Zeitung Heute : Saitenwechsel

Kultur fördert Wirtschaft: Orchester erklären Führungskräften, wie ein Weltklasse-Team arbeitet

Britta Domke

Am Aufgang zum Orchesterpodium staut es sich. Niemand will als Erster die Bühne betreten. Nur zögerlich suchen sich die Frauen und Männer ihren Weg an die Notenpulte. Violine I – darf ich hier sitzen? Trompete III – könnte das mein Platz sein? Die Berührungsängste sind groß. Schließlich haben viele von ihnen noch nie ein Instrument gespielt, geschweige denn auf einer Orchesterbühne gesessen. Doch heute sind sie Teil eines Experiments, das Kunst und Wirtschaft zusammenführt. Hier treffen junge Unternehmer und Führungskräfte eines der besten Orchester Deutschlands – das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Auf dem Lehrplan stehen weder Gehörbildung noch Rhythmik, sondern Managementmethoden. Und die Lehrer sind nicht diejenigen in den Business-Anzügen. Was junge Führungskräfte in teuren, aber oft fruchtlosen Seminaren eingepaukt bekommen – Teamarbeit, Disziplin, Führungsstärke –, das leben Orchestermusiker jeden Tag. Sie sind Hochleistungskünstler im Ensemble, immer auf der Suche nach der bestmöglichen Interpretation eines Musikstücks.

Von solchen Top-Teams können die meisten Chefs nur träumen. Warum also nicht mal Manager mit Musikern zusammenbringen, um voneinander abzugucken? Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hat seine Gäste ins Allerheiligste eingeladen: auf die Bühne des Herkulessaals der Münchener Residenz. Während hinten auf der Bühne die ersten vorwitzigen Gäste durch die Notenhefte blättern, stimmt vorne ein Klarinettenquintett die Instrumente.

Wenn sich Kultur und Wirtschaft bisher zusammentaten, dann war klar: Wirtschaft sponsert Kultur, Kultur bedankt sich artig. Dass Unternehmen von Künstlern lernen können, war für Manager bislang eine abwegige Vorstellung. Das hat sich mit dem Orpheus Chamber Orchestra aus New York geändert: Es machte in Managementkreisen Furore mit seinem revolutionären „Orpheus Process“. Das Konzept: Es gibt keinen Dirigenten, sondern die Führung rotiert innerhalb des Orchesters. Große Unternehmen und Business Schools wie Harvard und Stanford schmücken sich seitdem gerne mit den exotischen Gasttrainern. Auch in Deutschland spricht es sich herum, dass Orchester ihrem Publikum mehr zu bieten haben als Musik.

„Management by orchestra“ ist angesagt. Nicht nur zusehen, sondern selbst erleben, wie ein Orchester arbeitet – darum geht es an diesem Abend im Münchener Herkulessaal. Deshalb dürfen die Wirtschaftsjunioren auf den Plätzen der Musiker sitzen. Eng ist es auf der Bühne; der Abstand zum Pultnachbarn beträgt nur ein paar Zentimeter. Und damit lernen die Besucher Lektion Nummer eins: In einem Orchester kann sich niemand in sein Büro zurückziehen, wenn es mal Stress mit dem Kollegen gibt. Persönliche Abneigungen müssen draußen vor der Saaltür bleiben.

„Es ist ganz wichtig für den Zusammenhalt der Gruppe, dass jeder mit jedem spielen kann“, erklärt Violinist und Orchestervorstand Franz Scheuerer. „Deshalb wechseln wir Musiker innerhalb unserer Stimmgruppe systematisch die Plätze. Das dient letztlich der Kommunikation im gesamten Orchester.“ Vorne auf der Bühne setzt das Klarinettenquintett seine Instrumente an. Plötzlich ist da dieser dunkle Ton, kaum hörbar. Aber wer hat den Einsatz gegeben? Und warum schauen die Musiker immer wieder von ihren Noten hoch?

Das ist non-verbale Kommunikation der Spitzenklasse: die Augen ständig in Bewegung; hochgezogene Brauen signalisieren einen neuen Einsatz. Und wenn der Klarinettist die Stimmführung übernimmt, biegt sich sein Körper vor und zurück. „Wir müssen sehr genau wissen, wen wir in welchem Takt anschauen“, erklärt der erste Geiger Key-Thomas Märkl in der anschließenden Diskussion. verständigen.

„Und wer gibt jetzt bei Ihnen den Ton an?“, fragt es ungeduldig aus dem Publikum. Die Gäste sind neugierig auf die Machtfrage: Schließlich gibt es in Unternehmen immer einen, der das Sagen hat. Dass ein kleineres Ensemble auch ohne Führungspersönlichkeit auskommen kann, ist den Jungmanagern sichtlich suspekt. „Ein Orchester hält uns den Spiegel vor“, erklärt Wirtschaftsjuniorin Annette Reisinger, der die Idee zur Bildungsreihe bei den Bayreuther Festspielen kam. Die Chefin einer Münchener Veranstaltungsagentur ist vor allem beeindruckt von der Eigenmotivation der Musiker: „In nur vier Proben ein Konzert auf die Bühne zu bringen, ohne Qualitätskontrolle, ist eine enorme Leistung. Davon können wir uns einiges abschauen.“

Auch wenn die Noten feststehen, gibt es für Orchestermusiker viel abzustimmen: „In dieser Partitur steht an zwei Stellen ,mit Vibrato‘“, also einem bebenden Ton, erklärt Bratschist Klaus-Peter Werani. „Aber was will uns der Komponist damit sagen? Dass nur an diesen Stellen mit Vibrato gespielt werden darf, oder hier besonders intensiv?“ Die Noten verraten es nicht; die Musiker müssen selbst entscheiden.

„Das klingt nach elend langen Diskussionen“, befürchtet eine Dame im Publikum. „Nein, wir einigen uns meist sehr schnell“, widerspricht Violinist Key-Thomas Märkl. Kein Orchester kann sich Endlospalaver leisten, denn in ein paar Stunden muss die Bühne für das nächste Ensemble geräumt werden. Wie Kommunikation im Orchester auch ohne Worte funktioniert, dürfen die Wirtschaftsjunioren zum Ausklang des Abends selbst probieren: Zwölf von ihnen trauen sich nach vorne auf die Bühne – und erschaffen mit Rhythmusinstrumenten, Klatschen, Stampfen und der eigenen Stimme ein nagelneues Musikstück. „Zugabe!“, verlangt das Publikum, währenddessen sich die Musiker auf Probe noch etwas unsicher verbeugen.

Karin McCandlish von E.ON Bayern ist noch Stunden später perplex über ihre Spontan-Performance. „Ich bin normalerweise völlig unmusikalisch, habe gar keinRhythmusgefühl.“ Und doch konnte sie hier problemlos den Takt halten – dank eines Teamgefühls, das auch professionelle Orchester zu Höchstleistungen trägt. Der Einblick in eine fremde Managementwelt hat McCandlishs Kollegen Timo Premru nachdenklich gemacht: „In Seminaren habe ich häufig das Gefühl: Da kommt nichts Neues, das hat man alles schon mal gehört. Aber das hier – das ist wirklich mal was Neues.“ Karriere

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