Sagen und Legenden : Wenn Harry den Wagen holt

Helmut Schümann

Der Wahrheitsgehalt von Sagen ist sozusagen legendär. „Harry, hol schon mal den Wagen“, der legendäre Satz des sagenhaften Derrick, er ist nie gefallen. Doch wird er sich halten, und auf ewig dem gerade verstorbenen Horst Tappert zugeschrieben werden. Der Satz und seine Fortentwicklung ähneln dem Insektenstich auf der Fernreise, aus dem Wochen danach daheim kleine, ekelige Spinnen krabbeln. Nie geschehen die Geschichte, aber kolportiert wird sie immer wieder und dabei als Wahrheit ausgegeben.

Nicht einmal Gegenbeweise können den Legenden den Garaus machen. Dass das amerikanische Banner eben nicht flattert auf dem Mond, ist längst bewiesen. Und doch dient dieses berühmte Foto den Verschwörungstheoretikern weiterhin als Beweis dafür, dass die frühen Mondlandungen der sechziger Jahre sich allenfalls in einem Filmstudio auf Erden abgespielt haben.

Überhaupt Fotos. Beweisen die etwas, zeigen eine Wahrheit oder wenigstens eine Wirklichkeit? Das Foto des Rotgardisten, der auf dem Dach des Reichstages die sowjetische Fahne schwenkt, eine, die Ikone des Kriegsendes, zeigt eine gestellte Szene, die der Fotograf Jewgeni Chaldej sorgfältig inszenierte (und zudem später noch bearbeitete, indem er dem Soldaten eine Armbanduhr, ein Beutestück wegretuschierte). Die Situation gab es nicht wirklich, aber ist sie weniger wahr?

In Madrid widerlegt dieser Tage ein Dokumentarfilm eine Legende eines anderen berühmten Fotos: der Tod eines Soldaten im spanischen Bürgerkrieg. Bisher nahm man an, es handele sich dabei um Federico Borrell García. Der aber war es nicht, weisen die Filmer nach, und überhaupt, nicht der ruhmreiche Robert Capa habe das Foto gemacht, sondern seine Lebensgefährtin Gerda Taro, und nochmal überhaupt, manche Experten behaupten, auch dieses Foto sei gestellt.

Letztere Behauptung ist ungefähr so alt wie das Foto selbst. Und wenn? Wenn es gestellt ist? Robert Capa war auch bei der Landung der Amerikaner in der Normandie dabei, im Juni 44. Ganz nah, und dass nur elf Fotos davon zu sehen sind, liegt daran, dass alle anderen Aufnahmen von einem Tölpel in einem Londoner Fotolabor verhunzt wurden. Aber der Fotograf war dabei am Omaha Beach, unstrittig, er war auch im spanischen Bürgerkrieg, ebenfalls unstrittig. Und er hat ein Foto gemacht, dass die Wahrheit zeigt, manchmal zeigt Erfindung die deutlichere Wahrheit. Wie ja auch Derrick ein wahrer Satz zugeschrieben wird. Es gibt Legenden, die überstehen Anfeindungen der Tatsachen. Auch wenn Derrick keinen Wagen mehr braucht.

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