Zeitung Heute : „Sag nicht das F-Wort“

Eine clevere Geschäftsidee: Im vornehmen Linthwaite Hotel in Mittelengland darf während der WM nicht über Fußball gesprochen werden. Die Angestellten haben strikte Anweisung, das „F-Wort“ nicht in den Mund zu nehmen. Statt Live-Fußball aus Deutschland speist Hotelbesitzer Mike Bevans romantische Kuschelfilme ins Hotel-TV ein.

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Mr. Bevans, ist Ihr fußballfreies Hotel nur ein Marketing-Gag?

Zumindest ein guter Einfall. Es ist eine riesige Minderheit, die vor dem Fußball fliehen möchte. Wir sind zwar noch nicht ausgebucht – die Aktion läuft erst seit ein paar Tagen –, aber ständig werden Prospekte angefordert, sogar Männer haben sich schon erkundigt.

Ernsthaft? Männer? Nach Wellnessangeboten?

Naja, es haben schon ein paar Männer angerufen, die sich diskriminiert gefühlt haben, weil wir sie in einen Topf mit all den fußballverrückten Typen geworfen haben.

Herrje, die Armen. Uns kommen die Tränen.

Sind wir mal ehrlich: Die Wellnessangebote, die wir in unserem Hotel offerieren, richten sich in erster Linie an die weiblichen Gäste. Und üblicherweise begleiten Männer ihre Frauen hierher, weil die Frauen gebucht haben und die Männer den Ehefrieden nicht zerstören wollen.

Sie können Fußball also nicht leiden?

Nein, wie kommen sie darauf? Ich bin riesiger Fußballfan, genauso wie einige meiner Angestellten. Aber jetzt zur WM herrscht solch ein Aufruhr, überall hängen Fahnen, stehen Großbildleinwände, da braucht man auch mal einen ruhigeren Ort. Und da habe ich kalkuliert, dass es eine kleine Minderheit gibt, die unser Angebot prima findet. Wir sind aber, gleich nachdem das Angebot durch die Presse ging, von Anfragen geradezu überrannt worden.

Ihr generöses Angebot lautet: Ihre Mitarbeiter dürfen in Anwesenheit der Gäste nicht über Fußball sprechen. Eine knifflige Aufgabe für echte Fußballfans.

Alle Gäste wissen über die Aktion Bescheid und versuchen ständig, meine Mitarbeiter reinzulegen, nach dem Motto: „Hey, wie war eigentlich das Ergebnis des Spiels gestern?“ Wir antworten natürlich, schlau wie wir sind: „Welches Ergebnis? Welches Spiel?“

Und wenn die Mitarbeiter unter sich sind?

Dann dürfen sie so viel über die WM und unser Team diskutieren, wie sie wollen. Aber für alle Fälle wird jeder Gast beim Einchecken mit einer Roten Karte ausgestattet, die er den Angestellten zeigen kann, sollte er sie beim Benutzen des „F-Worts“ erwischt haben. Dann bekommt der Gast anstandslos ein Glas Champagner.

Ihre Angestellten haben nicht gemeutert?

Ach, wissen Sie, die zwei, drei wirklich fußballbegeisterten Mitarbeiter hier im Hotel haben mich für komplett verrückt erklärt. Aber das ist halb so wild. Bei uns arbeiten Leute aus Deutschland, Polen, Spanien, Frankreich, aber komischerweise interessiert die das Turnier nicht so wahnsinnig.

Genügend Vorräte haben Sie gebunkert? Es wird doch sicher hektoliterweise Champagner fließen.

Völlig egal, solange wir Weltmeister werden.

England Weltmeister? Sie belieben zu scherzen.

Sie spielen doch ein gutes Turnier. Deutschland ist mit seiner Underdog-Rolle auch gut zurechtgekommen. Das liegt denen ja leider. Wer allerdings Geld setzen will, sollte vermutlich auf Brasilien wetten, aber in so einem Turnier kann eine ganze Menge passieren.

Sie darf das ja beruflich nicht mehr interessieren. Stattdessen hieven Sie spezielle Frauenfilme in ihr Football-Free-Zone-Programm. Was gilt denn für Sie persönlich: Lieber „Pretty Woman“ oder lieber Wayne Rooney?

Wenn Sie mich so fragen: lieber Wayne Rooney.

Das Gespräch führte

Jan-Christoph Poppe.

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