Zeitung Heute : Sahir Schah: Der alte König Ohneland

Thomas Migge

Rom. Wer in diesen Tagen das luxuriöse Wohnviertel Olgiata am Stadtrand von Rom betreten will, muss nicht nur seinen Ausweis vorzeigen, sondern auch eine Durchsuchung seines Wagens und Gepäcks, seiner Einkaufsbeutel und Kleidung über sich ergehen lassen. Agenten des italienischen Geheimdienstes - natürlich in Zivil gekleidet - halten Bewohner nach Gutdünken auf, stellen unangenehme Fragen und durchsuchen sie.

Olgiata galt bisher immer als sicheres Refugium der römischen VIPs. Das Luxusghetto wurde in den 60er Jahren gebaut, mit Schlagbäumen und Wachpersonal versehen, weil Entführungen und Attentate die Reichen von Rom in Angst versetzt hatten. Doch jetzt machen sich die Leute hier wieder Sorgen um ihr Wohlbefinden.

Der Grund ist ein 86 Jahre alter Mann mit silbrig schimmerndem Oberlippenbart. Stets lächelt er freundlich und tritt auch sonst eher zurückhaltend und bescheiden auf. Doch der Greis ist einer der größten Feinde der Taliban: Mohammed Sahir Schah, einst König von Afghanistan. Seit er öffentlich seinen Wunsch nach einer Rückkehr nach Kabul verkündet hat und von den USA und der afghanischen Opposition, der Nordallianz, hofiert wird, trachten ihm die Taliban und ihre Terroristen-Freunde nach dem Leben.

Fern der Wirklichkeit des Kriegs am Hindukusch ist der Aristokrat, der stets in maßgeschneiderte schwarzgraue Schurwolle gekleidet ist und blankgewienerte Schuhe aus England trägt, bei seinen Landsleuten zur Legende gereift. Viele Afghanen und auch die USA sehen in dem Ex-Monarchen die ideale Integrationsfigur, welche die rivalisierenden ethnischen und politischen Gruppierungen einen könnte, wenn die Herrschaft der Taliban zu Ende geht. Kürzlich empfing Sahir Schah im römischen Exil eine Delegation des US-Kongresses und Vertreter der Nordallianz.

Sahir Schah gehört der in Afghanistan vorherrschenden Volksgruppe der Paschtunen an, er will nun nach 38 Jahren wieder eine Loya Jirga zusammenrufen, die traditionelle große Versammlung der Repräsentanten der Stämme, Völkerschaften und politischen Gruppierungen, damit sie "über die Zukunft des Landes entscheiden". Auch wenn er mit einer Rückkehr nach Afghanistan rechnet - als eine Art Vater der Nation, nicht als Herrscher, wie er sagt -, so würde das doch eine gefährliche Reise für ihn bedeuten.

Seit 28 Jahren lebt er nun im römischen Exil. "Seine Hoheit weiß", sagt ein Sprecher des Exilkönigs, "dass in Kabul oder andernorts in Afghanistan kein seinem Rang angemessener Palast bereitstehen wird." Auch keine Villa mit zahlreichen Zimmern und Bädern und einem großen Park, die der Residenz ähnelt, die Sahir Schah in Rom bewohnt, seit er während eines Kuraufenthalts auf der italienischen Insel Ischia von seinem Schwager abgesetzt wurde.

In Olgiata, diesem Retortendorf der italienischen Prominenz, wurden auf einigen Dutzend Hektar rund 100 Villen mit Schwimmbädern, Privatparkplätzen, Tennisanlagen und dazu einer der größten Golfplätze Italiens errichtet. Die Nachbarn von Sahir Schah, vor allem Fernsehstars, Politiker und berühmte Fußballer, leben hinter einer hohen Mauer. Olgiata bot dem Exil-König bislang himmlische Ruhe. Nur wenige Autos stören die exklusive Stille. Doch nun fürchten die Angehörigen von Sahir Schah, dass er auch hier nicht mehr sicher ist. In seinem Garten baute man aus Angst vor einem Anschlag mit Chemikalien oder tödlichen Krankheitserregern die Bewässerungsanlage ab.

Olgiata wurde ohnehin rund um die Uhr an seinen vier Eingängen von einer Privatpolizei kontrolliert, die von den Bewohnern bezahlt wird. Auch vor der Residenz von Sahir Schah stand schon vor dem 11. September ein Pkw mit bewaffnetem Wachpersonal. Doch jetzt schickte die italienische Regierung zusätzlich schwer bewaffnete Carabinierisoldaten nach Olgiata. Sie schieben Wache, nicht nur vor der Villa, sondern auch an allen Eingängen zum Edelquartier.

Wegen der extremen Sicherheitskontrollen regt sich nun Widerstand gegen den greisen Monarchen. "Die Situation hier ist unerträglich geworden", schimpft eine Nachbarin von Sahir Schah. "Wir sind ja keine freien Menschen mehr und werden von den Wachleuten und Polizisten wie potenzielle Terroristen behandelt", sagt ein anderer Anwohner, der seit einigen Tagen nicht mehr mit seinem eigenen Golfmobil in den nahen Club fahren darf, sondern zu Fuß gehen muss. Aus Sicherheitsgründen, heißt es.

Wegen der ständigen Kontrollen und der panischen Angst vor einem möglichen Anschlag auf den berühmten Nachbarn haben sich einige Hundert Bewohner von Olgiata zu einer Art Bürgerinitiative zusammengetan. Sie fordern die italienische Regierung und den römischen Bürgermeister Walter Veltroni auf, Sahir Schah doch bitteschön eine andere Villa zur Verfügung zu stellen. Wenn der Ex-König nicht von allein gehe, sagt eine römische Galeristin aus Olgiata, dann müsse er eben "gezwungen werden", "irgendwo in die Einsamkeit zu ziehen, wo er mit seiner Präsenz keine anderen Menschen in Gefahr bringt".

Alle Aufforderungen an Sahir Schah, doch von sich aus fortzuziehen, wurden nicht beantwortet. "Das ist", sagt die Galeristin, "als ob man mit einer Wand redet." Aber auch die Regierung und sogar der Bürgermeister antworteten bislang noch nicht auf die Klagen der besorgten Bürger aus Olgiata.

"Es wird noch so weit kommen", schimpft ein Bauunternehmer mit Villa in Olgiata, "dass ich mit meiner Familie wegziehen werde." Schließlich, sagt er, "will ich nicht zu einer Zielscheibe für irgendwelche Verrückten werden, die ihren Todfeind in meiner Nachbarschaft umlegen wollen". Sozusagen aus Selbstschutz hoffen die Bewohner von Olgiata deshalb, dass die Herrschaft der Taliban im fernen Afghanistan bald zu Ende gehen wird und Sahir Schah dorthin zurückkehren wird.

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