Zeitung Heute : Salzige Küsse

Erhöhte Temperatur – Geschichten, die der Sommer schreibt (V): Am Strand umarmte sie ihn zum ersten Mal. Yael ist Israelin, Ibrahim ist Araber. Seit einem Jahr sind sie ein Paar, ihre Eltern wissen nichts davon. Die Geschichte einer verbotenen Liebe.

Annabel Wahba[Jerusalem]

Von Annabel Wahba, Jerusalem

Den ersten Kuss gab sie ihm am Strand von Tel Aviv. Es war kurz vor Sonnenuntergang, der Himmel glühte rot. Links die arabischen Kirchtürme von Jaffa, rechts die Lichter der Stadt. Hier kannst du die Freiheit atmen, sagt Yael (Name geändert).

Seit Tagen hatte sie darauf gewartet. Aber es passierte einfach nicht. Und was kommt jetzt?, fragte sie Ibrahim, er tat, als verstünde er nicht. Ihr Herz klopfte an, das muss er doch hören, dachte sie. Nie zuvor hatte sie sich so etwas getraut: Sie legte ihre Arme um seinen Nacken und küsste ihn. Der salzige Wind kühlte ihre Gesichter. Es wurde ein langer Kuss, ein bittersüßer.

Sie waren aus Jerusalem nach Tel Aviv gekommen, weil sie hier keiner kennt. Der Kuss zwischen der jüdischen Israelin Yael und dem muslimischen Palästinenser Ibrahim sollte ein Geheimnis bleiben. Er lebt im Osten Jerusalems, sie im Westen. Dazwischen wird gerade eine Mauer gebaut.

Schafe vorm Parlament

Es ist Freitagabend, der muslimische Feiertag geht zu Ende, der Sabbat beginnt. Ibrahim sitzt vor dem Haus seiner Familie in Ost-Jerusalem. Schräg gegenüber steht das neu gebaute Parlamentsgebäude, hier sollte einmal die palästinensische Volksvertretung tagen. Das Haus steht leer. An einem Brunnen davor tränken Bauern ihre Pferde und Schafe. Wenn du hier auf der Veranda sitzt, sagt Ibrahim, spielt sich vor deinen Augen die Geschichte ab. Neulich hat er einen israelischen Architekten gesehen, wie er sich mit Bauarbeitern unterhielt, direkt vor dem Haus wird vielleicht bald der Sicherheitszaun weitergebaut. Dann würde Ibrahim auf eine hohe Mauer blicken, „wie früher in Berlin“. Hier soll sie Israel von den Palästinensern trennen, ein großes Teilstück steht schon. Ibrahim ist das egal, er will sowieso weg von hier.

Nach Tel Aviv zum Beispiel, mit Yael, dort studiert er Jura. Ibrahim hat wie alle Jerusalemer Palästinenser einen israelischen Personalausweis, damit darf er in Israel reisen, aber er ist kein Staatsbürger, hat keinen Pass. Ibrahim hätte auch in Bethlehem auf die arabische Universität gehen können. „Ich fühle mich da nicht wohl“, es ist ihm zu konservativ. Fast alle seine Freunde sind Juden.

Es ist 22 Uhr, Ibrahim fährt mit dem Auto zur Arbeit ins jüdische West-Jerusalem. Er hat Nachtschicht im Hotel. Er trägt ein weißes Hemd, eine schwarze Hose, Goldkette, in den zentimeterkurzen Haaren glänzt Gel. Ibrahim hört eine Kassette von Céline Dion, „L’ amour ou l’ amitié“, das ist der Lieblingssong von Ibrahim und Yael. Liebe oder Freundschaft. Yael sitzt an diesem Abend mit ihrer Mutter und ihren zwei Schwestern zu Hause, sie essen zusammen, wie an jedem Sabbat. Die Familie weiß nichts von ihrer Liebe. „Die Wochenenden sind am schlimmsten“, sagt sie, da kann sie Ibrahim nicht sehen.

Liebe oder Freundschaft, Ibrahim kennt den Text auswendig. Der 23-Jährige ist auf eine französische Schule gegangen, Yael, 22, hat nie Französisch gelernt, aber sie versteht jedes Wort. Ibrahim hat ihr den Text übersetzt. „Er ist mir so nah“, singt Céline Dion, „aber ich weiß nicht, ob es Liebe ist. Ich würde ihm mein Leben geben, wenn er sagt, dass er mich liebt“.

Der Sommer 2002, in dem sich Yael und Ibrahim kennen lernten, war ein Sommer der Angst. Die Menschen trauten sich nicht aus ihren Häusern. Palästinensische Selbstmordattentäter sprengten sich in Cafés in die Luft, die israelische Armee marschierte in den besetzen Gebieten ein. Aber all das konnte nicht verhindern, dass aus einer Freundschaft Liebe wurde.

Blumen vom Feind

Es war beim Schichtwechsel im Hotel, Yael und Ibrahim waren schon lange Kollegen. „Du hast abgenommen“, sagte Yael zu Ibrahim, „geht es dir nicht gut?“ Ibrahim hatte sich nach zwei Jahren von seiner Freundin getrennt. „Ich konnte gut verstehen, was in ihm vorging, denn ich hatte mich kurz zuvor auch von meinem Freund getrennt.“ Etwas an Ibrahims Geschichte ging ihr nahe, sie verabredeten sich abends in einem Café. „Wir unterhielten uns, bis sie uns um ein Uhr hinauswarfen. Ich hatte noch nie zuvor so einen intensiven Abend mit einem Mann verbracht.“ Ibrahim schickte ihr am nächsten Tag Blumen. Es dauerte noch zwei Wochen, dann küssten sie sich am Strand in Tel Aviv zum ersten Mal.

Am Tag danach bekam Yael Angst. Sie rief Ibrahim an und sagte ihm: Ich liebe dich, aber es wird nicht gehen in diesem Land. Yael wusste, was die Leute hinter ihrem Rücken reden würden: Die geht mit einem Araber, die muss verrückt sein. Auch Yaels Schwester erfuhr von der Romanze und sagte: Willst du etwa, dass deine Kinder Araber sind? Als sei „Araber“ ein Schimpfwort. Die Liebe zum Feind ist ein Tabu. Es gibt kaum jüdisch-arabische Paare in Israel, der Staat macht es ihnen schwer, gerade wurde ein Gesetz verabschiedet, das es mit Israelis verheirateten Palästinensern fast unmöglich macht, mit ihrem Partner in Israel zu leben.

Als Yaels Mutter die Blumen von Ibrahim sah, fragte sie ihre Tochter: „Wo soll das hinführen?“ Obwohl sie Ibrahim nicht kannte, sagte sie zu Yael, du ruinierst dein Leben, zwei Menschen mit verschiedenen Religionen passen nicht zusammen. „Meiner Mutter ist sehr wichtig, was andere Leute über uns denken. Ich wünschte, sie hätte Ibrahim nur fünf Minuten kennen gelernt, dann wüsste sie, was für ein besonderer Mensch er ist“, sagt Yael. Ihr Vater ist vor fünf Jahren gestorben, ihre älteste Schwester übernahm seine Rolle. Eines Tages kam sie zu Yael ins Hotel und drohte ihr, wenn sie die Beziehung zu Ibrahim nicht aufgebe, werde sie dafür sorgen, dass er „verschwindet“. „Ich bekam solche Angst, dass sie Ibrahim etwas antut.“

Yael trennte sich von Ibrahim. Er hatte es erwartet und konnte sie verstehen. Auch er verschwieg seiner Familie die Affäre mit Yael. „Für meine Eltern wäre nicht die Religion das Problem, sondern dass ich überhaupt vor der Hochzeit mit einer Frau zusammen bin.“

Die letzte Nacht verbrachten sie gemeinsam in einem Hotelzimmer in Jerusalem. „Wir stahlen uns noch etwas Zeit“, sagt Ibrahim. Eng umschlungen lagen sie da und warteten auf das Morgengrauen.

Ein paar Tage später explodierte eine Bombe an der Hebräischen Universität in Jerusalem, in der Cafeteria, wo Ibrahim mittags oft aß. Yael rief ihn sofort an, „ich war verrückt vor Angst.“ Sie spürte, wie sehr ihr etwas fehlt, wenn Ibrahim nicht bei ihr ist. „Ich war nicht mehr bereit, die Person zu opfern, die ich liebe, um den Vorstellungen anderer Leute gerecht zu werden.“ Es war der Terror, der ihnen zeigte, dass sie zusammengehören.

Es ist Samstagabend, der Sabbat ist zu Ende. Yael und Ibrahim haben sich seit Tagen nicht gesehen. Er hatte Nachtdienst, sie arbeitete am Nachmittag. Heute wollten sie zusammen ausgehen. Doch dann starb Ibrahims Großtante, sie hatte Krebs. Die Familie bereitet die Beerdigung vor.

Yael sitzt in der „Brasserie“, dem Lieblingscafé der beiden etwas außerhalb von Jerusalem. Wilder Wein wächst an der Hausmauer hinauf, ein Gitarrist spielt Chansons. Und Yael sieht ein bisschen so aus, als sei sie einem französischen Film der 60er Jahre entsprungen, sie ist ganz in Schwarz gekleidet, das ärmellose Oberteil, der kurze Rock, sie hat lange Haare, brünett, und große Augen. „Ich will unbedingt Französisch lernen“, sagt Yael. Ibrahim und sie träumen manchmal von einem Leben in Paris.

„In Jerusalem können wir nicht einfach mitten in der Stadt ausgehen, jemand könnte uns sehen“, sagt Yael. Einmal kam ihre Schwester in das Café, in dem Yael gerade mit Ibrahim saß. Zum Glück sahen die beiden die Schwester rechtzeitig, Ibrahim sofort vom Stuhl, bückte sich und schlich zwischen den anderen Tischen aus dem Café.

Sie haben sich eingelassen auf diese verbotene Beziehung: Liebe in Hotelzimmern, verstohlene Küsse im Park, immer mit dem Blick auf die Uhr. Manchmal fährt Yael mit Ibrahim nach Tel Aviv zur Uni und setzt sich mit ihm in die Jura-Vorlesung, nur um Zeit mit ihm zu verbringen. Wenn Yael zu Hause mit Ibrahim telefonieren will, geht sie ins Bad oder schließt sich in ihrem Zimmer ein, damit niemand etwas hört. Tagsüber, wenn Yaels Mutter und ihre Schwestern arbeiten, können sie sich bei ihr zu Hause treffen. „Wenn Ibrahim gleich morgens kommt, dann ist es entspannt.“ Aber das geht nur, wenn beide morgens frei haben. Ab 14 Uhr spüren sie die Anspannung, die Angst, dass jemand früher als erwartet zurückkommt. Wenn sie zusammen sind, versuchen sie die Außenwelt so gut es geht aus ihren Gedanken zu vertreiben. Sie sagen, sie seien leidenschaftliche Menschen.

Ibrahim ist Yaels erster Mann, sie war vor ihm zweimal verliebt, aber es war nicht das Gleiche. „Von Ibrahim lerne ich so viel, manchmal ist es nur ein Wort, das ich zuvor nicht kannte. Er zeigt mir das Land, Tiberias, die Golanhöhen, Orte, an denen ich zuvor noch nie war.“ Mit Ibrahim hat Yael die Geborgenheit gefunden, die sie verlor, als ihr Vater starb. Zu ihm hatte sie eine innige Beziehung. „Er war Schiffskapitän, war oft Monate auf dem Meer unterwegs.“ Irgendwann gab er die Arbeit auf, um mehr mit der Familie sein zu können. „Aber er hatte immer diese Sehnsucht nach dem Meer“, sagt Yael. Vielleicht band ihn das an seine Tochter, ein Mädchen, das die Sehnsucht in den Augen trägt, so türkis, dass man darin abtauchen möchte, wie in tiefes, klares Wasser.

Yael sagt, sie sei ein Mensch, der nicht gerne lügt. Ibrahim ist anders, er liebt das Verbotene. Er trinkt gerne Whiskey und Bier, seine Eltern, traditionelle Muslime, dürfen das nicht wissen, er raucht auch heimlich. Manchmal zwei Schachteln am Tag. Beide sind Menschen, die sich der Liebe bedingungslos hingeben. Eine Gabe, die nicht jeder hat. Sieht so die wahre Liebe aus? Oder ist es gerade der Druck von außen, der sie zusammenhält? Unsinn, sagt Yael, sie träumt vom Alltag mit Ibrahim, „es ist nicht so, dass ich gerne leide“.

Religion spielt keine Rolle

Es ist Sonntagmorgen, Ibrahim steht um fünf Uhr auf. Heute wird er Yael endlich wiedersehen, sie haben die gleiche Schicht im Hotel. Eigentlich müsste er erst um sieben Uhr da sein, aber er ist so aufgeregt, dass er eine Stunde früher im Hotel ankommt. Yael ist fünf Minuten später da. Die meisten Kollegen wissen nicht, dass sie ein Paar sind. Seit Tagen freuen sie sich auf diesen Moment, wollen sich küssen, die Körper zieht es zueinander wie zwei Magnete – aber sie haben sich unter Kontrolle. Sie küssen sich kurz auf die Wange, jede flüchtige Berührung fühlt sich an diesem Tag an wie ein Stromschlag.

Später, nach der Arbeit geht zuerst Yael aus dem Hotel, dann Ibrahim. Sie erwartet ihn zwei Straßen weiter, blickt sich um, ob sie niemand sieht. Im Auto dann die erste Umarmung seit über zwei Tagen. Sie fahren ins Café des YMCA, einem Hostel, wo nur junge Touristen wohnen. Am Aufgang zur Terasse steht ein Schriftzug von 1933: „Hier ist ein Platz, an dem Frieden herrscht, wo politischer und religiöser Zwist vergessen ist.“

Der Sommer 2003 begann so wunderbar, mit einem Waffenstillstand. Zum ersten Mal seit Monaten konnte man die Hoffnung spüren, die Jerusalemer gingen wieder auf die Straße. Die Zeitungen waren nicht voll mit den Fotos von Bombenopfern, sondern mit Berichten über die Hitze in Europas Städten, zum ersten Mal war es in Paris und Berlin heißer als in Israel.

Dann die Explosion in dem Bus in Jerusalem, 20 Tote. Yael und Ibrahim haben nicht viel darüber gesprochen. „Wenn du in diesem Land glücklich werden willst, dann hältst du dich am besten raus aus der Politik“, sagt Ibrahim. „Denn du kannst die Wahrheit nicht finden, wer hat angefangen, wer hat Schuld?“ Yael sagt, sie verstehe nicht viel von Politik. Wenn sie täglich diskutieren würden, hätte ihre Liebe vermutlich keine Chance. Sie tun so, als sei die Welt um sie herum weit weg. Auch Religion spielt keine Rolle. „Ich bin Atheist“, sagt Ibrahim.

Am Anfang, als sie sich kennen lernten, hatten sie gedacht, irgendwann zusammen ins Ausland zu gehen, nach Kanada, wo Céline Dion herkommt, oder nach Paris. Aber sie haben beschlossen, zunächst in Israel zu bleiben. „Hier ist auch mein Land“, sagt Ibrahim. Nächstes Jahr wird er Examen machen, dann will er eine Anwaltskanzlei eröffnen und sich auf internationales Recht spezialisieren.

Irgendwann müssen sie ihren Eltern die Wahrheit sagen. „Je länger wir warten“, sagt Yael, „umso ungeheuerlicher wird die Lüge.“ Aber sie wissen nicht, wie sie es ihnen erklären sollen. „Eigentlich müssen sie es akzeptieren, schließlich sind wir erwachsen.“ Dass die Familie hinter ihr steht, ist das Wichtigste für Yael, „alles andere, das Gerede der Leute, ist dann kein Problem mehr“.

Yael und Ibrahim kennen die Eltern des anderen. Einmal hat Ibrahim Yael zu Hause vorgestellt, sie sei die Cousine eines jüdischen Freundes. Es gab Tee und selbst gebackene, arabische Dattelplätzchen. „Sie hat mir gleich gefallen“, sagte seine Mutter später zu Ibrahim. Am selben Tag fuhren sie noch zu Yaels Mutter. „Das ist Abraham“, sagte Yael, „ein Bekannter.“ Abraham ist ein jüdischer Name, die Mutter merkte nicht, dass ihr ein Araber gegenübersitzt. Obwohl Ibrahim erst mit 15 Hebräisch lernte, spricht er ohne Akzent. Wieder gab es Tee, dazu dänische Butterplätzchen. Als er gegangen war, sagte Yaels Mutter: „Der war ziemlich nett, du solltest mit ihm ausgehen. Er ist besser als alle anderen, die du davor hattest.“

Aber da war er eben Abraham und nicht Ibrahim.

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