Zeitung Heute : Sachsen: Muskelkater kostenlos

Markus Klemm

Es muss wehtun. Die Oberschenkel haben zu brennen, die Unterarme vor Anstrengung zu zittern und allein der Gedanke an den Allerwertesten sollte zumindest Panik vor Stühlen und Bänken auslösen. Alles andere wäre etwas für Weicheier. "Echte" Mountainbiker brauchen nur zwei Dinge: ein vernünftiges Rad und ein gutes Gelände. Während die Wahl des Gefährts in der Regel vom Geldbeutel abhängt, bieten sich im Erzgebirge kostenlos schier unerschöpfliche Möglichkeiten für schwerwiegende Muskelkater und Wadenkrämpfe.

Stellt sich nur die Frage: Wo in dem Gebiet entlang der deutsch-tschechischen Grenze zwischen Johanngeorgenstadt und Altenberg geht es am besten? Selbst Einheimische müssen da erst einmal in sich gehen. So auch Robert Aßmann aus Scharfenstein. Der 25-jährige Ostdeutsche Vizemeister im Trail hat sein Leben komplett dem Rad fahren verschrieben. Das heißt bei ihm zum einen vier bis fünf Mal pro Woche zwei bis vier Stunden Training, zum anderen täglich Arbeiten in der nahe gelegenen Edelfahrrad-Schmiede "Checker Pig" in Drebach.

Rund um die Greifensteine etwa, da sei es besonders gut, meint er. "Dort ist sogar ein Downhill-Hang vorhanden." Also ideal für diejenigen unter den Bikern, die sich nichts besseres vorstellen können, als in halsbrecherischem Tempo möglichst steile Gefälle hinunterzurasen - und das stets in der Hoffnung, an einem Fels nicht ausgehoben und ins Gehölz geschleudert zu werden. Für diejenigen, die es nicht ganz so schnell lieben, gebe es auch noch die Trailstrecke Thalheim, meint Aßmann: "Das ist eine Trail-Hochburg." Dort seien sogar schon Weltmeisterschaften ausgetragen worden. Mit einer BMX-Bahn, an der der erste Mitteldeutsche Dual-Cup der Mountainbiker im vergangenen Jahr ausgetragen worden ist, wartet die Stadt Marienberg auf.

Strecken gibt es genug im Land der 1000er-Berge, seien es nun schmale Wurzelpfade entlang von Abhängen, fiese Steigungen, Schotterpisten oder schlammige Waldwege. Es ist nur schwierig, sie zu finden. Literatur gibt es kaum, die zahlreichen Karten helfen nur bedingt weiter. Auch der Tourismusverband Erzgebirge hat wenig Informationen. "Wir als Dachverband machen da weniger", sagt die Marketingverantwortliche Jana Vierig. Der Schwerpunkt der Angebote liege mehr auf dem Wandern und Radwandern.

Radwandern: Jenen meist buntgewandeten Hasardeuren, die Schutzbleche für Kinderkram, Klingeln für unnötigen Ballast halten und auch sonst mit der Straßenverkehrsordnung eher auf Kriegsfuß stehen, schläft beim Wort "Radwandern" in der Regel das Gesicht ein. Das hört sich nach Langeweile, Kaffeefahrt und Dreigang-Nabenschaltung an - niemals aber nach Mountainbiken.

Dennoch: Trotz der noch nicht allzu ausgefeilten Routeninformationen ist das Erzgebirge laut einer Internetumfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) bereits auf Platz sechs unter den 18 beliebtesten Mountainbike-Revieren in Deutschland geklettert.

Fichtelberg, der Klassiker

Vielleicht liegt das auch daran, dass immer mehr Clubs und Fahrradhändler ihre Tour-High-Lights ins Internet stellen. So finden Ortsunkundige dann auch ihren Parcours. Einen Klassiker kennen im Erzgebirge jedoch selbst jene, die ein Fahrrad nicht einmal geschenkt bekommen wollen: die Tour bei Oberwiesenthal auf den Fichtelberg, den mit 1214 Metern höchsten Berg des Erzgebirges. Dort gibt es sogar eine Seilbahn, wobei Aßmann zum Thema Bergbahnen eine deutliche Meinung hat. Er drückt es jedoch diplomatisch aus: "Solange ich kein 20 Kilo Bike fahren muss, würde ich schon hinaufbiken. Das ist gut für die Fitness und die Ausdauer." Andere würden zu Seilbahn-Radlern schlicht sagen: Warmduscher.

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