Zeitung Heute : Salzburger Festspiele: Der Arzt fürs hohe C

Paul Kreiner

Eng und schäbig ist dieser Flur im Salzburger Festspielhaus. Über der Tür am Ende steht "zur Bühne", gleich davor, im Aufenthaltsraum der Beleuchter schauen sie ein Fußballspiel im Fernsehen an. Wand an Wand residiert still der kaufmännische Leiter, doch aus dem Büroraum daneben dringen eigentümliche Laute: "Bää, Bää, Bää", in allen Tonlagen, über die ein Bariton verfügt, dann in schneller Abfolge: "bäbäbäbä". Pause. Dann noch einmal. Voll, satt, warm klingt diese Stimme. Kurz danach schlüpft eilends ein Sänger aus dem Zimmer. Er war zu Besuch bei Doktor Josef Schlömicher-Thier. Zehn Minuten später hat der Arzt einen nervösen Regisseur am Telefon: "Na, war er bei Ihnen?" Schlömicher-Thier beruhigt ihn: "Keine Sorge. Der singt morgen."

Seit sechs Jahren ist Josef Schlömicher-Thier Betriebsarzt der Salzburger Festspiele. Zu ihm kommt der Bühnenarbeiter, der zu spät aufgestanden und dann mit dem Fahrrad gestürzt ist, bei ihm landen die Sänger, die sich auf der schiefen Bühne von "Fidelio" den Fuß verknackst oder sich einen Bandscheibenvorfall zugezogen haben. Er muss auch Krankheiten behandeln, die kaum ein anderer Arzt kennt: den Scheinwerfersonnenstich oder Hitzestaus, wie sie unter dicken Schauspielgewändern oder auf der zuletzt über 30 Grad heißen Bühne der Felsenreitschule vorkommen.

Schlömicher-Thier ist eigentlich ein Fachmann für Hals, Nase und Ohren, und weil die Stimme sein Lieblingsfeld ist, kommen vor allem Sänger und Schauspieler zu ihm. "Für die ist ja jeder Halsschmerz ein existenzielles Problem. Das ist mit Angst verbunden: Ist meine Stimme am Abend noch da?" Und dann muss der Doktor entscheiden: "Wenn es eine Angina ist, bekommt er was dagegen, aber er kann singen. Wenn er eine Halsentzündung hat, weil Magensäfte nachts hoch gestiegen sind, dann ist er morgen wieder fit. Aber geschwollene Stimmbänder - die führen zu Blutungen, und dann geht drei Wochen lang gar nichts mehr."

Namen nennt Schlömicher-Thier natürlich nicht. Denn würde bekannt, dass einer der Künstler, die "heute in Salzburg, morgen in Mailand, nächste Woche in New York singen", ihn konsultiert hat, dann wäre das möglicherweise nicht gut für den Ruf und könnte sich auch auf die Gage auswirken.

Wieder klopft es. Schlömicher-Thier geht nach draußen. Eine längere Diskussion über die Wirksamkeit dieser oder jener Tablette folgt: "Sind Sie auch ganz sicher?" "Ja, das ist gut, das hilft Ihnen." Seine Aufgabe, sagt Schlömicher-Thier nachher, sei es auch, "Sängern manche Medikamente auszureden, die sie bisher für gut befunden haben. Cortison-Präparate zum Beispiel."

Dass er so manche Aufführung gerettet hat, erwähnt der Arzt eher nebenbei: "Da gibt man stark abschwellende Mittel, die in der Pause auf die Stimmbänder geträufelt werden." Oder die Geschichte vom Sänger des Eunuchen Osmin, dem unmittelbar vor der "Entführung aus dem Serail" zwar nicht der mächtige Bass, aber das Hörvermögen durcheinander geraten war. "Der war tagsüber schwimmen, Wasser ist ihm ins Ohr und hat sich mit dem Ohrenschmalz zu einem dichten Pfropfen verbunden. Der konnte weder sich noch das Orchester richtig hören." Schlömicher-Thier rückte mit dem nötigen Werkzeug an, und "die Oper musste eine halbe Stunde später beginnen, wegen diesem Ohrschmalz."

Schlömicher-Thier sagt, für ihn als Mediziner seien die Hochleistungsstimmen der Profis eine Herausforderung: "An der kann ich meine Fähigkeiten testen: Ich kann diesen Leuten ja nicht einfach zehn Tage Stimmruhe verordnen." Obwohl er es manchmal doch tut, um manchen allzu Ehrgeizigen vor sich selbst und vor vernichtenden Kritiken in der Presse zu schützen: "Dann sag ich auch der Intendanz, dass ich diese Verantwortung nicht übernehmen kann." In dem Fall muss die Zweitbesetzung auf die Bühne.

Der 47-jährige Arzt ist auch Musiker. Als Kind auf einem steirischen Bauernhof, sagt er, habe ihn der Sänger Ivan Rebroff sehr fasziniert: "Das Tiefe, das Hohe, das haben wir alles nachgebrüllt." Nach einer Bierbrauer-Lehre hat Schlömicher-Thier in Graz nicht nur Medizin, sondern auch Gesang studiert. Bariton ist er, eine CD mit Schubert-Liedern hat er aufgenommen. "Ich glaube, dass ich ganz gut Leute unterhalten kann." Für die Festspiel-Klasse aber hätte es nicht gereicht: "Das ist ja das Bittere am Singen. 95 Prozent landen irgendwo als anonyme Chorsänger."

Salzburg ist für jemanden wie Schlömicher-Thier, der auch als Stimmforscher tätig ist, ein lohnenswerter Ort - auch des "Jedermann" wegen. Denn so massiv gerufen wie dort wird in keinem anderen Bühnenstück weltweit. Der Jedermann ist ein reicher Prasser, der den Tod verdrängt. Der aber meldet sich unausweichlich, und mitten im schönsten Gelage gellt er schaurig über den Domplatz: "Jedermann! Jedermann!" Die Rufer sitzen auf den umliegenden Türmen, teils 150 Meter entfernt und - als besondere Attraktion Salzburgs - schreit einer von der Burg herunter, Luftlinie 500 Meter, dabei aber nicht leise.

Schlömicher-Thier hat untersucht, was im Hals der Rufer vor sich geht, er hat einen Schalldruck von bis zu 113 Dezibel gemessen, das Zwanzig- oder Dreißigfache eines Alltagsrufs. Ihm wäre gar nicht recht, wenn nächstes Jahr, bei der ersten Neuinszenierung des "Jedermann" seit Jahren, auf diese Einlage verzichtet würde. "Die Rufer müssen bleiben." Sonst ginge dem Arzt auch eine Attraktion verloren: Beim Volksfest am Wallersee, wo er seine Praxis hat, veranstaltet Schlömicher-Thier ein privates Jedermann-Casting. Auf dem Marktplatz werden die stärksten Rufer ausgemessen.

"Wissen Sie", sagt Schlömicher-Thier beim Abschied auf dem engen Flur: "Ich arbeite ja auch mit Chorsängern, Lehrern, Pfarrern und Telefonisten. Und mein Hauptanliegen ist es, den Wert einer schönen Stimme zu verbreiten. Sonst haben wir am Ende nur ein Gegröle wie am Fußballplatz." In diesem Moment schreit es hinten aus dem Fernsehzimmer: "Toooor!" Schlömicher-Thier stutzt, wiederholt dann "wie am Fußballplatz." Und einer der Beleuchter schlägt mit Krach die Türe zu.

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