Zeitung Heute : Sat 1 nimmt Sohn der entführten Lehrer-Familie unter Vertrag

Matthias Hochstätter

Das Geisel-Drama auf den Philippinen dauert an. Während die Lehrer-Familie Wallert weiterhin festgehalten wird, bemüht sich der im heimischen Göttingen zurückgebliebene Sohn Dirk, das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu schärfen. Um seine Freilassungs-Appelle gezielt in den Medien zu platzieren, hat der 30-jährige Marketing-Experte Dirk mit dem Fernseh-Sender Sat 1 deswegen einen Exklusiv-Vetrag geschlossen. Dafür erhält Dirk Wallert "eine Art Informationshonorar, das ein paar tausend Mark beträgt", so Dieter Zurstraßen vom Familiensender. Sat 1 gibt sich besorgt und will verhindern, "dass Dirk Wallert zwischen die Mühlsteine der Medien gerät". Die Sat 1-Pressestelle klärt auf: "Normale Menschen sind den Umgang mit den Medien nicht gewohnt. Wir bieten Wallert Schutz, wie eine Exklusiv-Versicherung."

Scheckbuch-Journalismus nannte man früher eine derartige Exklusiv-Versicherung. Dirk Wallert bestreitet auf Anfrage des Tagesspiegel, Geld erhalten zu haben: "Ich habe mich und meine Familie nicht verkauft!" Sat 1 bestätigt freilich das Gegenteil, nämlich eine Zahlung. "Es ist wichtig, dass so ein Thema ständig in den Medien bleibt, und nicht in Vergessenheit gerät", sagt Sat 1-Sprecherin Kristina Faßler, die auch auf den im Kosovo-Krieg von den Serben verschleppten Sat 1-Korrespondenten Pit Schnitzler verweist. Um ähnlich wie bei Schnitzler dafür zu sorgen, dass man die Familie Wallert in Erinnerung behält, hat sich Sat 1 die Fernseh-Rechte an Dirk Wallert gesichert.

In den Sat 1-Nachrichten und im Boulevard-Magazin "Blitz" bekommt Wallert nun Platz eingeräumt. Die RTL-Nachrichten haben zwar die höheren Zuschauerzahlen, doch vor diesen "Mühlsteinen" der Konkurrenz schützt ihn ja Sat 1.

Immer wieder haben die Medien versucht, per Exklusiv-Vertrag Quote und Auflage zu steigern. In spektakulären Kriminalfällen lassen sich die Täter gerne ihre Informationen von den Medien teuer bezahlen. So geschehen im Fall "Dagobert" oder auch im Reemtsma-Prozess. Nicht immer allerdings klappt die Zusammenarbeit zwischen Exklusiv-Informant und Auftraggeber. Monika Böttcher (vormals Weimar) wurde 1997 wegen nicht eingehaltener Interview-Zusagen an das Hamburger Magazin "Stern" zu 120.000 Mark Schadenersatz verurteilt.

Geld zahlte auch der "Spiegel" an Informanten im Zuge der Barschel-Affäre, immerhin 165.000 Mark. Für schlappe 25.000 Mark suchten einst fünf Mitarbeiter von Pro 7 einen professionellen Killer für das Magazin "taff". Rolf Schmidt-Holtz, heute Vorstandsvorsitzender der CLT-Ufa, billigte früher als Herausgeber und Chefredakteur des "Stern" solche Methoden: "Ohne Scheckbuch wäre weder der Neue-Heimat-Skandal noch die Barschel-Affäre aufgedeckt worden."

Der in der Branche verpönte Scheckbuch-Journalismus bekommt durch den Fall Wallert eine neue Dimension. Bislang wurden Exklusiv-Verträge mit Sendern oder der Presse erst nach Freilassung der Entführten vereinbart. So beispielsweise sicherte sich die "Bunte" für zwei Millionen Mark die Exklusiv-Rechte an den 1980 entführten Töchtern des Fernseh-Journalisten Dieter Kronzucker. Sat 1 will schon vor der Freilassung der Familie Wallert seinen Schnitt machen.

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