Salemi auf Sizilien : Lasst tausend Trümmer träumen

Er liebt die Provokation – und viele in Italien hassen ihn, den notorischen Polit-Querulanten Vittorio Sgarbi. Diesmal könnte er zu weit gegangen sein. Als Bürgermeister will er in den Ruinen des sizilianischen Städtchens Salemi ein kreatives Fantasiereich errichten – mit prominenter Unterstützung und fragwürdigen Mitteln.

Paul Kreiner[Salemi]
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Eine Kulisse - aber wofür? Das Kastell von Salemi, wie die meisten Gebäude der Stadt beim Erdbeben von 1968 beschädigt. -Foto: Alessandro Tosatto

Die Hauptgasse des steinernen, gelbbraunen Bergstädtchens führt vom „Platz der Diktatur“ zum „Platz der Freiheit“. Allzu symbolisch sollte man das nicht nehmen, sonst gerät der neue Bürgermeister unter Rechtfertigungsdruck. Der hat sich nämlich an der „Piazza della Dittatura“ eingemietet, und dort will er die nächsten fünf Jahre auch bleiben. Weil’s so schön ist. Und so geschichtsträchtig. Und so ironisch.

Vittorio Sgarbi heißt der Mann. Er ist 56 Jahre alt, Kunstgeschichtler, Paradiesvogel – oder Gockel, je nach Blickwinkel. Sich selbst bezeichnet Sgarbi gerne als Polemiker, und in dieser Rolle ist er einer der begnadetsten und ätzendsten, die Italien zu bieten hat. Talkshows reißen sich um den scharfzüngigen Intellektuellen, der sich für kaum eine Inszenierung zu schade ist. Im Eifer des Gefechts schüttet er seinen Diskussionsgegnern auch mal ein Glas Wasser ins Gesicht, worauf diese wutentbrannt aufspringen, um Sgarbi zu ohrfeigen, live natürlich – schon steigt die Einschaltquote.

Fachlich können dem Kunstkritiker Sgarbi nur wenige das Wasser reichen, zu seinen Vorträgen – neulich in Messina verglich er Krippendarstellungen von Rubens und Caravaggio – strömen Massen von Besuchern. In der Politik aber hält es niemand lange aus mit dem Mann, der seine halblangen grauen Haarsträhnen gerne kokett aus dem Gesicht wischt. Die Parteien wechselt Sgarbi so häufig wie andere ihre Unterhemden; als Staatssekretär im Kulturressort piesackte er seinen Minister so lange, bis der ihn entließ; den vorerst letzten Rausschmiss erlebte er vor einem Jahr als Kulturassessor der Stadt Mailand.

Dann aber fiel es Sgarbi ein, als Bürgermeister des sizilianischen Bergstädtchens Salemi zu kandidieren – und anders als die venetischen „Egoisten, Dummköpfe und Arschlöcher“, die Sgarbi so nannte, weil sie vor einigen Jahren nicht für ihn stimmen wollten, haben ihn die „intelligenten und bewundernswerten“ Sizilianer tatsächlich gewählt.

So kam Sgarbi an den „Platz der Diktatur“, wo – mit rissigen Wänden und staubblinden Fenstern – das alte Rathaus vor sich hindämmert. Seit 41 Jahren hat es niemand mehr benutzt, seit dem Erdbeben vom 15. Januar 1968, das den südwestlichen Teil Siziliens verwüstete. Dabei ging auch halb Salemi zu Bruch, und die arabisch-normannische Stadt, die einst stolze 20 000 Einwohner zählte, leerte sich; selbst in dem kleinen Teil der Stadt, der restauriert wurde, leben heute nur noch wenige hundert Menschen.

Nun soll alles anders werden, ganz anders – denn nun ist Sgarbi da. Als erste Amtshandlung ließ er eine neue Gemeinderegierung nach Sizilien einfliegen: Den für seine Benetton-Schockwerbung berühmten Fotografen Oliviero Toscani ernannte er zum „Stadtrat für Kreativität“, den Gastrokritiker Davide Paolini zum „Assessor für Geschmack und Geschmacklosigkeit“. Um „Kultur und Agrikultur“ soll sich der römischeArchitekt und Kunsthändler Peter Glidewell kümmern, als Referent „für das Nichts“ setzte Sgarbi den Anarcho-Künstler Graziano Cecchini ein, der vergangenes Jahr das Wasser des römischen Trevi-Brunnens blutrot färbte. Und das Stadtbaudezernat, vergleichsweise bodenständig benannt, leitet Bernardo Tortorici Montaperto, sizilianischer Fürst von Raffadali.

Nachdem diese buntscheckige Truppe das Rathaus bezogen hatte, kam Sgarbi eine Idee. Eine Idee, die Schlagzeilen schrieb. „Wir waren in der New York Times und der Herald Tribune“, erzählt begeistert Oliviero Toscani, der Benetton-Fotograf. Etwas leiser, etwas weniger begeistert auch fügt er hinzu, sein Dienstherr Sgarbi rede erst und denke später – weshalb bestimmte Details der Idee noch ihrer Umsetzung harren.

Die Nachricht, Sgarbi wolle die verlassenen Altstadthäuser von Salemi für jeweils einen Euro verkaufen, machte im Herbst die Runde. Nicht nur italienische Prominente sollen sich um die Schnäppchen gerissen haben: Peter Gabriel, Lucio Dalla sowie ein römischer Minister und ein Mailänder Fußballkrösus seien unter den Neu-Bauherren, raunt man; auch aus den USA, aus Australien, aus Abu Dhabi seien Anfragen gekommen. „9000 Interessenten haben sich bis heute erkundigt“, lächelt der Fürst von Raffadali – und räumt im gleichen Atemzug ein, dass kaum einer der Interessenten die Häuser bisher gesehen hat.

„Da sind sie“, sagt Seine Durchlaucht und weist auf das Unterdorf: Von wegen Altstadthäuser – kleine Bauernkaten sind es, gruppiert zu Siedlungswaben, vom Erdbeben zerstört und nie wieder aufgebaut, sichtbar nur noch in ihren bröckelnden Außenwänden, ohne Dach, ohne Fensterstöcke, von Ranken überwuchert. Sgarbi will, dass sie im selben Stil und mit denselben Materialien wie einst wieder aufgebaut werden, aber bis dahin sind noch, wie Oliviero Toscani zugibt, „enorme rechtliche Probleme“ zu überwinden. Unklar ist, wem die Häuser gehören, und ob eine Kommune sie praktisch verschenken darf. „Wir ziehen das durch“, versichert der bullige Fotograf, „wir zeigen, dass man mit Ideen Politik machen kann. In der italienischen Politik hat ja sonst niemand Ideen.“

Tausend Ruinen will Sgarbi an den Mann bringen. Nicht, weil es genau tausend gäbe, sondern allein der historischen Anspielung wegen: Am 14. Mai 1860 eroberte der Freischärler Giuseppe Garibaldi mit seinem „Zug der Tausend“ das Städtchen Salemi, rief seine „Diktatur der Befreiung“ aus und erklärte Salemi zur Hauptstadt des neuen Italien.

In dieser Traditionslinie fühlen sich Männer wie Sgarbi und Toscani offenbar am rechten Fleck. „Politisch sind wir nicht; wir sind kreativ und poetisch“, sagt der Bürgermeister bei einem nächtlichen Treffen in den grandiosen, aber klirrend kalten Bruchsteinsälen des arabisch-normannischen Kastells. Nur alle zwei Wochen lässt sich Sgarbi in Salemi sehen, in der übrigen Zeit repräsentiert Oliviero Toscani die Gemeindeführung im Kastell mit einer Ideenwerkstatt. Aus tausend sizilianischen Jugendlichen hat er 15 ausgewählt, sechs Monate lang lässt er sie Vorschläge für ein „neues“ Salemi entwerfen. Mit dem Meister zusammenzuarbeiten und den Lebenslauf mit einem entsprechenden Hinweis zieren zu können, muss Bezahlung genug sein.

Die Frage, ob es bei all dem wirklich um Salemi geht oder ob das verfallende Städtchen nur die Kulisse für seine neuen Helden abgeben soll, bleibt unbeantwortet. Sgarbi meint, man könne die in Salemi entwickelten Ideen ja „an die Region Sizilien verkaufen, dann kriegen wir auch noch Geld“. Und Fotograf Toscani denkt an eine Art „Kreativmarke Salemi“, die wie eine Vertriebskette in verschiedenen Städten auftreten soll, „ein McDonald’s der künstlerischen Kreativität“. All das soll ausgehen von einem Sizilien, das Toscani, der gebürtige Mailänder, als Italiens „größte Müllkippe der ungenutzten Intelligenz“ beschreibt.

Einen Markennamen für ihr Entwicklungskonzept hat die neue Stadtregierung bereits registrieren lassen – und sich auch damit Ärger eingehandelt: „Mediterranean Agency for International Affairs“, kurz: „M.A.F.I.A.“ Dass Salemis neue Herren so spielerisch über eine tödliche sizilianische Landplage hinwegtänzeln, kam gar nicht gut an auf der Insel. „Die Mafia gibt doch keine Lebenszeichen mehr von sich. Wir richten ihr ein Museum ein“, rechtfertigt sich Sgarbi.

Antonina Grillo kann dieser „Verharmlosung“ wenig abgewinnen. Das sei einfach respektlos gegenüber den Opfern der Mafia, sagt die junge Anwältin, die in Salemi die Opposition vertritt. „Es ist ja schön und gut“, sagt die Juristin in der Eiseskälte des Kastells, „wenn neue Gesichter nach Salemi kommen, berühmte Leute. Aber kümmern die sich wirklich um den Verwaltungsalltag? Um die Reinigung unserer dreckigen Stadt zum Beispiel?“ Opposition zu treiben gegen Ideen, sagt sie, sei schwer. „Aber außer Ideen und Werbesprüchen haben wir von Sgarbi bisher herzlich wenig gehört.“

Etwas Konkreteres aber ist schon unterwegs. Per Ozeandampfer. In New York haben Freunde von Sgarbi 55 000 Videos aus dem Verleih eines gebürtigen Koreaners aufgekauft, der seltene Filme aus aller Welt zusammengetragen hatte, bevor er an der Konkurrenz des Internets scheiterte. Sgarbi trägt sich jetzt mit dem Gedanken, in Salemi permanente Filmfestspiele zu veranstalten und Kinoliebhaber aus aller Welt anzulocken. Wenn er nur wüsste, wo die Cineasten schlafen sollen. Abgesehen von zwei kleinen Frühstückspensionen und einem Gasthof ist Salemi eine touristische Wüste. „Ach, es gibt so viele Ideen!“, stöhnt der Bürgermeister kurz vor Mitternacht: „Die Salemitaner wissen noch gar nicht, ob das, was wir machen, ein vorübergehender Rausch ist, oder ob es bleibt.“

Sgarbi sollte sich von seinem Lieblingseroberer warnen lassen: Unter Giuseppe Garibaldi war Salemi tatsächlich die Hauptstadt Italiens – aber nur für einen einzigen Tag.

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