Zeitung Heute : Sara Blau und das Tabu

Eine junge Jüdin brach mit Israels heiligstem Ritual: dem Holocaustgedenken. Ihre Alternative

Alexandra Werdes[Tel Aviv]

Als Erstes entschuldigt sich Sara Blau dafür, wie es in der Küche aussieht: Arbeitsflächen und Ofen sind mit Alufolie ausgelegt, die Schränke mit Klebeband verschlossen. Es ist Pessach – jeneWoche, in der Juden den Auszug aus Ägypten feiern und in der sie kein Brot essen dürfen, und wer richtig koscher lebt, darf kein Lebensmittel mit Brotkrümeln auch nur in Berührung bringen. „Ich würde es ja nicht so eng sehen“, sagt Sara, „aber meine Eltern sind streng religiös.“ Hier, 20 Taxi-Minuten von Tel Aviv entfernt, in Bnei-Brak, tragen bärtige Männer breitkrempige Hüte und schwarze Anzüge, und die Frauen haben lange Röcke an. Bnei-Brak ist das Viertel der orthodoxen Juden.

Sara ist modern-orthodox. Sie hält sich nicht an alle Regeln, aber an die meisten. Es ist eine strenge Welt, in der sie aufgewachsen ist, aber auch voller Traditionen, die Geborgenheit geben. Sara mag Rituale. Und doch hat sie es gewagt, eines der heiligsten zu brechen: die Art, wie Israel der Opfer des Holocaust gedenkt. Sie hat eine alternative Gedenkfeier für junge Leute erfunden. Und sie hat sich Feinde damit gemacht.

Der 4. Mai ist der Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto. Es ist dieses Datum, das Israel ausgewählt hat, damit die Nation gedenkt. Jom Ha’Schoah heißt der Tag. An diesem Mittwochabend beginnt Jom Ha’Schoah im ganzen Land mit derselben Zeremonie. Lichter werden entfacht – sechs Kerzen für sechs Millionen ermordete Juden. Dann folgt auf allen Kanälen das gleiche Programm: Ansprachen von Überlebenden, dann Lieder, die jeder Israeli seit der Kindheit kennt. Das Land liegt still. Nur vor einem Theater im Süden Tel Avivs werden rund tausend junge Leute Schlange stehen: Hauptstädter zwischen 20 und 30, die kommen, um zu hören, was andere in ihrem Alter zum Holocaust zu sagen haben – zehn Redner und dazwischen nicht Schoah-Lieder, sondern Popmusik.

Vor sechs Jahren hatte Sara diese andere Feier erfunden, da war sie 25. Sie stellte damals fest, dass ihre Freunde sich lieber mit einem Video auf die Couch verkrochen, als am Gedenken teilzunehmen. Nicht aus einem Mangel an Betroffenheit, sagt sie. Es gibt wohl kaum jemanden in Israel, den Jom Ha’Schoah kalt lässt. Nur hat die äußere erstarrte Form sich dem Innern entfremdet. Das Ritual hat das Gefühl erstickt. Was hat das noch mit uns zu tun? fragen sich viele junge Leute. Und deshalb hatte es vor sechs Jahren genügt, ein paar Flyer auszuteilen und das Wort „alternativ“ zu benutzen: Es kamen mehr als 300 Leute. Dass sie danach anonyme Drohungen bekam und Tommy Lapid, der letzte Holocaust-Überlebende im Parlament, schimpfte, die Jugendlichen wollten auf dem Rücken von sechs Millionen Toten ihren Spaß, macht Sara immer noch wütend: „Wir nehmen den Holocaust ernst. Aber wir kennen die Berichte über KZs. Wir wollen wissen, was die Schoah heute mit uns macht.“

Sara weiß, welche Zutaten sie braucht für einen Abend, an dem alle Varianten des komplizierten, israelischen Beziehungsgeflechts mit der Schoah abgebildet sein sollen: darunter einen Enkel von Überlebenden, einen Juden, der keine europäischen Vorfahren hat, einen Religiösen. Es sind kleine Geschichten, die sie erzählen. Jinon Zfrer, ein junger Journalist, ist einer von ihnen. Bei den Vorbereitungen im Theater erzählt er, dass am Schoah-Tag seine Tochter geboren wurde und er nicht wusste, ob er sich nun freuen darf. Sarit Dvino, eine Schauspielerin, träumt immer wieder, wie sie von Nazis gejagt wird, obwohl ihre Familie nicht direkt vom Holocaust betroffen war. Auch über Politik wird gesprochen. Dass es falsch sei, israelische Schulkinder nach Auschwitz zu bringen und ihnen vor dem Krematorium einzubläuen, wie wichtig der Staat Israel sei – denn die Entschlossenheit, nie wieder Opfer zu sein, zerstöre das Mitgefühl in der Gesellschaft. Sara sagt: „Die israelische Wirklichkeit bringt dauernd neue Themen hervor, und du kannst sicher sein: Hier hat alles mit der Schoah zu tun.“

Sie selbst, sagt Sara, sei vom Holocaust besessen. Als Kind konnte sie sich an Jom Ha’Schoah nicht vom Fernseher losreißen, von den Schwarzweißdokumentationen und Zeitzeugen. Ihren Zivildienst leistete sie im Holocaust-Institut in Haifa. Später studierte sie Geschichte und Psychologie, zurzeit moderiert sie eine religiöse Fernsehshow. Aber einmal in der Woche fährt sie immer noch nach Haifa, um Schulklassen im Institut vom Holocaust zu erzählen. Vor allem, wie es dazu kam. Für Sara ist das, was zwischen 1933 und 1945 passiert ist, wie ein Labor, in dem man den ganzen Menschen erforschen kann. Ein faszinierendes Rätsel.

Sie sitzt auf dem schmalen Bett in ihrem alten Kinderzimmer, unter sechs Regalborden voll mit Holocaust-Literatur, jenseits des Flurs hält ihr Vater ein Nickerchen, in einem Wohnzimmer, das aussieht wie aus dem alten Europa importiert, mit Ölbildern und Spitzendeckchen. Sara sagt, es sei das Rätsel, was sie so besessen macht. Sie sagt auch, es habe nichts mit der eigenen Familie zu tun, aber das kommt ein wenig zu hastig. Sara springt auf, nimmt eine Zigarette, steckt sie aber nicht an. Ein Großvater verlor seine Frau und zwei Töchter in Auschwitz. Eine Großmutter konnte den Nazis entkommen, als sie im neunten Monat schwanger war. Sara zieht an der kalten Zigarette. „Ich habe Hunderte von Überlebenden interviewt, aber mit meiner Familie hab’ ich nie darüber gesprochen.“

Bis in die 70er Jahre hinein hat sich Israel kaum für die Geschichten der Opfer interessiert. Sie passten nicht in eine Zeit, die mit dem Aufbau eines wehrhaften Staates beschäftigt war. Dan Bar-On, Leiter des Instituts für Verhaltensforschung an der Ben-Gurion-Universität, sagt, es war erst die dritte Generation, die mit ihren unbefangenen Fragen das Schweigen gebrochen hat. Aber er kennt auch Fälle, in denen das Trauma der Überlebenden selbst die Enkel noch belastet. Sara sagt: „Vielleicht umkreise ich die Schoah auf allen Ebenen, um nicht tiefer in der eigenen Familiengeschichte graben zu müssen.“

Ihr Handy klingelt: Ein Helfer will im Theater nochmal den Ablauf durchgehen. Sara wirft sich einen roten Mantel über und zieht leise die Wohnungstür zu. „Dieses Jahr liegt etwas in der Luft“, meint sie noch. „Wir sind die Letzten, die mit den Überlebenden aufgewachsen sind.“ Dann nimmt sie das Taxi nach Tel Aviv.

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