Zeitung Heute : Sachverstand mit Brief und Siegel

Die Arbeit als Gutachter kann sich vom netten Nebenerwerb zur lukrativen Einnahmequelle auswachsen – die Nachfrage nach qualifizierten Kräften ist groß

Andreas Monning

Sachverständige haben viele Aufgaben: Sie treten in Aktion, wenn am Bau Mängel begutachtet werden müssen, die Versicherung nach einem Autounfall eine genaue Einschätzung der Schäden braucht, oder ein Sammler den Wert seiner vermeintlich kostbaren Porzellanvase bestimmen lassen will. Zum Gutachter weiterbilden kann sich grundsätzlich jeder, in der Datenbank des Bundesverbandes Deutscher Sachverständiger und Fachgutachter e.V. (BDSF) findet man Handwerker daher genauso wie Ärzte, Juristen oder Ingenieure. Gefragt ist Expertenwissen - und das wird gut bezahlt.

Der Arbeitsmarkt für Sachverständige und Gutachter entwickelt sich positiv: „Der Bedarf steigt eindeutig an allen Enden“, erklärt Roozbeh Karimi, leitender Projektmanager beim BDSF. Einen Grund dafür sieht der Fachmann in der Zunahme unqualifizierter Arbeit, die zu Produktionsmängeln führe, was wiederum Begutachtungen nach sich zögen. Zudem gäbe es auf den Straßen zwar weniger Verkehrstote, die Unfälle insgesamt aber stiegen weiter.Im medizinischen Sektor müssten Pflegestufen ermittelt werden und Rechtsstreitigkeiten um Behandlungsfehler ausgetragen werden und der Bereich IT ist sogar chronisch unterbesetzt. Neben öffentlich bestellten Sachverständigen nehmen immer mehr freie Experten die Tätigkeit auf, sowohl als Neben- als auch als Haupterwerb.

Der Haken ist, dass weder „Sachverständiger“ noch „Gutachter“ eine geschützte Bezeichnung darstellt – der Hobbygärtner kann also als Gutachter für Grünanlagen auftreten. Um sich geprüfter Sachverständiger nennen und ein Siegel tragen zu dürfen, das Qualität garantiert und bei Kunden für Vertrauen sorgt, muss man sich von einem prüfungsberechtigten Verband zertifizieren lassen. Karimi erklärt, worauf es ankommt:„Als formale Voraussetzung braucht man vor allem berufliche Qualifikationen, die mit Abschlüssen, Arbeitszeugnissen oder Projektberichten nachzuweisen sind.“

Wer zu wenig Erfahrung hat, kann versuchen die Defizite durch entsprechende Fachseminare bei Fachverbänden wie den Kammern zu beseitigen. Notfalls wird man in die Warteschleife geschickt: Ein paar Jahre Berufserfahrung mehr und die Sache sieht vielleicht ganz anders aus. Stimmen dagegendie Voraussetzungen, kann die Ausbildung zum Gutachter beginnen:„Wir bringen den Bewerbern bei, wie man ein Gutachten richtig schreibt“, erklärt der Projektmanager. „Wie hat es formal auszusehen, welche Gesetze gelten, was darf ich machen und was nicht: Es gibt viele Details, die man wissen muss.“

Die höchste Stufe der Qualifizierung ist übrigens die ISO-Zertifizierung, die als weltweit anerkannter Standard zur Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung gilt. Arbeitsämter beispielsweise verlangen diese Norm von ihren Kooperationspartnern, aber auch große und mittelständische Unternehmen gehen immer mehr dazu über, bei Lieferanten, Beratern aber auch Gutachtern eine Zertifizierung nach ISO zu fordern. Die Zertifizierung gewährt, dass der Partner auf hohem Niveau agiert und Kundenzufriedenheit und Qualitätssicherung einen hohen Stellenwert haben. Bruno W. Tabert (67), Generalbevollmächtigter des Berliner Immobilienmaklers Winters und Hirsch, ist Diplom-Sachverständiger und geprüftes Mitglied des BDSF. Trotz langjähriger Berufserfahrung besuchte der Ingenieur und Betriebswirt vor einigen Jahren die Europäische Berufs- und Wirtschaftsakademie St. Gallen und qualifizierte sich zum diplomierten Sachverständigen für bebaute und unbebaute Grundstücke. Zusätzlich legte er die Prüfung beim BDSF ab und vergrößerte damit seinen Tätigkeitsbereich.

„Mit den technischen und wirtschaftlichen Fragen kennt man sich bestens aus“, erklärt Tabert den aufwändigen Schritt, „daneben gibt es aber unglaublich viele kaufmännische und juristische Fragen rund um Wohnrecht, Wegerecht oder Nießbrauch. Außerdem erwarten unsere Kunden, dass wir mit internationalen Bewertungsmethoden arbeiten können – die Europäisierung der Märkte hat viel verändert.“ Um der großen Verantwortung gerecht zu werden und Kunden bei ihrer nachvollziehbare Entscheidungsgrundlagen für ihre Investitionen zu bietenhelfen, müsse man analytisches Denken trainieren. Dass der Immobilienfachmann in absehbarer Zeit die Prüfungen routinemäßig erneuern muss, stört ihn nicht, im Gegenteil: „Der Besuch der entsprechenden Seminare schafft Kontakte zu anderen Sachverständigen“, freut er sich. "Es entsteht ein Netzwerk, in dem man sich rege über Fachfragen austauscht und gegenseitig weiterhilft.“

Wo man mit welcher Ausrichtung als Sachverständiger noch Chancen hat, erklärt am besten ein Berater der Verbände. Berlin als Metropole habe naturgemäß viele Gutachter, voll sei der Markt allerdings auch hier nicht. „Ältere Gutachter steigen aus und machen Platz für Jüngere“, beruhigt der BDSF-Projektmanager Karimi. Auch wenn theoretisch bereits ein 18-Jähriger Sachverständiger für Computerspiele werden könne, nähmen die meisten die Tätigkeit erst mit über 40 auf. Die aktive Phase sei daher überschaubar. Als Einsteiger finanziell komplett auf die Gutachtertätigkeit zu bauen mache wenig Sinn, nach einigen Jahren entwickle sich die Aufgabe sie sich jedoch häufig zur Hauptbeschäftigung.

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