Zeitung Heute : Sachsen-Anhalt sucht neue Wege in der Bildungspolitik

Eberhard Löblich

Von Null auf Dreizehn in günstigenfalls elfeinhalb Jahren, so könnte bald die Durchschnittskarriere vieler Abiturienten in Sachsen-Anhalt aussehen. Soeben sind die ersten Gymnasiasten in die elften Klassen und damit in die Oberstufe gekommen. Doch nun bemühen sich die Bildungspolitiker bereits, diese 13 Jahre möglichst effektiv zu verkürzen. An 15 Schulen des Landes wurde bereits zum Schuljahresbeginn der Schulversuch 13 K begonnen: Abitur schon nach zwölfeinhalb Schuljahren.

"Abitur auf der Überholspur" so nennen insbesondere sozialdemokratische Bildungspolitiker ihre Reform und versuchten so, den Vorwürfen der CDU-Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die nämlich wollten partout nicht einsehen, warum es in Sachsen-Anhalt neuerdings nicht mehr möglich sein solle, bereits nach zwölf Schuljahren hochschulreif zu werden. "Wegen des aus meiner Sicht unsinnigen Moratoriums, mit dem sich die Kultusministerkonferenz um eine klare Entscheidung über 12 oder 13 Schuljahre herumgedrückt hat", meint Sachsen-Anhalts Kultusminister Gerd Harms. "Statt einer klaren Aussage wurde die Formel der 265 Gesamtwochenstunden gefunden und zur Grundlage eines in allen Bundesländern gleichermaßen anerkannten Abiturs gemacht." Die Zahl der Gesamtwochenstunden ergibt sich aus der Summierung von Unterrichtsstunden pro Woche in jedem Schuljahr am Gymnasium.

Da in Sachsen-Anhalt aber vor wenigen Jahren erst die Förderstufe mit einem gemeinsamen Unterricht für alle Schüler der Klassen fünf und sechs verbindlich eingeführt wurde, beginnt das Addieren der Wochenstunden erst in Klasse sieben. "Mit der Abschaffung der Förderstufe könnten wir auch in Sachsen-Anhalt die geforderten Gesamtwochenstunden problemlos in zwölf Schuljahren erreichen", meint Harms. An eine derartige Abschaffung aber denken weder Harms noch die Bildungspolitiker von SPD oder PDS. Beide Parteien halten eine Differenzierung der Schullaufbahnen bereits nach der vierten Klasse für eine soziale Auslese und damit für einen Verstoß gegen das Gebot der Chancengleichheit im Bildungssystem. Deswegen gibt es zwar keine sechsjährige Grundschule wie in Berlin und Brandenburg, aber die Förderstufe.

"Aber volle 13 Schuljahre sind auch nicht notwendig", meint Harms. Der Minister ist überzeugt, dass der eben erst begonnene und auf vier Jahre angelegte Schulversuch 13 K erfolgreich verläuft und das Abitur dann schon in absehbarer Zeit flächendeckend nach bereits zwölfeinhalb Schuljahren verliehen werden kann. "Bislang gehen wir viel zu nachlässig mit den Lebenszeiten junger Menschen um, die eben keine echten Bildungszeiten sind", ist Harms überzeugt. Wer sein Abitur erst Mitte bis Ende Mai mache, müsse bis zum Studienbeginn zum nächsten Wintersemester Däumchen drehen, weil seine Leistungsbewertung für eine Studienbewerbung schon zum Sommersemester eventuell zu spät komme.

Dauert die Schulzeit nur zwölfeinhalb Jahre, wäre alles besser. Durch das gesparte halbe Schuljahr könnten wehrpflichtige junge Männer ihren Wehrdienst leisten und anschließend ohne weiteren Zeitverlust das Studium aufnehmen. Auch für ein Praktikum oder für einen Studienaufenthalt im Ausland lasse sich die gewonnene Zeit nutzen, findet Minister Harms. Vor allem aber sollten die Universitäten die Chance nutzen und studienvorbereitende Kurse in den Sommersemestern anbieten. "Dadurch könnte man vielleicht sogar die landesweit viel zu hohe Zahl an Studienabbrechern reduzieren", hofft Harms.

Nicht nur wegen des verkürzten 13. Schuljahres, sondern auch noch durch andere Reformen könnten auf längere Sicht von den Schulen Sachsen-Anhalts Abiturienten an die Hochschulen und Universitäten drängen, die deutlich jünger sind als ihre Kommilitonen aus anderen Bundesländern. Denn im Landtag wird derzeit über eine Novellierung des Schulgesetzes beraten, durch die die Schuleingangsphase flexibler gestaltet werden soll. Begabtere Schüler sollen danach schneller durchstarten und das zweite Schuljahr bereits als Drittklässler erleben dürfen. Die ersten beiden Klassen werden zu einer flexiblen Eingangsstufe zusammengelegt, die Schulanfänger in einem individuell bestimmbaren Zeitraum zwischen einem und drei Schuljahren durchlaufen können. Durch die flexible Eingangsstufe will Harms Lernrückstände und unterschiedliche Entwicklungen der Kinder ausgleichen.

Der Gesetzentwurf will die flexible Eingangsstufe an den Grundschulen zu Beginn des Schuljahres 2000 / 2001 erproben. "Wir wollen die Möglichkeit schaffen, dies auf freiwilliger Basis durch einen einfachen Beschluss der Gesamtkonferenz einzuführen", sagt Harms. Voraussetzung für eine flexible Eingangsstufe sei aber eine verbindliche Einschulung aller Kinder mit sechs Jahren. Dies soll durch die Schulgesetznovelle künftig in Sachsen-Anhalt vorgeschrieben werden. "In Sachsen-Anhalt liegt das durchschnittliche Einschulungsalter mittlerweile bei 6,9 Jahren", sagt Harms. "Und nicht durch das 13. Schuljahr, sondern vielmehr durch diesen sich verstärkenden Trend werden die Schulabgänger immer älter." Und Minister Harms hat bereits über den Schulversuch hinaus gedacht: "Wenn unser Schulversuch 13 K so erfolgreich verläuft, wie wir es erwarten, können wir ihn in den Regelschulbetrieb übernehmen." Er hofft, dass viele Schulen die flexible Eingangsphase übernehmen, um in einiger Zeit Dreizehn-Klässler bereits nach elfeinhalb Jahren die Hochschulreife verleihen zu können. Die CDU-Opposition hat für die Schulgesetz-Novelle bereits prinzipielle Zustimmung signalisiert.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben