Zeitung Heute : Sachsens Glanz trifft Preußens Gloria

Das sagenhafte „Elbflorenz“ Dresden und seine reiche, über 500-jährige Musikgeschichte beherrschen die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2011

Mit ihrem Thema „Dresden“ wenden die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2011 den Blick zum sächsischen Nachbarn. Das ist mehr als regionales Interesse. Es ist 21 Jahre nach der Wiedervereinigung auch eine Standortbestimmung, die Suche nach der mitteldeutschen Identität. Typisch ist das historische, um Vormachtstellung besorgte Gerangel zwischen Sachsen und Preußen, der vergleichende Blick zwischen dem alten Fürstengeschlecht der Wettiner und den Hohenzollern, Aufsteigern in Europas Mitte. Sachsens Glanz oder Preußens Gloria? Und doch waren sich Friedrich Wilhelm I. und August der Starke freundschaftlich verbunden. Bei einem Staatsbesuch 1728 macht der Soldatenkönig dem strahlenden Kurfürsten seine Aufwartung, begleitet von Kronprinz Friedrich. Nicht nur der Vater genießt das üppige Programm aus Hoffesten, Maskenbällen, Militärparaden, Theater und Musik. Der junge Friedrich nimmt Dresden als den Maßstab, mit dem er als preußischer König kulturell wetteifern wird.

Und Dresden trifft auch heute den Nerv der Zeit: Die Stadt, die Jahrzehnte lang im Dornröschenschlaf lag, hat heute wieder eine Ausstrahlung, die weit über die umgebenden Sandsteinfelsen hinausreicht. Die neue Frauenkirche ist ein Symbol der Versöhnung. Die Altstadt, die in ihrer Wirkung rekonstruiert wird, bietet dem Mythos Dresden reichlich Futter. Ein Mythos, der anscheinend gerade durch den Untergang der Stadt und ihrer Wunder enorm gestiegen ist: Täglich strömen die Touristen durch vorgeblendete Barockfassaden rund um die so elegant geschwungene Kirche und suchen zwischen Kaffee und Eierschecke, Barockkostümen und Baustellen nach dem, was diese Stadt ausmacht.

Doch Dresden ist mehr als die Summe seiner Steine. Zu allen Zeiten wurde die Stadt von Musikern geprägt. Ein Who-is-who an Komponisten hat für und von Dresden gelebt. Hier stand die musikalische Wiege der Reformation, als Johann Walter die ersten Choräle Martin Luthers vertonte. Schütz und Praetorius errichteten darauf prächtige Choralkonzerte. Italienische Oper erklang erstmals in Dresden vor deutschen Ohren mit Giovanni Andrea Bontempis „Il Paride“ und fand in Johann Adolph Hasse, Carl Maria von Weber und Richard Wagner zu wahren Sternstunden. Die Romantik hielt mit Robert Schumanns Kammermusik Einzug in die Salons, und sogar der Aufbruch in die Moderne wurde hier gewagt, in Hellerau. Eine visionäre Einheit aus Musik, Tanz, Licht und Architektur lockte Europas Avantgarde an: Oskar Kokoschka, Else Lasker-Schüler, Darius Milhaud, Gerhart Hauptmann und Max Reinhardt.

Und wie ein roter Faden durchzieht die Geschichte der Hofkapelle die Musik der Stadt, von den Sängern des Kurfürsten Moritz von 1548 über das barocke Eliteensemble unter Heinichen, Zelenka und Pisendel bis hin zur Sächsischen Staatskapelle Dresden unserer Tage. Der Aufstieg und Fall Sachsens, Hochzeiten und Kriege aller Epochen, prunkvolle Hoffeste und Zeiten der Trauer haben sich hier vielfältig in Musik eingeschrieben, die das Lebensgefühl im „Elbflorenz“ bis heute bewahrt hat. Wer diese Musik zum Klingen bringt und wer ihr lauscht, erfährt vielleicht mehr über den Mythos Dresden als beim Anblick bunter Blendfassaden.

Mit vier Stationen des Staatsbesuchs von 1728 tauchen die Besucher der Musikfestspiele am Eröffnungstag mitten hinein in die barocke Dresdner Festkultur. Daran schließen sich zwei Wochen aus Opern, Konzerten und Führungen an, die 500 Jahre Musikgeschichte und den Mythos Dresden in Potsdam wieder lebendig werden lassen: Sachsens Glanz trifft Preußens Gloria.

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