Zeitung Heute : Sarrazin dachte an Rücktritt

Wulff will Stellungnahme der Regierung

Berlin - Thilo Sarrazin hat an Rücktritt von seinem Posten als Vorstandsmitglied der Bundesbank gedacht. „Ich habe von Dienstag bis Donnerstagmorgen geschwankt. Der gewaltige Zuspruch war für mich aber Zeichen genug, dass ich nicht nur an meine Bequemlichkeit denken durfte“, sagte der 65-jährige frühere Berliner Finanzsenator dem Tagesspiegel. Ob Sarrazin klagen wird, wenn er, wie von der Bundesbank beantragt, von Bundespräsident Christian Wulff abberufen wird, ließ er offen. „Ich habe anwaltliche Beratung zu all diesen Fragen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen“, sagte er.

Der Antrag des Bundesbank-Vorstandes auf Ablösung Sarrazins wegen seiner Thesen zur angeblich mangelnden Integrationsfähigkeit von Migranten und Äußerungen über ein „Juden-Gen“ traf am Freitag im Bundespräsidialamt ein. Daraufhin forderte Wulff eine Stellungnahme der Regierung. Eine Sprecherin von Finanzminister Wolfgang Schäuble sagte, es werde formal geprüft, ob es rechtliche Einwände gegen eine Abberufung Sarrazins gebe.

Der Streit um Sarrazin löste eine neue Integrationsdebatte aus. Kanzlerin Angela Merkel sagte der türkischen Zeitung „Hürriyet“, Integration sei eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Sarrazins Argument, Deutschland werde durch türkische und andere muslimische Einwanderer dümmer, sei „Unsinn“. Es gebe in Deutschland viele Beispiele für gelungene Integration, aber auch Probleme. So gebe es in Kreuzberg, Wedding oder Neukölln viele Menschen ausländischer Herkunft, die etwas aus ihrem Leben in Deutschland machen. „Wenn man ehrlich ist, sieht man dort aber auch vieles, das zeigt: Wir haben in der Bildungs- und Sozialpolitik noch einen langen Weg vor uns“, sagte die Kanzlerin. Die türkische Regierung begrüßte in ihrer ersten offiziellen Erklärung im Fall Sarrazin Merkels Äußerungen. Wulff erklärte, Schlüsselfragen der Integration seien Bildung, Zugang zum Arbeitsmarkt und ein stärkerer Dialog aller Gruppen. „Hier müssen wir klare Forderungen an Zuwanderer formulieren und das schützen, was uns im Innersten zusammenhält: die Grundwerte unserer Verfassung“, sagte er der „Allgemeinen Zeitung“. sib

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