Zeitung Heute : Sachdienliche Hinweise

Im Fall Ermyas M. gibt es täglich neue Spekulationen. Was haben die Ermittlungen bisher tatsächlich ergeben?

Frank Jansen

Beinahe zwei Wochen ist es jetzt her, dass der Deutschäthiopier Ermyas M. in Potsdam bei einer Gewalttat schwer verletzt wurde. Was sich genau abgespielt hat, wer die Täter sind, wie sich das Opfer in der fraglichen Nacht verhielt und ob ein rassistisches Motiv eine Rolle spielt, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Vielmehr nehmen mit jedem Tag die mehr oder minder plausiblen Spekulationen zu. Ermittler reagieren genervt. Es sei nicht die Öffentlichkeit, die den Fall aufkläre, sondern die Polizei gemeinsam mit der Bundesanwaltschaft, betont ein Sicherheitsexperte. Wie der Stand der Ermittlungen in etwa aussieht, folgt nun in einer Übersicht.

Der Tatverdächtige Björn L.

Der 29 Jahre alte, aus Bergholz-Rehbrücke (bei Potsdam) stammende Mann aus der Türsteherszene wurde wegen seiner hohen Stimme als Tatverdächtiger identifiziert. Nachdem die Potsdamer Polizei eine Passage aus der Mobilbox des Telefons der Frau von Ermyas M. veröffentlichte, meldeten sich zwei Männer, die den als „Pieps“ oder „Piepsi“ bekannten Björn L. an seiner Stimme wiedererkannt haben wollten. Die Polizei nahm Björn L. am 20. April fest. Der Beschuldigte hat jede Tatbeteiligung bestritten. Sein Anwalt Veikko Bartel sagt, Björn L. habe Ostern gekrächzt, in der Woche zuvor habe ein Arzt eine Kehlkopfentzündung attestiert. In Sicherheitskreisen heißt es, die ärztliche Behandlung allein entlaste den Beschuldigten nicht.

Nach der Festnahme entdeckte die Polizei im Auto von Björn L. mehrere CDs mit rechter Musik. Darunter eine Scheibe der Berliner Nazi-Band „Macht und Ehre“ und eine ältere von Frank Rennicke, der mit seinen Balladen in der braunen Szene einen Kultstatus genießt. Anwalt Bartel betont, keine der gefundenen CDs sei indiziert. Außerdem hätten im Auto auch vier Scheiben des Schlagersängers Roland Kaiser gelegen.

Eine Führungsfigur des Motorradklubs „MC Gremium“ hat bei der Polizei angegeben, er kenne Björn L. Dieser sei aber kein Klubmitglied, sagte der Chef des „Probe-Chapter Potsdam“. Im Haftbefehl, den ein Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe vor einer Woche gegen L. erließ, ist von guten Kontakten zum MC Gremium die Rede. Sicherheitsexperten halten dem Rockerklub „Schnittmengen zur rechten Szene“ vor. So werde das Berliner „Probe-Chapter Dark Side“ von früheren Mitgliedern der verbotenen Neonazi-Gruppierung FAP und der Kameradschaftsszene dominiert. Der MC Gremium verwahrt sich in einer Presseerklärung gegen das Etikett „rechtsradikal“ – und droht mit dem Gang zur Justiz.

Der Tatverdächtige Thomas M.

Reichlich Verwirrung gibt es um den möglichen rechtsextremen Hintergrund des 30 Jahre alten Thomas M., der auch am 20. April festgenommen wurde. In Teilen der Presse hieß es, der Potsdamer werde wegen seines Oberlippenbärtchens „Hitler“ genannt. Sicherheitskreise und linke Beobachter der rechten Szene berichteten, Thomas M. sei am Rande von Potsdamer Prozessen gegen Neonazis aufgefallen. Doch die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb nun, Thomas M. sei mit einem Mann gleichen Namens verwechselt worden, der in Untersuchungshaft sitze. Und dem Tagesspiegel sagt ein Sicherheitsexperte, als „Hitler“ sei nur ein Marcel M. bekannt. Ein weiterer Fachmann äußert hingegen, „wir stehen weiter vor Rätseln“.

Im Haftbefehl gegen Thomas M. werden ihm wie Björn L. Kontakte zum MC Gremium bescheinigt. Der Anführer des „Probe-Chapter Potsdam“ kennt Thomas M. auch, hat aber der Polizei gesagt, es gebe keine Verbindung zwischen den beiden Beschuldigten. Thomas M. sei kein Türsteher, sondern ein stinknormaler Typ, der bei einer Autovermietung in Potsdam arbeite.

Es gibt zumindest ein Indiz, das Thomas M. stärker zu belasten scheint. Am Tatort vor dem S-Bahnhof Charlottenhof fand die Sonderkommission der Polizei an einer Bierflaschenscherbe DNA-Material des Tatverdächtigen – laut Sicherheitsexperten war es Blut. An dem Splitter gab es auch eine Spur mit Erbgut des schwer verletzten Ermyas M., angeblich ebenfalls Blut. Thomas M. bestreitet aber, etwas mit der Tat zu tun zu haben.

Die Zeugen

Inzwischen ist von vier Zeugen die Rede. Ihre Angaben sind widersprüchlich. Zwei Taxifahrer sagen, sie hätten Ermyas M. zusammen mit zwei Männern gesehen. Der Deutschafrikaner soll dann einen der beiden getreten haben. Die Reaktion der zwei Männer bekamen die Taxifahrer offenbar nicht mit. Eine Passantin berichtet, Ermyas M. habe mit den Männer gesprochen und in ihre Richtung getreten. Danach habe einer der beiden dem Deutschafrikaner einen Schlag ins Gesicht versetzt. Der Freund der Passantin sagt hingegen, Ermyas M. sei mit den Männern in Streit geraten und wurde verprügelt. Er soll, schon am Boden liegend, Tritte gegen den Kopf erhalten haben. Der Zeuge beschreibt Ermyas M. allerdings als Mitteleuropäer – offenbar sah er nicht, dass das Opfer eine dunkle Hautfarbe hatte. Warum sich das Paar, das aus der nahen Nansenstraße zusah, in den Aussagen widerspricht, bleibt unklar. Und es ist offen, in welcher Phase des Tatgeschehens Ermyas M. „Schweinesau“ sagte – und als „Scheißnigger“ tituliert wurde, wie auf der Mobilbox zu hören ist. Reagierte Ermyas M. mit dem Tritt auf die Beleidigung? Oder provozierte er – mit zwei Promille alkoholisiert – leichtfertig kräftige Kurzhaarfiguren, die es dem „Nigger“ heimzahlten?

Kommenden Donnerstag wird der Ermittlungsrichter in Karlsruhe prüfen, ob Björn L. in Untersuchungshaft bleiben muss. Der Termin könnte von zentraler Bedeutung sein. Reichen dem Richter die von der Bundesanwaltschaft vorgetragenen Argumente nicht aus, die einen fremdenfeindlich motivierten Mordversuch belegen sollen, könnte L. freikommen. Damit würde die Position des Brandenburger Innenministers Jörg Schönbohm (CDU) gestärkt, der Generalbundesanwalt Kay Nehm eine Stigmatisierung Brandenburgs vorgeworfen hat. Sollte der Richter den Tatverdacht bejahen, wären Behauptungen, der Fall sei nur eine Schlägerei zwischen Betrunkenen, kaum noch zu begründen.

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