Sarkozy bei den Briten : Zarte Bande

Frankreichs Präsident besuchte Großbritannien. Gibt es eine neue Zusammenarbeit zwischen Paris und London?

Markus Hesselmann Albrecht Meier

London/BerlinBei seinem Besuch in London wollte Nicolas Sarkozy sich als großer, gereifter Staatsmann in Szene setzen. Doch auf den Bildern in den britischen Zeitungen stand immer Carla Bruni-Sarkozy im Vordergrund. In den Texten dazu wird die Präsidentengattin, einst Model, jetzt Sängerin, zur neuen Jackie Kennedy oder Prinzessin Diana stilisiert. Die große Rede des französischen Präsidenten im Parlament von Westminster war da fast zweitrangig. „Bruderschaft“, „ewige Dankbarkeit“, „Entente amicale“ – mit hohem Ton besang er Britannien als Erfinder der Demokratie. Vor allem aber sandte Sarkozy Signale an das desillusionierte Wahlvolk daheim. Seht her, ihr habt es doch mit einem ernsthaften, anerkannten Politiker zu tun und keinem Filou, der seine Wähler und Frankreichs langjährige Partner vor den Kopf stößt.



Was wollte Sarkozy mit seinem Besuch in London erreichen?



Sarkozy hat drei Ziele verfolgt: Erstens eine Verbesserung des französisch-britischen Verhältnisses, das während des Irakkriegs gelitten hat; zweitens die Suche nach Verbündeten bei dem strategischen Vorhaben, Frankreichs Rückkehr in die militärischen Gliederungen der Nato zu ermöglichen; und drittens der Versuch, das enge deutsch-französische Verhältnis in der EU durch ein Tandem Paris/London zu ergänzen.

Das erste Ziel hat Sarkozy erreicht. Dass er nach seinem Einzug in den Elysée-Palast alles daransetzen würde, um das während des Irakkriegs abgekühlte Verhältnis zu den USA und Großbritannien wieder zu normalisieren, zeichnete schon während seines Wahlkampfs ab. „Sarko l’Américain“ war angetreten, den Riss im Verhältnis zu den beiden Verbündeten wieder zu kitten.

Wenn Sarkozy außerdem vorschlägt, weitere französische Soldaten nach Afghanistan zu schicken, so hat er dabei wohl auch Frankreichs Pläne zur Rückkehr in die Militärstruktur der Nato im Hinterkopf. Briten und Amerikaner drängen seit Monaten auf ein verstärktes Engagement der Verbündeten. Eine Entsendung weiterer französischer Soldaten nach Afghanistan könnte in London und Washington als Pluspunkt angerechnet werden.

In Sachen Europapolitik aber steht auch nach Sarkozys Besuch der Test noch aus, ob es jenseits der Achse Paris–Berlin ein tragfähiges Bündnis zwischen Frankreich und Großbritannien mit ähnlicher Zugwirkung geben kann. Nicht nur für Frankreich, sondern für die gesamte EU brächte ein solches Bündnis Vorteile – wenn es Sarkozy und dem britischen Premierminister Gordon Brown gelänge, gemeinsam einen Weg aus der Übersubventionierung der EU-Agrarwirtschaft zu finden.

Wie kam Sarkozys Auftritt in Großbritannien an?

Die Kommentatoren auf der Insel haben sich von Sarkozys blumiger Rede nicht allzu sehr beeindrucken lassen. Mehr Freundschaft sei zu begrüßen nach dem Zerwürfnis wegen des Irakkriegs, so der Tenor. Aber Substanzielles sei eher nicht zu erwarten. „Er steckt voller Initiativen“, schreibt der „Independent“. „Aber wenige davon sind durchdacht und noch weniger werden umgesetzt.“ Die Zeitung verweist auch auf Widersprüche, zum Beispiel zwischen Frankreichs geplanter Rückkehr in die Militärstruktur der Nato und Sarkozys Wunsch nach EU-Streitkräften. „Fast ein Jahr Sarkozy hat wenig Bedeutsames hervorgebracht“, schreibt die „Times“. „Trotz aller Worte über Gemeinsamkeiten bei der Wirtschaft“ vertrage sich Sarkozys protektionistische Haltung zum Schutz staatlicher Großkonzerne nicht mit Browns Haltung.

Auch Robin Shepherd, EU-Experte beim außenpolitischen Thinktank Chatham House, sieht britische Freihandelspolitik und Pariser Protektionismus aufeinanderprallen. Er hofft denn auch weniger auf eine neue Entente als auf ein Trio, einschließlich Deutschlands. „Es könnte der Beginn eines Europa der großen drei sein, statt eines der großen zwei nur mit Deutschland und Frankreich.“ Brown treffe mit Kanzlerin Merkel und Sarkozy auf zwei Partner, die Europa im Gegensatz zu vielen ihrer Vorgänger ebenfalls eher praktisch als idealistisch sähen.

Welche Bedeutung hat das Treffen in London für Deutschland?

In Berlin löst das Techtelmechtel zwischen Sarkozy und Brown keine übermäßigen Eifersuchtsgefühle aus. Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn ein französischer Präsident in seinem ersten Amtsjahr nach London aufbricht – zum Beispiel absolvierte Jacques Chirac 1996 seinen ersten Staatsbesuch in Großbritannien. Zwei Jahre später einigten sich Paris und London zwar in St. Malo auf eine stärkere militärische Zusammenarbeit – was aber nichts an der engen Verzahnung zwischen Berlin und Paris änderte.

Zudem dürfte die Achse zwischen Deutschland und Frankreich auch in drei Monaten wieder zum Tragen kommen, wenn Paris die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt. Sarkozy braucht die Hilfe von Kanzlerin Merkel, wenn sein Prestigeprojekt einer Mittelmeerunion ein Erfolg werden soll. Allerdings gibt es in Berlin durchaus die Sorge, dass Frankreichs Präsident die eigentliche Führungsrolle in der EU für sich beansprucht.

So gesehen, gibt es für die Bundesregierung doch einige gute Gründe, die künftige Kooperation zwischen Paris und London genauer zu betrachten. Das gilt sowohl für das verstärkte Engagement der beiden Partner in Afghanistan als auch für das Festhalten Großbritanniens und Frankreichs an der Kernenergie. Deutschland bleibt hier vorerst Zuschauer – jedenfalls bis zur Bundestagswahl 2009.

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