mit denen jeder Satz unterstrichen und jedes Wort betont werden muss. Kein Zweifel, an diesem Tisch sitzt eine glückliche Frau. Sie kommt nämlich gerade aus West-Papua zurück, war für ein paar Wochen dort. Und wer aus West-Papua zurückkommt, ist glücklich. Das kann gar nicht anders sein. Findet jedenfalls Sabine Kuegler.

Was ist geworden aus dem Dschungelkind? Woher das plötzliche Glück?

Damals, als sie aus der Wärme des Dschungels in die Kälte der Großstadt kam, 1990 war das, da war von Glück nicht die Rede. Da wagte sie es lange Jahre nicht mehr zurückzukehren. Es muss eine so unsichtbare wie unbegreifliche Macht gewesen sein, die ihr verbot, den Ort ihrer Kindheit wiederzusehen. Ein Bann, der sie festhielt. Festhielt in einer unendlichen Fremdheit. „Ich hatte immer das Gefühl, ich bin nicht wirklich da, ich existiere nicht. Ich war gefangen in einem Nichts.“ Und immer hoffte sie, es würde eines Tages besser werden. Es wurde nicht besser.

Dabei hatte der Wechsel der Welten glimpflich begonnen. Mit einem Internat im schweizerischen Montreux. Dort schien Sabine Kuegler der Unterschied zum Urwald gar nicht so groß. Zwar wusste sie am Anfang nicht, wie man eine Fahrbahn überquert, zwar grüßte sie alle Leute, die ihr auf den Straßen begegneten, und fing an, in jedem Geschäft um den Preis zu feilschen, weil man doch von vorneherein nicht wissen konnte, was wie viel wert war. Ansonsten aber fand sie, dass das Internat im Grunde so etwas Ähnliches war wie der Stamm. Strenge Regeln, feste Gebräuche, klare Ordnungen und jede Menge Freundschaften. Da kannte sie sich aus.

Wenn nicht diese Schlafstörungen gewesen wären. Weil die Zeit im Westen ganz anders lief. Sie zählte nach Sekunden, Minuten und Stunden. Und diese Sekunden, Minuten und Stunden waren offenbar wichtig. Wer sie nicht beachtete, scheiterte. Er nahm nicht Teil am wirklichen Leben. Denn alles schien diesem Zeittakt zu unterliegen. Sogar das Glück. Sogar die Liebe. Wer etwas verpasste, war selber schuld. Im Urwald war das anders. Der Urwald hatte keine Uhr. Hier galt das Gesetz der Sonne. Sie ging unter zwischen fünf und sechs Uhr abends. Die Menschen folgten ihr und legten sich schlafen. Und standen am nächsten Morgen mit der Sonne wieder auf. Es gab nur Tag und Nacht, es gab keine Abende. Weil es keine Elektrizität gab.

Aber jetzt diese Schlafstörungen.

Noch schlimmer war das Gefühl, ständig etwas falsch zu machen.

Einmal, erzählt sie, ist sie bei einer Freundin zu Hause eingeladen gewesen, reiche Eltern, vornehme Villa. Wenn man eingeladen ist, das wusste Sabine Kuegler ganz gewiss, bekommt man als Erstes etwas zu essen. Und wenn nicht, dann hatte man in die Küche zu gehen und sich etwas zu holen. So war das bei den Fayu. Also ging sie in die Küche. Am nächsten Tag erfuhr sie von der Freundin, sie dürfe sie kein zweites Mal besuchen, ihre Eltern wünschten das nicht. „Und ich habe nicht verstanden, warum. Auf die Idee mit der Küche bin ich einfach nicht gekommen.“

Oder die Sache mit dem Schreien. Als sie eines Tages plötzlich jemanden schreien hörte, ist Sabine Kuegler in Panik ausgebrochen. Um Himmelswillen, was wird jetzt geschehen? Denn bei den Fayu hatte sie gelernt, dass Schreien allerhöchste Gefahr bedeutet. Ansonsten wurde dort niemals geschrieen. „Ich zitterte am ganzen Körper, ich wusste nicht, wie ich mich schützen sollte. Und es wurde so oft geschrien im Westen.“ Sie hat Albträume gehabt.

Manche haben Sabine Kuegler auch für dumm gehalten. Weil sie so vieles nicht wusste. Weil ihr Wissen ein Dschungel- Wissen war. Wer ist Günter Grass?, hat sie gefragt. „Woher soll ich wissen, wer Günter Grass ist.“

Es waren hundert Kleinigkeiten jeden Tag. Hundert Verwunderungen. Hundert Fragezeichen. „Stellen Sie sich vor, Sie haben jeden Tag solche Erfahrungen.“ Sabine Kuegler ist vor diesem Leben davongelaufen, ist jedes Jahr aufs Neue umgezogen, von der Schweiz nach Deutschland und zurück in die Schweiz, fort von Europa nach Japan und wieder nach Europa, nach Deutschland. Sie hat geheiratet, zwei Kinder bekommen, wieder geheiratet, wieder zwei Kinder bekommen. Ein atemloses Leben, ein Leben auf der Flucht.

Und die Flucht fand kein Ende. Weil sie jedes Mal in eine Falle lief. In die emotionale Falle. Der Fehler war: Sie vertraute. „Ich hatte im Urwald gelernt, mich körperlich zu schützen. Aber ich habe nie gelernt, mich psychisch zu schützen. Ich war komplett vertrauensselig, emotional völlig offen.“ Dass es Menschen gibt, die einen belügen, die hinterrücks schlecht über einen sprechen – davon hatte sie reden hören, aber sie konnte nicht umgehen damit.

Zehn Jahre lang, 15 Jahre lang. Die Fremdheit zeigte sich zäh. Die Verpflanzung des Dschungelkinds war gescheitert.

Dann schrieb Sabine Kuegler ihr erstes Buch. Und es geschah so etwas wie eine Wunderheilung. „Ich hatte das Gefühl, ich bin plötzlich aufgewacht. Ich bin da.“ Das Wunder bestand vor allem darin, dass sie nun, beim Schreiben, auf einmal all ihre Ängste und Sorgen verstehen lernte. Ihre Gründe und Abgründe, ihre Bedingtheiten. Und dass ihre emotionale Krankheit eben in dem Glauben bestand, immer und überall ihre tief verwurzelte Fremdheit bekämpfen zu müssen, sich anzupassen an ein Leben, das das ihre nie war und nicht sein konnte. Als Sabine Kuegler das begriff, wusste sie, dass sie eine Antwort gefunden hatte auf ihre Lebensfrage: Wo gehöre ich hin?

Sie fuhr in den Dschungel, zu den Fayu. Sie hatte den Bann gebrochen.

Sie sah die Farben ihrer Kindheit wieder, spürte den warmen, feuchten Film, den der Urwald auf die Haut legt, hörte beim Einschlafen das Rauschen des Flusses. Sie schloss die Frauen und Männer in die Arme, die 15 Jahre zuvor Dschungelkinder gewesen waren, wie sie eines war.

Von nun an ist Sabine Kuegler immer wieder in West-Papua gewesen. Hat sich engagiert für den Freiheitskampf der Eingeborenen, hat das Geld, das sie mit ihren Büchern verdiente, in soziale Projekte gesteckt, eine Schule, ein Sportinternat. Und hat einen Entschluss gefasst, gerade jetzt in diesen Tagen: „Ich gehe zurück“, sagt sie, und die grünen Augen strahlen. „Weil ich da hingehöre.“ Ihre beiden kleineren Kinder könne sie ja mitnehmen, und die großen seien schließlich fast schon erwachsen. „Ich glaube, ich bin jetzt endlich auf dem richtigen Weg.“

Ganz tief ins Innere des Dschungels wird sie dieser Weg allerdings nicht führen. Zurück zu den Fayu – nein, dafür war sie nun doch zu lange im Westen und weiß, dass es ein Leben gibt jenseits der Horden von Kakerlaken und der Schwärme von Insekten, die stechen und beißen. Im Landesinneren wird sie deshalb nicht wohnen, sondern in Jayapura, am Meer, in der Hauptstadt.

Schon wieder ein Umzug also. Ein endgültiger diesmal?

Sabine Kuegler hat es nicht so sehr mit den Endgültigkeiten. „Ich gehe, ja ich gehe“, sagt sie, „aber vielleicht bin ich in zwei Jahren wieder zurück.“ Sie muss jetzt schnell ins Büro, gleich hier um die Ecke, wo zwischen hoch aufragenden Bambusrohren vier Schreibtische stehen, eine kleine Literaturagentur.

Sabine Kuegler verabschiedet sich. Das Verabschieden ist ihr eine zweite Natur geworden. Weggehen, immer wieder weggehen. Und nie wirklich ankommen. Eine Frau, die sich zerrissen hat, Persönlichkeitsstücke, Lebensstücke, die auseinanderfallen und sich zusammenfügen und wieder auseinanderfallen. Sich fremd sind, sich kennen lernen, sich fremd sind. „Ich denke nicht hundertprozentig so oder hundertprozentig so“, sagt Sabine Kuegler. Sie denkt dazwischen.

Dies ist der zweite Teil der Serie über Menschen, die es mit der Fremde zu tun bekommen. Sie wartet überall. Die nächsten Teile erscheinen in loser Folge.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!