Zeitung Heute : Sammler brauchen Messen

Mehr Galerien als in jeder anderen deutschen Stadt ringen um die Gunst der Sammler – Tendenz steigend. Aber die Umsätze stagnieren.

Gelungenes Experiment. Während des Gallery Weekends im April kamen viele Kunstinteressierte in die Galerien, wie hier in die Ausstellung von Thomas Kiesewetter in der Galerie Contemporary Fine Arts. Foto: Marco Funke
Gelungenes Experiment. Während des Gallery Weekends im April kamen viele Kunstinteressierte in die Galerien, wie hier in die...

Axel Haubrok ist ein Stück gewachsen. Vor wenigen Wochen hatte der Berliner Sammler noch einen Raum am Strausberger Platz – klinisch weiß, überschaubar und damit perfekt für seine eher spröde Konzeptkunst. Inzwischen ist Haubrok Inhaber eines ganzen Ensembles: Ihm und seiner Frau Barbara gehört nun die ehemalige Fahrbereitschaft der DDR in Lichtenberg. Ein Komplex mit Garagen, Busdepots und Tankstelle. Der ehemalige Experte für Public Relations weiß auch schon, was er auf den 19 000 Quadratmetern nicht haben will: Kunstgalerien.

Davon gibt es in der Stadt tatsächlich eine erkleckliche Zahl. Rund 400 Adressen nennt etwa der Landesverband Berliner Galerien (LVBG). Kleine Räume mit bescheidenen Umsätzen gehören ebenso dazu wie international renommierte Galerien, deren Künstler Millionen wert sind. Damit hat sich Berlin längst an die Spitze der großen deutschen Städte gesetzt. Weder Hamburg noch München können hier konkurrieren, und selbst Köln mit seiner traditionellen Kunstmesse Art Cologne und einer stabilen bürgerlichen Sammlerschaft bleibt zahlenmäßig weit dahinter zurück.

„Das größte Ausstellungshaus der Hauptstadt“, heißt es denn auch über Berlins Galerien in einer Studie zur Gegenwartskunst, die jüngst vom Institut für Strategische Entwicklung (Ifse) veröffentlicht wurde. Die Daten stammen aus dem April und wurden vom Gründer des Instituts, Hergen Wöbken, mit Unterstützung des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler zusammengetragen. Ihre vorläufigen Ergebnisse können jene, die mit dem hiesigen Kunstbetrieb vertraut sind, wohl kaum überraschen. Dafür machen sie in Zahlen sichtbar, wie elementar dieses Segment für Berlins Kreativwirtschaft ist.

Fast 80 Prozent der befragten Galerien geben an, dass sie ausschließlich Gegenwartskunst anbieten. Jeder Händler vertritt rund 16 Künstler in 5,8 Ausstellungen pro Jahr – und das auf einer durchschnittlichen Ausstellungsfläche von 160 Quadratmetern. Wöbken hat diese Zahlen addiert und kommt allein auf 6000 Künstler, die hier ein Schaufenster für ihre Werke finden und im Idealfall von ihren Verkäufen in den Galerien leben.

Das Volumen der Räume wiederum bemisst sich auf 60 000 Quadratmeter Gewerbefläche, die vom Berliner Kunsthandel bewirtschaftet wird. Die Schätzungen für das Jahr 2009 lagen noch bei 5000 Künstlern und 45 000 Quadratmetern Gesamtfläche, heißt es in der Studie. Vor vier Jahren hat das Institut diese gewaltige Umfrage schon einmal gestartet. Nun kann es im Vergleich aufzeigen, dass die Kunstszene der Stadt in jüngerer Zeit noch einmal expandiert ist.

Und das, obwohl man 2011 einen herben Rückschlag zu verkraften hatte – das Ende der hiesigen Kunstmesse „Art Forum“. Nach 16 Jahren beerdigt die Messe Berlin die große Kunstschau aus diversen Gründen – für die Berliner Galerien ein Rückschlag. Vor allem für jene Mittelständler, so Marcus Deschler, die selten international vernetzt und davon abhängig sind, dass neugierige Sammler in die Stadt kommen. Der Galerist, seit 18 Jahren mit Malern und Bildhauern wie Rainer Fetting, Xenia Hausner, Jay Mark Johnson oder Deborah Sengl in Mitte ansässig und im Bundesverband der Galerien engagiert, weiß aus Erfahrung, wie wichtig Messen sind. Sammler brauchen feste Termine für ihre Kalender – wer das nicht bietet, der geht im überreichen Angebot von Basel bis Hongkong unter.

Wie wichtig dieser Aspekt für Berlin ist, kann Wöbken nun ebenfalls mithilfe seiner Fragebögen nachweisen. „Der Kunde kommt selten aus der Region“, lautet ein zweites Fazit. Nur 22 Prozent der Galeristen erzielen mit Verkäufen an hiesige Sammler den größten Beitrag ihrer Umsätze. Mehr als die Hälfte von ihnen muss sich darauf verlassen, dass die Klientel aus anderen Teilen Deutschlands zuverlässig in die Hauptstadt kommt, um Kunst zu erwerben. Ein knappes Drittel schließlich zählt internationale Sammler zu ihrer Kundschaft. Ihnen bietet das jährliche Gallery Weekend, eine private Initiative von inzwischen 51 Berliner Galerien, nun im Frühjahr ein Wochenende mit gemeinsamen Öffnungszeiten, an denen man sich einen konzentrierten Überblick verschaffen kann. Wie erfolgreich dieses Projekt ist, war erst Ende April zu sehen, als zur Vernissage Tausende durch die einschlägigen Kunstquartiere zirkelten.

Doch auch der Herbst bleibt wichtig. Zum einen, weil die Organisatoren des Gallery Weekends mit ihrer zweiten jährlichen Veranstaltung, der abc, eine Verkaufsschau bestreiten, zu der auch internationale Galerien eingeladen sind (19.–22. September). Darüber hinaus ist zwar das Art Forum Geschichte. Die begleitenden, sogenannten Satelliten-Messen jedoch – das schien im ersten Schock und den folgenden Meldungen, in denen hieß, Berlin habe keine Messe mehr, fast unterzugehen – nehmen ihre Funktion nach wie vor wahr. Die Berliner Liste und die Preview Berlin Art Fair dienen als Handelsplätze für jene Kunst, die quasi frisch aus dem Atelier kommt.

Dass sie es in Berlin selten weit hat, gehört zu den Erkenntnissen, für die man wirklich keine Studie braucht. Douglas Gordon, Karin Sander, Thomás Saraceno, Katja Strunz, Jonathan Monk, Gerold Miller, Tacita Dean, Anselm Reyle: Die Liste der Künstler, die von hiesigen Galerien international vertreten werden, ließe sich beliebig fortsetzen. Seit Anfang der 1990er Jahre zieht es die Protagonisten aus London, New York, Paris oder Madrid in die großzügigen Räumlichkeiten an der Spree, die lange für kleine Mieten zu haben waren. Die meisten arbeiten aufwendig in Ateliers, beschäftigen ein oder auch mehrere Assistenten – und eine ganze Branche, die von ihren Aufträgen lebt. Schreiner, Plastiker, Modellbauer, Gießereien. Alle profitieren davon, dass Kunst in den Augen der Sammler das Investment der Stunde ist. So verwundert es nicht, wenn Axel Haubrok für seine Lichtenberger Fahrbereitschaft von einer wilden Mischung träumt: Einen Teil der jetzigen Mieter, die mit Kunst wenig zu tun haben, möchte er halten. Im übrigen wünscht er sich an der Herzbergstraße 40–43 Werkstätten von Kreativen, die eng mit Künstlern zusammenarbeiten.

Einen Wermutstropfen enthält die Studie allerdings. 2009 ermittelte das Berliner Institut für alle hier ansässigen Galerien einen ungefähren Jahresumsatz von knapp 100 Millionen Euro. Die aktuelle Umfrage beleuchtet die finanzielle Seite diesmal differenzierter und sortiert nach großen und mittelständischen Unternehmen. Letztere erwirtschafteten im vergangenen Jahr Galerien um die 70 Millionen Euro. Dass Wöbken in seiner Untersuchung dennoch auf eine Gesamtsumme von 90 Millionen Euro kommt, liegt an jenen 20 Galerien, deren jährlicher Umsatz deutlich über der Millionengrenze liegt. Das ist immer noch weniger als 2009, mag allerdings ebenso aus individuellen Umsatzschwankungen resultieren wie aus dem diskreten Verhalten eben jener Kunsthändler, von denen viele nicht auf die freiwillige Umfrage reagieren. In solchen Momenten schätzt das Institut und kalkuliert mit eher geringen Zahlen.

Der Umsatz von 2012 kann also auch anders ausgefallen sein und zeigt, dass solche Umfragen nur bedingt als absolut real gelesen werden können. Dennoch lassen sich mit ihrer Hilfe Tendenzen erkennen. Zum Beispiel, wie unterschiedlich die Einkünfte in diesem Bereich ausfallen. Und dass jene Galerien vom anhaltenden Boom der Kunst nur wenig profitieren, die auf ganz junge Positionen setzen, wenn sie etwa Absolventen der Kunstakademien frisch ausstellen und sukzessive aufbauen. Für die großen Sammler spielen sie eine Nebenrolle – und wenn die Künstler Furore machen, werden sie häufig von größeren Galerien mit attraktiven Bedingungen gelockt.

Sichtbar wird allerdings auch, wie wichtig der Kunstmarkt für Berlin geworden ist. Rund eintausend Arbeitsplätze hat die Studie in Berlins Galerien ermittelt. Knapp die Hälfte davon wird von den Inhabern eingenommen – die andere Hälfte von Angestellten. Hinzu gesellen sich rund zweihundert freie Mitarbeiter, und wem das reichlich niedrig vorkommt, dem antwortet die Studie mit einem Auswahlkriterium: Gezählt wurden allein die Arbeitsplätze mit „Vollzeitäquivalent“. Teilzeitkräfte zählen also nicht.

Als die Zahlen Anfang Mai vom Ifse in der Berliner Galerie Capitain Petzel vorgestellt wurden, blieb das Publikum eher gelassen. Die Zahlen versinnbildlichen im Großen und Ganzen, was den meisten aus der eigenen Anschauung ohnehin vertraut ist. Kritisiert wurde höchstens, dass die reinen Umsätze wenig darüber sagen, ob eine Galerie tatsächlich überleben kann. Erst wenn auch die Kosten für auswärtige Kunstmessen und die Produktion von Kunstwerken erfasst würden, zeichnete sich ein realistisches Bild der finanziellen Lage.

Birgit Sturm vom Bundesverband deutscher Galerien und Kunsthändler machte aus ihrer Sicht dagegen noch einmal deutlich, wie wichtig diese Branchenzahlen etwa für Verhandlungen mit dem Senat sein können. Denn auch er ist gefragt, wenn es um die Zukunft des Kunstmarktes Berlins geht. Nach wie vor rangiert nämlich in der Umfrage unter den Galeristen ein Grund für die Standortwahl: günstige Mieten.

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