Zeitung Heute : SALIM KASSABRI

aus Jaffa, geboren am 10. Mai 1948 in Nazareth

„Eigentlich wollte meine Familie 1948 in die Nähe der Stadt Dschenin ziehen. Wir haben dort Verwandte und Ländereien. Aber die israelische Armee erlaubte es nicht – Zababde liegt im Westjordanland. Also mussten meine Eltern über Haifa nach Nazareth umziehen. Dort wurde ich geboren, wenige Tage vor der Gründung des Staates Israel. Wir sind Christen, und meine Familie fand während des Unabhängigkeitskriegs in der katholischen Gemeinde Asyl. Mit 16 Jahren ging ich allein nach Jaffa, der arabischen Altstadt von Tel Aviv. Ich habe Autos gewaschen und andere Gelegenheitsjobs gemacht. Schließlich habe ich ein Mädchen aus Jaffa geheiratet. Wir haben heute drei Kinder und fünf Enkelkinder. Das Leben in Jaffa war in den 50er und 60er Jahren anders als heute. Das Stadtbild war baufällig, überall Ruinen. Mittlerweile sind fast alle Häuser renoviert. Damals lebten hier auch noch sehr viele Juden, ich habe mehrere jüdische Freunde aus dieser Zeit. Irgendwann aber haben die meisten Juden Jaffa verlassen. Jetzt wohnen hier vor allem Araber. Damals gab es eigentlich keine Probleme mit den Juden. Heute ist da der ständige Streit ums Land: Jeder will seinen Teil, das schürt den Konflikt. Meine Familie hat ihre Ländereien im Westjordanland behalten können. Ich fahre jede Woche hin und sehe nach meinen Olivenbäumen. An den Checkpoints habe ich mit meinem israelischen Pass eigentlich nie Schwierigkeiten. Dennoch werden wir Araber hier diskriminiert, das fängt schon beim Gesundheitssystem an: In vielen arabischen Dörfern gibt es kaum Arztpraxen und kein Krankenhaus, bei Notfällen müssen erst lange Strecken bis zur nächsten Stadt zurückgelegt werden. Außerdem sind viele israelische Araber zu arm, um sich Medikamente oder Zusatzversicherungen leisten zu können. Trotzdem: Jetzt gibt es dieses Land schon 60 Jahre, und wir sind immer noch hier. Wir haben überlebt und werden bleiben. Ich bin stolz darauf, mich als Araber in einem jüdischen Staat zu behaupten, und werde weiterhin alles tun, worauf ich Lust habe. Davon wird mich auch in Zukunft niemand abhalten können.“

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