Zeitung Heute : Saddams Irak: Der Diktator im Hawaiihemd

Susanne Stiefel

Oben auf dem Dach des Al-Rashid hat er seine Bilder vom Golfkrieg gesendet. "This is Peter Arnett, CNN, Bagdad" - dieser Satz ist vielen noch im Ohr. Wer heute im Nobel-Hotel in Iraks Hauptstadt absteigt, tritt George Bush mit Füßen. Unten am Eingang nämlich ist das Gesicht des einstigen amerikanischen Präsidenten als verzerrte Fratze in den Boden eingelassen. Für die, die es immer noch nicht begreifen, ist drunter geschrieben: "Bush is criminal." In das ungläubige Starren der Besucher hinein sagt unser irakischer Begleiter: "Bald wird hier auch sein Sohn liegen." Und lacht.

Der Irak ist kein Land für subtile Feinheiten. Der Fernsehturm, vor zehn Jahren von britischen Bomben zerstört, ist längst wieder aufgebaut zum "Tower of Revenge". Nach Rache schreit auch die überlebensgroße Statue von Saddam Hussein davor: Die Trümmer der Cruise Missiles sind dramatisch um den irakischen Präsidenten drapiert, er steht auf den Medaillons von Maggie Thatcher, George Bush, François Mitterrand. Und oben drehen sich die Reichen Bagdads im Turmrestaurant und schauen hinunter auf die Stadt.

Wer die Feinde sind, ist klar, auch zehn Jahre nach der Operation Wüstensturm. Täglich werden sie im Fernsehen an den Pranger gestellt: Die Menschen hungern, schuld ist das UN-Embargo. Die Kinder sterben, schuld sind die Kriegsgegner von einst. Ein ganzes Volk isoliert und abgeschnitten von der Welt, schuld ist das Flugverbot. Die irakische Propagandamaschine rotiert.

Klar ist, dass auch die USA nicht nur aus Friedens-Interessen handeln. Klar ist aber auch, dass im Irak seit zehn Jahren einer immer reicher wird. Und mit ihm eine kleine Clique von Kriegsgewinnlern und Ölschmugglern. Der Präsident und Verantwortliche für den Überfall auf Kuwait leidet keine Not, trotz Embargo und Flugverbot. Und eben darum zweifeln inzwischen viele an der Wirksamkeit dieser Maßnahmen.

Saddam ist der Irak, der Irak ist Saddam. Der Mann ist omnipräsent: Im Fernsehen, wo stundenlang der Staatsbesuch aus dem Jemen zu sehen ist; durch seine Paläste, die in einer Mischung aus Festung und neureichem Protz die Armut des Volkes umso deutlicher werden lassen. Laut "Forbes Magazine" ist Saddam Hussein der siebtreichste Staatschef der Welt. Einer, der sich drei Riesenmoscheen bauen lässt, die seinen Ruhm mehren sollen. Dessen Abbildung aber auch auf kitschigen Feuerzeugen prangt.

Es ist ein ein regelrechter Bild-Kult entstanden. Mal gibt Saddam den Militär mit Knarre und Uniform, mal den Touristen mit Kamera und Hawaiihemd. Vor dem Postamt ist er mit Telefon abgebildet, auf dem Aufmarschplatz in Mossul als Ben Hur mit Kampfwagen. Es gibt Saddam als gütigen Vater, als stolzen Scheich und betend auf einem Teppich. In der Öffentlichkeit hingegen ist Saddam selten zu sehen. Man munkelt von Doppelgängern und von fingierten Bewegungen vor seinen Palästen - aus Angst vor Attentaten. Hat ihn überhaupt mal einer leibhaftig gesehen in letzter Zeit?

Ja, behauptet unser Begleiter, einer von mehreren, die die kleine Gruppe ausländischer Besucher betreuen. Oder soll man das besser beaufsichtigen nennen? Wer mit Irakern sprechen will, braucht einen von ihnen als Übersetzer. Und manchmal hat man den Eindruck, dass ihre Gegenwart die Menschen verstummen lässt.

Er jedenfalls, sagt unser Begleiter, sei im vergangenen Oktober in einem verdunkelten Bus mit anderen Mitarbeitern vom Informationsministerium abgeholt worden. Wohin sie gefahren seien, konnte er nicht sehen. "Es ist wohl ein Palast in Bagdad gewesen", sagt der Mann stolz. Saddam hat sich Zeit genommen, sich nach den Kindern und der Familie erkundigt und den kleinen Sorgen, bevor die Beamten wieder heimgekarrt wurden. Mit verbundenen Augen? Ein verständnisloser Blick. Der Irak ist kein Land für kleine Späße.

Mitten im Elend die Idylle

"Wir wollen, dass Sie über die Schönheit des Landes und die reiche Geschichte schreiben", sagt der Mann vom Tourismusministerium, "es hat Ihnen doch gefallen, oder?" Das ist keine wirkliche Drohung, und doch liegt das Unbehagen in der Luft. Sicher, da gibt es das alte Babylon mit seinen Toren, Palästen und den hängenden Gärten der Semiramis. Da vergisst man sich im Wüstenschloss Ukhaider und fängt an zu träumen, wenn man die Frauen in der untergehenden Sonne am Euphrat entlangschreiten sieht. Der Irak, das ist Mesopotamien, das fruchtbare Zweistromland, die Wiege der Menschheit. Hier lag das biblische Paradies, hier steht mit der Moschee in Kerbala eines der größten schiitischen Heiligtümer, hier ist das Gilgamesch-Epos zu Hause, das älteste literarische Denkmal der Menschheit, überliefert in Keilschrift auf Tontafeln. Die Wahrheit der Menschheitsgeschichte.

Doch manchmal holt die Gegenwart die Vergangenheit ein. Der Goldschatz von Nimrud, 25 Millionen Dollar wert, ist seit dem Bombardement aus dem Museum in Bagdad verschwunden. Man munkelt, dass er in einem von Saddams Bunkern versteckt ist. Aus Sicherheitsgründen, selbstverständlich.

Bagdad ist die Stadt der Taxis. Wer hier in eines der klapprigen Autos mit den orangefarbenen Kotflügeln steigt, kann sich zumindest auf eins verlassen: Die Windschutzscheibe ist zerbrochen. Immer. Auf dem Markt mischen sich Düfte von Gewürzen mit Tierausdünstungen und dem Abfall in den engen Gassen. Stachelschweine und Greifvögel, Batterien und Pokémon - hier gibt es fast alles. Trotz Embargo.

Was fehlt, ist das Geld. Die meisten brauchen mehr als einen Job zum Überleben: im Büro, als Dolmetscher, als Lehrer. Vor allem der Mittelstand schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Gut verdienen manche Händler. Denn die neuen Reichen brauchen Teppiche, Nippes, Gemälde. Zu den Verlierern gehören die, deren Namen keiner nennt, weil es zu gefährlich ist. Menschen, die ihren Job im Handelsministerium verloren haben, weil sie den Mund aufgemacht haben. Menschen, die sich nach einem Studium nun als Führer in historischen Bauwerken durchschlagen und völlig verarmt sind. Menschen, die die da oben, die sich im teuersten Restaurant Bagdads auf dem "Tower of Revenge" drehen, nicht sehen. Bagdad - das sind widersprüchliche Wahrheiten.

Die Wahrheit der Frauen

Auf den Straßen sieht man Tschador und Kostüm, vor allem in der Hauptstadt. Mal ist das Frauengesicht unter dem Kopftuch geschminkt, mal nicht. Saddam kümmert sich um die Frauen, sagt einer unserer unzähligen Begleiter. Frauen werden geehrt, weil sie Söhne gebären. Für den Krieg. Doch wenn man bei der Bewirtung einer kleinen Gruppe am Ende bemerkt, dass da ein Tee zu wenig ist, dann wird das Getränk selbstverständlich der Frau aus der Hand gerissen. Das sind die weiblichen Wahrheiten.

Kerbala - ein heiliger Ort. Busse aus dem Iran parken in der Stadt, bringen Tausende von Pilgern zum Schrein des Enkels des Propheten, der hier ermordet wurde. Golden schimmert die Kuppel, die Mosaike leuchten in der Sonne. Ungläubige dürfen nicht rein, Frauen schon gar nicht. Doch versteckt unter einem schwarzen Tschador und der Identität einer jugoslawischen Muslimin wird wenigstens der Hof erobert. Gestohlene Blicke. Drinnen am Allerheiligsten, dort, wo sich niemand mehr in Schuhen aufhält, streichen die Betenden am Schrein vorbei, heften die Frauen Fäden aus ihren Gewändern an die Gitter: Damit ihre Wünsche erfüllt werden. Weil die Wächter diese Mitbringsel immer wieder abmachen, haben manche ihre Wünsche mit kleinen Vorhängeschlössern befestigt. Islamische Wahrheiten.

Und dann ist da dieses Klima der Angst, das wie Mehltau über dem Land liegt. Keiner nimmt den Namen des Mannes in den Mund, der überall abgebildet ist. Damit kein Spitzel die Ohren spitzt, genauer hinhört, weiterträgt. Wir nennen Saddam fortan Tegtmaier. Spaßeshalber. Und Israel mutiert zum "bösen kleinen Land". Im Irak lernt man, auf das Ungesagte zu hören.

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