SATIRE „Brüno“ : Ganz groß raus

Jan Schulz-Ojala

Diese Szene immerhin hätte so richtig wehgetan – ganz sicher jedenfalls denen, die sich seit knapp zwei Wochen in einer weltverbrüderten Trauerschockstarre befinden. Da hockt La Toya Jackson auf einem kuriosen Möbel namens „mexican chairman“ (das ist ein auf allen Vieren knieender Mexikaner) und hat alle Mühe, die Telefonnummer ihres Bruders Michael geheim zu halten. Denn da hat der offenbar reichlich durchgeknallte TV-Moderator, der sie zu dem Interview gebeten hatte, sich schon ihr Handy geschnappt und beginnt tatsächlich, aus ihrem Telefonbuch vorzulesen ...

Doch so viel Pietät muss sein, auch bei einem wie Sacha Baron Cohen: Diese Szene flog kurz vor dem Weltstart von „Brüno“ raus. Ansonsten ist der „Borat“-Nachfolger, bei allem lustig-listigen Provokationsbedürfnis, verblüffend harmlos geraten. Wo der rohe Kasachen-Macho Borat noch mit juden-, frauen- und fremdenfeindlichen Sprüchen für erhellende Einblicke in die entsprechend gestreichelte amerikanische Durchschnittsseele sorgte, erntet der schwule Brüno überwiegend müdes Achselzucken. Vielleicht deshalb: Cohens neue Kunstfigur ist ein österreichischer TV-Moderator, der sich wegen eines Skandälchens auf dem Mailänder Catwalk nach einem neuen Job umsehen muss. Und was will er? Ach ja: ganz groß rauskommen im Showbiz und ab nach Amerika.

Das neue Operationsgebiet des Feldforschers Sacha Baron Cohen, der mit verdeckter Kamera und arrangierten Situationen am liebsten real existierende peinliche Augenblicke in Serie dokumentiert, erweist sich freilich als reichlich abgelatscht. Nur die mediengeilsten Opfer – vom drittklassigen Popsternchen bis zum Ich-mache-alles-Produzenten – geben da noch mäßiges Lachmaterial ab. Während die Leute, die Supertucke Brüno zu homophoben Attacken provozieren will, sich überwiegend als erstaunlich langmütig erweisen.

Und wenn es denn doch mal deftig wird, so steht die scheinbar der Realität abgetrotzte Szene schnell selber unter Fake-Verdacht. Wie Cohens sexuell drastischer Auftritt unlängst bei den MTV-Movie- Awards. Da seilte er sich von der Decke ab, sprang dem Rapper Eminem fast mit dem nackten Hintern ins Gesicht, und Eminem rannte prompt aus dem Saal. Und nachher zeigte sich: Alles abgesprochen. Hardcore-Fanveranstaltung. Jan Schulz-Ojala

„Brüno“, USA 2009, 81 Min., R: Larry Charles,

D: Sacha Baron Cohen, Gustaf Hammarsten,

Candice Cunningham, Paula Abdul, Elton John

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