Zeitung Heute : Sag nur vier Worte

…und die Berliner jubeln: Robert Lochner brachte Kennedy seinen wichtigsten Satz bei

Katja Füchsel

Schon peinlich. An einen fremden Schreibtisch zu treten, Türen und Schubladen aufzureißen, auf der verzweifelten Suche nach einem Stück Papier. Vor allem, wenn im Rücken der amerikanische Präsident wartet. So war das vor 40 Jahren: Da stand Robert H. Lochner das letzte Mal am Schreibtisch von Willy Brandt im Rathaus Schöneberg und suchte schrecklich nervös nach einem Zettel, auf den er den Satz schreiben konnte, die berühmten vier Worte, die noch heute fast jeder Deutsche mit Kennedy in Verbindung bringt. Wir haben uns in Brandts Büro verabredet, seit damals ist Lochner nicht mehr hier gewesen. Der heutige Hausherr, Bezirksbürgermeister Ekkehard Band, empfängt uns freundlicherweise. „Das macht Spaß nach so vielen Jahren“, sagt Lochner, 84 Jahre alt, grauer Anzug, roter Schlips. „Da steigt die Erinnerung so lebendig wieder auf.“

Als Lochner dann ans Fenster des holzgetäfelten Büros tritt, hat er die Szenerie vom 26. Juni 1963 wieder vor Augen: die Menschenmassen auf dem Platz, in den Straßen, „nur ein paar Kranke sind in Berlin nicht auf der Straße gewesen“, sagt er. Und neben ihm am Fenster stand US–Präsident John F. Kennedy, radebrechend, weil er eben jenen Satz übt, der wenig später um die ganze Welt gehen wird: Isch bin ine bear-lean-ar, sagte Kennedy. Ich bin ein Berliner, verbesserte Lochner. „Ich hatte ihm den Satz in Großbuchstaben auf den Zettel geschrieben.“

Es ist nicht leicht, sich mit dem ehemaligen Journalisten und Dolmetscher zu verabreden: Montags Faustball, dienstags Tennis, mittwochs Faustball… Und als Zeitzeuge ist Lochner derzeit besonders gefragt. „Je älter ich werde, desto höher steigt mein Wert“, sagt er, als er sich am Besuchertisch auf einem der hohen Lehnstühle niederlässt und nicht ohne Selbstironie erklärt: „In meinem Jahrgang werden die Zeitzeugen schließlich immer seltener.“ Im Büro im ersten Stock sieht fast noch alles genauso aus wie vor 40 Jahren – der Kronleuchter, der Schreibtisch. Und jeden Tag, Punkt zwölf, ertönt die Freiheitsglocke am Rathaus Schöneberg.

Ich bin ein Berliner – so könnte auch Lochners Bekenntnis lauten: Am 20. Oktober 1918 in New York geboren, absolvierte der Sohn des AP–Korrespondenten Louis Lochner seine Schulzeit in Berlin, flüchtete vor dem Zweiten Weltkrieg, kehrte aber 1945 in der Uniform eines amerikanischen Majors zurück. Lochner wurde Chef der Nachrichtenabteilungen der vier US–Zonensender – seine Stimme verkündete den Deutschen die Einführung der D-Mark. Später war er Direktor des Rias und dolmetschte für Berlins Militärgouverneur Lucius D. Clay („voller Bewunderung“), Vizepräsident Lyndon B. Johnson („furchtbar jähzornig“) und Kennedy („immer unter totaler Kontrolle“).

Kennedys Empfang in Köln, Bonn und Frankfurt war schon ziemlich enthusiastisch ausgefallen, aber was auf Berlins Straßen los war, übertraf laut Lochner das alles noch. Sichtlich bewegt, wollte der Präsident offenbar dieses ganz besondere Zeichen setzen und bat seinen Dolmetscher spontan, ihm auf einem Zettel „I am a Berliner“ auf Deutsch zu notieren – in Großbuchstaben: ICH BIN EIN BERLINER. Zwei, drei Mal sagte Kennedy dann den Satz zur Übung vor sich hin, bevor er die Treppe hinunter in Richtung Rednerbühne eilte.

Ein Satz wie ein Hammerschlag. Die Menge auf dem damaligen RudolphWilde-Platz vor dem Rathaus schrie jubelnd auf, an den Fernsehern zu Hause liefen manchem Berliner Tränen übers Gesicht.

McGeorge Bundy, dem politischen Berater, wurde schlagartig klar, dass der Satz, der ursprünglich auf Englisch die Rede beenden sollte, auf Deutsch erstaunlich an Bedeutung gewonnen hatte. Zurück im Büro war Robert H. Lochner sofort wieder an Präsident Kennedys Seite und hörte deshalb wie Bundy dem Präsidenten zuraunte: „I think that went a little too far“ („Das ging wohl ein bisschen weit“). Kennedy überlegte kurz und änderte dann einige Stellen seiner zweiten großen Rede, die er nachmittags an der Freien Universität halten sollte. „Die Änderungen liefen auf einen etwas versöhnlicheren Ton gegenüber den Sowjets hinaus“, sagt Lochner.

Wie Kennedy so war? Höflich, sagt Lochner. Geduldig, herzlich und unkompliziert. Gönnte sich nie einen Augenblick der Ruhe. Lochner verehrte Kennedy schon vor seinem Besuch, während der vier Tage sei er von seinem Präsidenten nicht „eine Sekunde lang“ enttäuscht worden. Lochner wirkt jetzt ein wenig gedankenverloren, schüttelt den Kopf, als könne er es bis heute nicht glauben. „Total control. Always. Total control.“ Manchmal, wenn er von dem ehemaligen Präsidenten spricht, fällt Lochner wieder ins Englische.

Vom Attentat im November 1963 erfuhr Lochner im amerikanischen Offiziersclub Harnack House – von der Garderobenfrau. Der Rias-Direktor raste zum Funkhaus, stellte sofort das Programm um: auf ernste Musik, Nachrichten im Viertelstundentakt, Reportagen aus Amerika. Als Lochner am späten Abend nach Hause fuhr, wollte er es kaum glauben: In jeder Straße, in jedem Haus, überall hatten die Berliner zum Zeichen der Trauer eine Kerze in Fenster gestellt. „Das war einer der bewegendsten Eindrücke meines Lebens“, sagt er. Und hier, im Büro von Willy Brandt, holt der Moment den Journalisten noch einmal ein. Seine Stimme bricht, in den Augen sammeln sich Tränen. „Keine Stadt hat so getrauert wie Berlin. Auch nicht in Amerika.“

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