Zeitung Heute : Sandig, rauh und karg - aber windig - Surfer treffen sich in Santa Maria auf Sal

Beatrice Poschenrieder

"So karg hätte ich mir die Kapverden nicht vorgestellt", sagt Michael aus Stuttgart, als das Flugzeug auf der Insel Sal landet. Trockene Erde, Dünen, spärliche Besiedelung. Michael und seine Freundin Babsi hatten eine ähnliche Landschaft wie auf den Kanaren erwartet - schließlich liegen beide Inselgruppen vor der westafrikanischen Küste, die Kapverden 1500 Kilometer weiter südlich. Noch wissen die beiden Surfurlauber nicht, dass die Kapverden zu den Entwicklungsländern gehören: afrikanisch geprägt, sehr arm - bis auf wenige Hotelbesitzer. Jetzt haben die Windsurfer die Kapverdischen Inseln als Reiserevier entdeckt.

Die Infrastruktur ist noch kaum auf Tourismus eingestellt. Hotelburgen, Shoppingzeilen, Vergnügungsmeilen und Fastfood-Lokale gibt es hier nicht. Der karge Eindruck verstärkt sich beim Transfer nach Santa Maria an der Südküste, dem einzigen Touristenort auf Sal: "Gibt ja nicht viel zu sehen", meint Babsi. Aber das stört die meisten Touristen kaum: Sie sind wie Michael zum Surfen hier - oder wie Babsi, um sich in der Sonne zu aalen. Sechs Stunden Flug, und man ist dem Berliner Winter entflohen.

Auf den Kapverden finden Gäste ganzjährig karibische Temperaturen, badewarmes Wasser und kilometerlange leere Sandstrände vor. Für Urlauber toll - für die Einheimischen weniger. Es gibt weder Bodenschätze noch fruchtbare Erde geschweige denn genug Wasser, um eine üppige Ernte einzufahren. Über 85 Prozent aller Güter müssen importiert werden. Deshalb gibt es nicht viel. Und das, was es gibt, kostet. Trotzdem lohnt es sich, die Kapverden anzuschauen. Ingesamt besteht die Gruppe aus 15 Inseln, neun sind bewohnt. Doch die meisten Touristen sehen nur Sal, die einzige Insel mit einem Flughafen. Dabei hat Sal am wenigsten zu bieten: Sie ist sandig, karg und abgesehen von ein paar kleinen erloschenen Vulkanen platt wie eine Flunder. Aber selbst abends kann man noch Shorts und T-Shirt tragen. Die Kapverden liegen im Passatgürtel - im November und Dezember hat es meist leichte bis mittlere Winde, von Januar bis April weht mitunter eine recht steife Brise.

Fünf Gehminuten vom Ortskern von Santa Maria entfernt liegt die Surfstation von Patrick Heintz. Man kann zwischen drei Revieren wählen: Geradeaus auf dem Meer eine leicht kabbelige Slalompiste, schräg links eine kleine Dünung, die bei mehrtägigem Passat recht anspruchsvoll wird, ganz links (zum Aufkreuzen) Flachwasser. Der Wermutstropfen: Der schräg ablandige Wind muss zuerst über ein paar Hotelanlagen klettern, bevor er weiter draußen aufs Meer trifft. Deshalb ist der Wind auf den ersten 200 Metern recht böig. Eine schöne Welle findet sich häufig (aber nicht immer!) in Punta Preta, einem Surfspot, der nur zehn Minuten mit dem Auto entfernt ist. Ehe sich Michael auf den Weg macht, holt er sich aber bei der Ausleihe lieber ein Brett und geht wellenreiten oder boogieboarden. In Santa Maria fühlt man sich mitunter an Zuhause erinnert. Hier gibt es eine Art Biergarten: Ein langer Holztisch mit Bänken ist vor dem "Squeeze", der Bar des Ex-Profisurfers Renaud Simhon, aufgebaut. Er hat sich hier niedergelassen, weil Surfen immer noch sein Leben ist. Tags wirkt Santa Maria oft ein bisschen verloren, aber nach Sonnenuntergang kommen die Leute aus ihren Häusern. Beim Wirt "Mateus" spielen einheimische Musiker ihre wunderbar rhythmischen Klänge. Vor und in den vielen Bars drängelt sich Schwarz neben Weiß, um die starken Rum-Drinks zu konsumieren. In der Disco "Bananas" tanzen farbige Frauen so exotisch, dass man auch als Frau stundenlang zusehen könnte.

Wer Sal erkundet hat, für den lohnen sich Ausflüge etwa nach Santo Antao, Fogo und Santiago. Fogo besteht aus einem riesigen Vulkan mit kleinen Nebenkratern, die noch tätig sind. Santiago, die größte Insel, bietet eine abwechslungsreiche Landschaft und ist die afrikanischste der Kapverden. Santo Antao ist sehr gebirgig, ziemlich grün und teils mit üppiger Vegetation wie in den Tropen. Die Menschen dort sind herzlich. Das kann man von den Leuten auf Sal nicht immer behaupten. Viele Einheimische sind sehr verschlossen; sie lächeln nicht zurück, sondern wirken muffig. Die Menschen hier haben einiges durchgemacht. Jahrhundertelang Sklaverei, Ausbeutung durch Kolonialherren und durchs Regime, dazu Dürre- und Hungerkatastrophen. Die Kapverden haben viele Gesichter - mit dieser Erkenntnis fliegen auch Babsi und Michael zurück.

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