Zeitung Heute : Sandra rennt

Der Tagesspiegel

Von Christian Hönicke

Wilmersdorf. Die junge Frau zieht kurz, blickt dann auf die Zigarette in ihrer Hand. „An der Rennstrecke“, sagt sie entschuldigend, „mache ich das natürlich nicht. Zu gefährlich.“ Sandra Jasker ist 23 und Rennfahrerin. Ob sie jemals ein Rennen fahren wird, ist allerdings ungewiss.

Rückblende: Ein metallic-blauer BMW ist auf dem Weg von Berlin nach Dresden. Am Autobahndreieck Spreewald wird er von Polizisten gestoppt. 203 km/ h zeigt die Radarpistole. Macht drei Punkte und ein erhebliches Bußgeld für die damals 20-jährige Fahrerin aus Wilmersdorf. „Vielleicht“, meint der Polizist zu Sandra Jasker, „sollten Sie es mal als Rennfahrerin versuchen. “

Ob es diese Begebenheit aus dem Jahr 1999 war, die zwei Freunde veranlasste, Jasker zu einem Fahrsicherheitstraining im August 2001 einzuladen, wer weiß. Die ihr dort attestierte außergewöhnliche Fahrzeugbeherrschung ließ sie an die Worte der Gesetzeshüter zurück denken: War sie etwa doch zur Rennfahrerin berufen? Jasker meldete sich bei einem Sichtungslehrgang für den VW-Lupo-Cup an. Und tatsächlich bekam sie das Angebot, an der Rennserie der aufgemotzten Kleinstwagen teilzunehmen. Obwohl der Programmpunkt „8 km Joggen“ ihren untrainierten Körper vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe stellte. Doch Sandra quälte sich über die zwei Runden im Motopark Oschersleben, auch wenn sie danach drei Tage nicht mehr laufen konnte. Es lohnte sich: Der Vertrag für ein Cockpit im Lupo-Cup musste nur noch durch Sandras Unterschrift vervollständigt werden.

Sie schmiss ihren Job als Vertriebsbeauftragte einer Internetfirma, und wahrscheinlich hätte sie auch unterschrieben, wenn sie nicht durch einen Bekannten von MPP Schwadtke Racing erfahren hätte. Das Rennteam aus Leibsch im Unterspreewald suchte nämlich noch einen Fahrer für die Formel König. Im Gegensatz zum Lupo-Cup wird diese mit Formel-1-ähnlichen Wagen, so genannten Monoposti, ausgetragen. Die vage Ahnung, die Sandra Jasker bis dahin vom Motorsport hatte, genügte, um zu wissen, dass nur der ganz nach oben kommt, der Monoposto fährt. Ein Blick in die Siegerliste der Formel König belegte das: „1988, Michael Schumacher“ stand da. „Und Tourenwagen“, sagte sich Jasker, „kann ich auch noch fahren, wenn ich 30 bin.“ Also unterschrieb sie bei Schwadtke Racing und freute sich auf 2002, ihre erste Motorsportsaison, den möglichen Beginn einer großen Laufbahn.

Hier fangen die Probleme an. Nicht nur, dass Sandra Jasker jetzt zwar konditionell gut drauf ist, von den in dieser Saison zu fahrenden Rennstrecken aber lediglich zwei kennt. Oder dass sie ihr neues Gefährt eigentlich noch keinen Millimeter bewegt und von der ganzen Technik drum herum auch noch nicht sonderlich viel Ahnung hat. Vor allem hat sie keinen Manager. Genau genommen hatte sie schon einige Manager, doch ihr Satz „Das ist eine Marktlücke“ zeugt von nicht sonderlich positiven Erfahrungen. Ohne Manager ist es schwierig, einen Sponsor aufzutreiben. Den braucht es aber: Rund 150000 Euro Kosten fallen pro Saison in der Formel König an. Und wenn schon die Formel 1 die Rezession spürt, tun das die Teilnehmer unterer Klassen allemal. Viele Fahrer stehen noch ohne Sponsor da, selbst wenn sie so attraktiv sind wie Sandra Jasker. Bis Anfang März muss sie wenigstens 25000 Euro für die Einschreibegebühr zusammen haben. Um das zu schaffen, geht sie jetzt einen ungewöhnlichen Weg. Über ihre E-Mail-Adresse ( sjasker@web.de ) will Jasker Lose für je 20 Euro verkaufen. Zu gewinnen gibt es dabei neben Eintrittskarten für Rennen und einer Fahrt als Beifahrer im Renn-Beetle einen kompletten Tag in der 230 km/h schnellen Formel König. Die Rennstrecke kann sich der Gewinner selbst aussuchen. Außerdem will Jasker alle Teilnehmer der Aktion per Unterschrift auf ihrem Renner verewigen: „Das wäre doch mal was Neues.“

Da könnte dann auch der Name Nick Heidfeld stehen. Auf einer Gala wäre Sandra Jasker fast mit dem Formel-1-Star ins Gespräch gekommen, „aber dann drängelte sich irgendein Blödmann dazwischen.“ Doch drängeln, das weiß sie jetzt, gehört nun mal zum Motorsport. Wie das Nichtrauchen.

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