Zeitung Heute : „Sarkozys Absturz in den Meinungsumfragen ist brutal“

Frankreichs Präsident verliert an Popularität. Sind die Flitterwochen zwischen Nicolas Sarkozy und den Franzosen vorbei, Herr Sainte-Marie?

Der Absturz von Nicolas Sarkozy in den Meinungsumfragen ist brutal. Er hat in zwei Monaten zehn Prozentpunkte verloren, das ist enorm. Nach seinem Amtsantritt war Sarkozy in der öffentlichen Meinung von einer Art Schutzhülle umgeben. Vor etwa zwei Monaten ist diese Schutzhülle geplatzt.

Warum?

Die sozialen Bewegungen und der Streik der Eisenbahner im vergangenen Jahr haben Sarkozys Präsidentenimage geschadet. Zwar hat er angesichts der unpopulären Streiks seine Position im klassischen bürgerlichen Lager gefestigt – aber gleichzeitig ist auch der Eindruck entstanden, dass Sarkozy wie schon seine Vorgänger ganz banale Reformanstrengungen von den Bürgern einfordert, ohne dafür eine Gegenleistung bieten zu können. Wir erleben jetzt, dass das Bild des Präsidenten in der Öffentlichkeit ein Normalmaß erreicht.

Ist es nicht ein ganz normaler Vorgang, wenn die Popularität eines frisch ins Amt gewählten Präsidenten in den ersten Monaten wieder abnimmt?

Nein. Angesichts der jüngsten Meinungsumfragen wird in der Kommunikationsabteilung des Elysée-Palastes jetzt zwar dieses Argument benutzt. Alle Führungspolitiker der bürgerlichen Rechten greifen es unisono auf – und trotzdem ist es falsch. In einer vergleichbaren Phase nach den ersten Amtsmonaten war beispielsweise François Mitterrand im Januar 1982 immer noch äußerst populär.

Wenn sich Sarkozys Umfragewerte verschlechtert haben – welche Rolle spielen dabei seine neue Freundin Carla Bruni und die öffentliche Diskussion über das Privatleben des Präsidenten?

Das wirkt wie ein Zündfunken. Man muss sich vorstellen, dass sich bei den Franzosen wegen der mangelnden Kaufkraft die Unzufriedenheit anstaut. Und dann erleben sie das Spektakel, das Nicolas Sarkozy bei seinem Besuch in Ägypten aufgeführt hat. Aus meiner Sicht hat es dabei eine Entwicklung in drei Phasen gegeben. Als Erstes kam die Gehaltserhöhung des Präsidenten. Die kräftige Gehaltssteigerung um 70 Prozent hat die Franzosen doch überrascht. Zweite Phase: Der Urlaub des Präsidenten in Ägypten. Dort hat er vorgeführt, wie er sein Geld ausgibt – frivol und luxuriös, ein bisschen wie ein Monarch. Und dann die Krönung: Bei seiner Neujahrs-Pressekonferenz kündigt er an, dass er gegen die mangelnde Kaufkraft nicht viel unternehmen kann. Zusammengefasst: Er erhöht sich das Gehalt, gibt es aus und erklärt den Franzosen dann, dass er nicht sehr viel für sie tun kann. Daraus haben einige Franzosen den Schluss gezogen, dass Nicolas Sarkozy nicht auf ihre Sorgen eingeht.

Schadet die Liaison des Präsidenten mit dem ehemaligen Topmodel Carla Bruni dem Ansehen Sarkozys?

Eine moralische Entrüstung über Carla Bruni selbst spielt nur ganz am Rande eine Rolle. Man kann aber immerhin feststellen, dass unter den älteren Menschen die Zustimmung zu Sarkozy schwindet.

Es muss also für einen französischen Präsidenten nicht unbedingt von Nachteil sein, wenn er die Nähe der Stars sucht?

Wenn wir einen Staatschef hätten, der sich mit Stars wie Carla Bruni und Johnny Halliday umgibt und gleichzeitig die Kaufkraft der Franzosen spürbar anheben würde, gäbe es überhaupt kein Problem. Wenn wir einen Staatschef hätten, der zwar sagt, dass er nicht viel für die Franzosen tun kann, gleichzeitig aber zeigt, dass er einen kargen Lebensstil pflegt – ein bisschen wie die deutsche Bundeskanzlerin –, dann würden mittlere Umfragewerte dabei herauskommen. So aber entsteht der Eindruck, der Präsident profitiere über Gebühr von seiner Machtstellung. Und damit nimmt auch die Distanz zwischen dem Staatschef und den Wählern zu.

Macht es denn den Franzosen gar nichts aus, dass sich ihr Präsident offensichtlich ganz gern in der Klatschpresse abgebildet sieht?

Das alles ist nicht ganz neu. Auch Mitterrand ist anfangs häufig mit Künstlern in der Öffentlichkeit aufgetreten, die man aus den „People“-Magazinen kannte und die dem linken Lager angehörten. Vielleicht hatten diese Künstler einen größeren intellektuellen Anspruch als diejenigen, zu denen Nicolas Sarkozy Kontakt hält. Aber eine Nähe zu den Stars gab es schon damals.

Jérôme Sainte-Marie ist Direktor des Meinungsforschungsinstituts BVA Opinion in Paris. Das Gespräch führte Albrecht Meier.

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