Zeitung Heute : Sag’s durch die Blume

Pflanzen selbst können grüne Designobjekte sein. Mit ihnen lassen sich Einrichtungsstile unterstreichen

silke zorn

Ein großer grüner Bambus, der an den letzten Asienurlaub erinnert. Ein üppiger Rippenfarn im Edelstahltopf, der das Bad in eine kleine Wellnessoase verwandelt. Oder eine Familie Igelkakteen, in Reih und Glied gepflanzt, die als witziger Blickfang auf der modernen Esszimmervitrine stehen – Zimmerpflanzen erleben seit einigen Jahren als grüne Designerstücke ein echtes Comeback. Denn mit ihnen lassen sich nicht nur Wohn- und Einrichtungsstile unterstreichen. Frei nach dem Motto „Sag's durch die Blume“ können sich auch die Bewohner selbst via Pflanze in Szene setzen.

Dass frisches Grün in urbanen Wohnungen und Büros Einzug hält, hat vor allem mit den Möglichkeiten der modernen Architektur zu tun: Räume werden größer, höher und heller, Fenster reichen bis zum Boden, es wird viel mit Stahl und Glas gebaut – optimale Voraussetzungen dafür, dass Pflanzen schön zur Geltung kommen und noch dazu mit ausreichend Licht und Luft versorgt werden. Hella Henckel, Fachjournalistin für Floraldekoration und studierte Gartenbauingenieurin, hat allerdings auch noch einen zweiten Trend ausgemacht: das Bedürfnis vieler Städter nach mehr Natur im Alltag. „Wir leben und arbeiten heute fast den ganzen Tag in Räumen, und viele Menschen haben kaum Zeit, nach draußen zu gehen“, sagt sie. „Ein grünes Zuhause hilft dabei, das zu kompensieren und tut schlicht und einfach der Seele gut.“

Welche Pflanzen in welchem Interieur am besten zur Geltung kommen, ist allerdings eine kleine Philosophie für sich. Oberstes Gebot in Sachen Floraldekoration: Weniger ist meist mehr. „Früher kombinierte man in überquellenden Schalen oder Pflanzkästen gerne alles nur erdenkliche Grün“, sagt Lutz-Peter Kremkau vom Zentralverband Gartenbau (ZVG) in Bonn. „Heute lässt man einzelne Pflanzen eher für sich alleine stehen und wirken.“ Dabei gilt: In großen weitläufigen Räumen dürfen sich auch ausladende Bäumchen, Palmen oder Farne frei entfalten. Pflanzen mit eher geometrischem Wachstum verhelfen dagegen unruhigen Zimmern mit vielen Möbelstücken zu mehr Struktur. Und leere Ecken, zum Beispiel hinter dem Sofa, bieten oft den perfekten Standort für hohe Gewächse wie Elefantenfuß (Beaucarnea recurvata), Birkenfeige (Ficus binnendijkii) oder Schraubenbaum (Pandanus veitchii) – unter deren Blätterdach man dann gemütlich mit Freunden zusammen sitzen kann.

Viele Gestaltungsideen für ein grünes Zuhause hat Hella Henckel gemeinsam mit dem Floraldesigner Klaus Wagener in ihrem Buch „Wohnen mit Pflanzen“ zusammengetragen. Da reckt sich zum Beispiel eine Reihe Echeverien keck aus schmalen Zinkgefäßen und unterstreicht die Wirkung eigenwilliger Designermöbel. Eine kleine Wüstenlandschaft aus Lebendem Granit (Pleiospilos nelii), Steinen und Kieseln mutet in einer flachen Schale gar selbst wie ein modernes Designobjekt an. Und das gute alte Alpenveilchen erlebt – gebettet in eine schmalfüßige Schale und mit perlenbesetztem Ginster umrankt – ein unerwartetes Revival.

Auch als dekorative Raumteiler können Pflanzen dienen. „In einer Reihe schöner Säulengefäße eignet sich hierfür zum Beispiel die Sansevierie“, sagt Lutz-Peter Kremkau, der selbst ein Raumbegrünungsunternehmen betreibt. Der Klassiker von Omas Fensterbank mit seinen schwertförmigen, markant gemusterten Blättern passt laut Hella Henckel auch wunderbar in schlicht-coole Interieurs, etwa in edlen, mit Sand gefüllten Glasgefäßen. Bei Familien mit Kindern darf es im Pflanzkübel aber ruhig etwas lebhafter zugehen, findet die Autorin. Zum Beispiel mit einem imposanten Gummibaum (Ficus elastica), dessen viele kleine Blätter Vitalität und Wachstum widerspiegeln – passend zu seinen menschlichen Mitbewohnern.

Um einen Hauch von Fernost in die eigenen vier Wände zu zaubern, eignen sich Bambus-Arten besonders gut. Zu asiatischen Möbeln und Accessoires passen sie ebenso wie zu sachlich-moderner Einrichtung. Lutz-Peter Kremkau gibt allerdings zu bedenken, dass die zarten Gewächse sehr pflegebedürftig sind und in Räumen oft nicht lange halten. Eine schöne Alternative sei der Dracaena surculosa aus der Gattung der Drachenbäume, der dem Bambus sehr ähnlich sieht, aber weitaus genügsamer ist. Denn bei aller Ästhetik sollte man auch bedenken: Jede Pflanze stellt andere Ansprüche an Wasser, Licht, Luft und Wärme. Besonders in Sachen Sonne sind viele Gewächse verwöhnt. Wer eher schattige Räume aufwerten möchte, dem empfiehlt Kremkau zum Beispiel den Ficus lyrata, dessen eigentümliche Blattform ihm auch den Namen Geigenfeige eingebracht hat, oder die üppige Raphispalme (Raphis excelsa).

Natürlich kann man auch selbst experimentieren, welche Pflanze zum eigenen Wohnstil passt. Einige Grundregeln sollte man dabei allerdings schon beachten. „Extreme Kontraste besser vermeiden“, rät Hella Henckel. „Das gelingt meist nur den Profis.“ Außerdem gilt: Eine oder wenige Pflanzen, gekonnt arrangiert, wirken besser als eine total überladene Fensterbank. „Letztlich ist es immer ein spannendes Spiel zwischen einem harmonischen Gleichklang einerseits und dem Reiz der Gegensätze, der nötigen ,Prise Salz‘, andererseits“, beschreibt Henckel den Gestaltungsprozess.

Ebenso wichtig wie die Wahl der Pflanze ist auch das Pflanzgefäß. Denn selbst die imposanteste Palme verliert in einem billigen Plastikübertopf oder einem weiß angelaufenen Terracotta-Ungetüm ihre Wirkung. „Das Gefäß ist Teil der Einrichtung und nicht nur Mittel zum Zweck“, sagt Lutz-Peter Kremkau. Der Handel bietet eine große Auswahl: von matt glänzenden Metallkuben über kunstvoll glasierte Keramikschalen bis zu Töpfen, die mit Naturmaterialien wie Bambus, Holz oder Hanf dekoriert sind. Nicht selten kosten die Gefäße dann mehr als die Pflanze, die sie beherbergen. Doch auch für weniger Geld sind attraktive Stücke zu bekommen. „Schöne Wohnideen müssen nicht unbedingt teuer sein“, meint Raumbegrüner Kremkau.

Eines sollten sich Floralästheten allerdings tunlichst abgewöhnen: halbtote Pflanzen um jeden Preis aufpäppeln zu wollen. Denn, da sind sich die Experten einig: „Nur frisches und gesundes Grün gibt uns wirklich einen neuen Lebensschub.“

Weitere Informationen: Klaus Wagner, Hella Henckel. Wohnen mit Pflanzen. Bloom's by Ulmer, Hamburg, 2007. 160 Seiten. 19,90 Euro.

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