Zeitung Heute : Sachsens Museumsmacher locken und fürchten Touristen zugleich

Museen sind auch in Sachsen kein Selbstläufer mehr. Die Kultureinrichtungen wollen verstärkt in die Offensive gehen, um neue Besuchergruppen in die Kunsttempel zu locken. Bei einer Tagung des Sächsischen Museumsbundes "Museum und Tourismus" wurde jetzt deutlich: Die Museen können auf Touristen nicht verzichten, zugleich fürchten sie aber den Verlust ihrer Identität.

Mit den Massen könne eine "Disneysalisierung" in Museen Einzug halten, befürchtet beispielsweise der Leipziger Kulturprofessor Arnold Vogt. Mit einiger Abscheu benennt der Wissenschaftler "Geschmacklosigkeiten" des kommerzialisierten Museumsbetriebes. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders": das berühmte Luther-Zitat auf einer weissen Souvenirsocke sei Ausdruck einer heraufziehenden "Fast-food-Kultur". Jedoch biete bloße Abgrenzung vom Tourismus keine Lösung. Die Museen müssten vielmehr die "Wahrhaftigkeit des Echten" bewahren.

Verschließen können die Kultur-Tempel ihre Pforten nämlich nicht vor den Touris-ten. Allein der wirtschaftliche Aspekt zwingt zu Zugeständnissen an den Kommerz. So gibt der Kultur-Urlauber durschnittlich über zehn Prozent mehr für seine Reisen aus als der Durchschnitts-Tourist, wie die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen ermittelte.

Wer nach Sachsen kommt, will auch Kunst und Kultur erleben. Bei einer Umfrage des Landestourismusverbandes landete dieses Motiv hinter Landschaft und Neugier auf die Region auf Rang drei.

So sind Sachsens Museumsmacher verstärkt zur Zusammenarbeit mit der Tourismusbranche bereit. Für den Direktor des Freilichtmuseums Schloss Blankenhain, Jürgen Knauss, steht fest, dass Touristen wie Kunden behandelt werden müssen. Er selbst sieht bei den sächsischen Kultureinrichtungen enormen Nachholbedarf. "Da werden Gäste manchmal bereits an der Kasse angeblafft", berichtet Knauss aus seiner Erfahrung. Diese Ignoranz ziehe sich wie ein roter Faden durch viele Museen. Zugleich wehrt Knauss sich gegen eine Vereinnahmung der Museen durch Massentourismus. Es sei bedenklich, wenn etwa Mittelalterfeste nur noch zu "folkloristischer Staffage und Kulissenschieberei" verkämen.

Knauss befürwortet ein Zusammenspiel von Museen und Tourismus, von dem beide profitieren könnten. Dabei müssten jedoch museale Attraktionen "wie Satelliten um die Sonne" kreisen. Die Sonne sei der wissenschaftliche Charakter der Museen. So sei Waschen an einem historischen Waschbrett keine "Jubel-Trubel-Heiterkeit-Veranstaltung", sondern veranschauliche das beschwerliche Landleben. Daher lehnt es der Musemums-Chef auch ab, Veranstaltungen wie das Backen in historischen Brotöfen zur wöchentlichen Belustigung werden zu lassen. Knauss empfiehlt: "Wir müssen die Güter verknappen, um sie wertvoll zu halten."

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