Zeitung Heute : Sägt den Osten ab!

Von Martin Kilian

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Der donnernde Sieg des texanischen Augustus ist unanfechtbar, und derweil Sie deshalb schmollen, stimme ich herzhaft „Heil Dir im Siegerkranz!“ an und harre George W. Bushs zweiter Amtseinführung im Januar in Washington, wo 91 Prozent der Wähler gegen ihn stimmten.

In die Freude über den großen Erfolg mischt sich indes Sorge, ja, ein Wermutstropfen kullert in die Sektschale, da sich die Geister leider sehr am Präsidenten scheiden. Nichts einigt er. Stets trennt er. War es bisher vor allem der Rest der Welt, den er auseinander dividierte, so ist es jetzt Amerika selber, welches an George W. Bush zu zerbrechen droht. Wer meinte, nach dem Wahlsieg des Präsidenten würde sich die explosive inneramerikanische Lage beruhigen, sieht sich getäuscht. Schlimmer noch: Republikanisches Rot und demokratisches Blau vertragen sich nach dem neuerlichen Amtsgewinn des texanischen Triumphators weniger denn je. War das Verhältnis zwischen roten und blauen Staaten bereits vor der Wahl zerrüttet, so läuft es nun womöglich auf eine bittere Scheidung hinaus.

So fordert etwa ein gewisser Mike Thompson in der erzkonservativen roten Postille „Human Events“ – einst Lieblingsblatt Ronald Reagans! – den Ausschluss blauer Staaten aus der amerikanischen Union. Dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten und Rechtsaussen Barry Goldwater schwebte Ähnliches vor: Er denke manchmal, „dem Land ginge es besser, wenn wir die Ostküste einfach absägten und in den Ozean treiben ließen“, sagte Goldwater. Um Gottes willen! Die Vorstellung, New York und Washington und Boston trieben auf Hamburg, Rotterdam und Genua zu!

Nun möchte dieser Mike Thompson also Staaten wie Kalifornien, New York und Massachusetts aus der amerikanischen Union entfernen, weil sich die dort beheimateten unmoralischen Linksliberalen vornehmlich an „Obszönität und sexueller Perversion“ labten. Und der rabiate Senator Zell Miller, ein demokratischer Renegat aus dem tiefroten Staat Georgia, legte sich gar mit der Kolumnistin Maureen Dowd von der blauen „New York Times“ an. Die Roten, tobte Zell, bräuchten keine Ziege wie Dowd, die ihnen erkläre, weshalb sie allesamt Idioten seien. Worauf Dowd beim Senator anfragte, ob er „mit Pistolen oder mit Schwertern“ duellieren wolle.

Insgesamt haben die Blauen inzwischen die Nasen gestrichen voll von der moralischen Überheblichkeit der Roten und besonders der roten Südstaatler. Auf der Webseite „fuckthesouth.com“ rechnet ein anonymer Blauer daher scharf mit den Gefolgsleuten des christlichen Ranchers aus Crawford ab. Sie sollten sich ihren „Bullshit“ irgendwohin schieben, wütet der Anonymus und verweist auf Erstaunliches: Nirgendwo ist die amerikanische Scheidungsrate höher als in den roten Staaten, während sie im tiefblauen Massachusetts am niedrigsten ist. Und weil wir gerade dabei sind: Dort, wo die Fundis am lautesten Jesus besingen, ist die Mordrate am höchsten, sind Teenager-Schwangerschaften am häufigsten und wird generell gesündigt, was das Zeug hält. Nirgenwo im weiten amerikanischen Land wird beispielsweise mehr gemeuchelt als in Texas, Oklahoma oder Louisiana.

Warum das so ist, erklärte uns der spielstarke texanische Blues-Sänger T-Bone Walker in seinem vortrefflichen Song „Stormy Monday“: Am Freitag wird der Wochenlohn ausbezahlt, es „fliegt der Adler“, wie T-Bone diesen Vorgang beschrieb. „Am Samstag“, so Walker weiter, „gehe ich aus zum Spielen und am Sonntag in die Kirche zum Beten“. Der Samstag ist mithin der Schlüsseltag: Die Roten, den Geldbeutel voller Dollars, gehen „spielen“, das heißt, sie knallen sich hemmungslos die Birne voll, schwängern Teenager oder strecken jemanden nieder. „Backsliding“ heißt das. Weil man zurück in die Sünde schlittert. Am Sonntag wird sodann alles weggebetet, und – hoppla! – schon sind die „moralischen Werte“ wiedergewonnen. Genial, was?

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