Zeitung Heute : Sat 1 drückt sich - "Big Brother" soll Nachfolger bekommen

Joachim Huber

Der Erfolg von "Big Brother" bei RTL 2 macht das übrige Privatfernsehen offenbar kopflos. Sat 1 jedenfalls will mit der Produktion und der Ausstrahlung des "Inselduells", einer weiteren extremen Spielshow, nicht zuwarten. "Die Logistik steht bereit", sagte Fred Kogel, Geschäftsführer Programm, bei der Bilanzpressekonferenz am Mittwoch in Berlin. Produziert wird auf einer malaysischen Insel, auf einem anderen Eiland des südostasiatischen Staates nahm das fortdauernde Geiseldrama auf den Philippinen seinen Anfang. Die Sat 1-Verantwortlichen nannten den Produktionsort "absolut sicher" und betonten, dass die Produktion in jedem Fall Ende Mai starten würde. "Während des Kosovo-Krieges wurden auch Kriegsfilme ausgestrahlt", wurden Hinweise zur möglichen Parallelität von Geiseldrama und Spielshow abgetan.

Fred Kogel nannte "Big Brother" beim Publikum "hoch akzeptiert"; diese "Mutter" eines neuen Fernsehgenres werde auch im Sat 1-Angebot Ende des Jahres einen Nachfolger bekommen. Die vom Geschäftsführer für das Programm-Schaffen behauptete "hohe Inhouse-Kreatitivät" bleibt vage; klar ist, dass Jörg Pilawa seinen "Daily Talk" am 7. Juli gegen die tägliche "Quiz Show" eintauschen wird.

Kogel ließ offen, ob der Familiensender im kommenden Jahr mit unverändert vier oder weniger Talkshows den Vormittag und frühen Nachmittag bestreiten wird. Gesichert ist die Fortsetzung der Bundesliga-Sendung "ran", nachdem die Kirch-Gruppe, Mehrheitseigner von Sat 1, die Rechte erworben hat. Allerdings wird die Freitagsausgabe von "ran" ebenso wegfallen wie die Live-Spiele. Kogel rechnet deswegen mit fortgesetzten Lizenzkosten von jährlich 160 Millionen Mark, "schließlich müssen wir die Programmlücken füllen, schließlich ist der Lizenzhalter zugleich unser Hauptgesellschafter. Darauf können wir bauen." Die Bundesliga bleibe weiter ein Zuschussgeschäft.

An Sende-Innovationen eher bescheiden, es sei denn, man begreift darunter eine Fitness- und Wellness-Strecke am Nachmittag, nannte Kogel Sat 1 "ein klar positioniertes Basismedium mit attraktivem Vollprogramm". 1999 hat sich diese Politik ausgezahlt. Sat 1 hat mit Brutto-Werbeeinnahmen von 3,065 Milliarden Mark Platz zwei im werbefinanzierten Privatfernsehen nach RTL und vor Pro 7 verteidigt.

Pro 7, aktueller Konkurrent um die Führung der angestrebten Senderfamilie aus der Pro 7 Media-Gruppe (Pro 7, Kabel 1, N 24) und Sat 1, sieht Kogel "als Spielfilm- und lizenzorientierter, großer, erfolgreicher Sender" - aber eben nicht als Basismedium und Vollprogramm. So sehr für Kogel fest steht, dass "Sat 1 nicht Pro 7 und Pro 7 nicht Sat 1 verschlucken wird", so sehr ist für ihn ausgemacht, dass seine Station "die Mutter der Senderfamilie sein wird". Jetzt seien allerdings die Gesellschafter am Zug, "rasch eine Grundsatzentscheidung über eine Senderfamilie herbeizuführen". Bei Pro 7 Media die Handelsgruppe Rewe, bei Sat 1 der Axel Springer Verlag, bei beiden Kirch Media. "Die Zusammenarbeit innerhalb einer Familie eröffnet uns noch einmal neue Wachstumspotenziale", so Kogel. Synergien lägen vor allem im Programmeinkauf, in der optimalen Verwertung vorhandener Programmressourcen, im Informationsbereich, in einer besser abgestimmten Programmplanung und bei der Vermarktung. Sat 1 nämlich ist bei seinen Erlösen nahe am Plafond angelangt. Die Werbezeiten sind zu über 98 Prozent ausgebucht, was jetzt, im Rahmen einer Senderfamilie, Not tut, ist eine gemeinschaftliche Vernetzung der Sender, um bei Ausgaben und Einnahmen den größeren Schnitt zu machen. Da liegt ein Potenzial, wie es die RTL-Familie bereits nutzt.

Nach Angaben von Marius Schwarz, Sat 1-Geschäftsführer für Finanzen, hat sich im vergangenen Jahr das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit mit 50,9 Millionen Mark (Vorjahr 20,8 Millionen Mark) mehr als verdoppelt. Für 2000 prognostizierte Schwarz "ein Ergebnis, das sich einem dreistelligen Millionenbetrag nähert". Der Programmaufwand für dieses Jahr bewegt sich mit rund 1,45 Milliarden Mark etwa auf Vorjahresniveau, darunter eine Milliarde für deutsche Eigen- und Auftragsproduktionen. Die Investitionen in das Berliner Medienzentrum von rund 300 Millionen Mark sind weitgehend getätigt, künftig werden dort rund 1100 Mitarbeiter beschäftigt sein.

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