Zeitung Heute : Saubere Träume

Ingenieure arbeiten an Kohlekraftwerken, die kein Kohlendioxid freisetzen

Ralf Köpke

Pfiffig kommt die Imagekampagne der Kohlewirtschaft daher. Einen einstelligen Millionenbetrag lässt sich etwa der RAG-Konzern die knackigen Botschaften kosten. „Wir haben Sonnenenergie, die auch bei Regen funktioniert", lautet einer der Slogans. Schon bald soll es Kraftwerke geben, die die Kohle emissionsfrei verstromen können. Wenn stimmte, was versprochen wird, erhielte dieser Klimakiller die Absolution.

Mehr als 800 Gramm Kohlendioxid pustet ein heutiges Steinkohle-Kraftwerk bei der Produktion einer Kilowattstunde Strom in die Luft; ein Braunkohle-Kraftwerk bringt es gar auf fast 1000 Gramm. Insgesamt summiert sich der CO2-Ausstoß aller Kohle-Kraftwerke hierzulande auf fast 350 Millionen Tonnen, was mehr als 40 Prozent der gesamten Emissionen in Deutschland entspricht.

Der Traum von sauberen Kohle-Kraftwerken, darin stimmen Experten überein, wird sich in überschaubarer Zeit nicht erfüllen. Deshalb soll jetzt vor allem der Wirkungsgrad der Kraftwerke verbessert werden. So arbeitet beispielsweise ein Team um Heinz Scholtholt, Technikvorstand beim Steinkohleverstromer Steag in Essen an einem Kraftwerk mit einem Wirkungsgrad von 45 Prozent. „Damit liegen wir um sieben Prozentpunkte besser, als die zuletzt gebauten Steinkohle-Kraftwerke", sagt Scholtholt. Sogar 50 Prozent hält der promovierte Ingenieur für möglich, „aber nicht von heute auf morgen“.

In zehn Jahren oder mehr werden Kohlekraftwerke vermutlich weniger Klimafrevel anrichten, aber immer noch Kohlendioxid emittieren – es sei denn, es gelänge, den Rest des klimaschädlichen Stoffs aus dem Abgas zu filtern und schadlos zu deponieren. Dann erst würde der Traum wahr, wären die Kraftwerke tatsächlich emissionsfrei.

Der dänische Energieversorger Elsam gehört zu jenen, die an einer Lösung für die „CO2-Sequestrierung“ tüfteln. Die Idee: Das Kohlendioxid chemisch an eine wässrige Lösung zu binden und anschließend durch Erhitzen vom Abgasstrom zu trennen. Das Verfahren steckt ebenso noch im Experimentierstadium wie der Versuch, das CO2 durch Vergasung loszuwerden. Das Verfahren wird in der Chemieindustrie zwar schon angewandt; allerdings hapert es noch an der Zuverlässigkeit beim Verbrennungsprozess.

„Ingenieurmäßig“ hält Steag-Mann Scholtholt beide Verfahren, die nachgeschaltete Rauchgaswäsche und die Kohlevergasung in vielleicht 15 Jahren für machbar. Ebenso wie Ludolf Plass, Chefingenieur beim Anlagenbauer Lurgi AG, der aber einschränkt: „Es kommt auf die spezifischen Kraftwerksbedingungen, die Investitionskosten und die gesamte Wirtschaftlichkeit an.“

Absehbar ist schon heute, dass emissionsfreie Kohle-Kraftwerke teuer würden. Physikalisch senkt die CO2-Abscheidung den Wirkungsgrad um mindestens zehn Prozentpunkte. Weitere Kostentreiber sind der Transport und die Lagerung der abgetrennten Gasmengen. Studien schätzen die Kosten für die CO2-Abscheidung auf 40 bis 60 Euro je Tonne.

Von „etwa einer Verdoppelung" der heutigen Erzeugungskosten geht Reinhardt Hassa, Vorstand der Sparte Vattenfall-Kraftwerke aus, Das wären acht statt vier Cent pro Kilowattstunde. Windturbinen, die den Praxistest schon bestanden haben, produzieren demnach bald billigeren Strom als Steinkohle-Kraftwerke der übernächsten Generation – was die Kohle-Freunde gerne verschweigen.

Hassas Kostenschätzung hat freilich noch große Fragezeichen. Ungeklärt ist auch, wo die gewaltigen Mengen überhaupt gelagert werden sollen. Allein ein 1000-Megawatt-Kohleblock lässt jährlich mehr als acht Millionen Tonnen CO2 entstehen. Für die Deponierung bieten sich aktive Erdölfelder an; in der Endphase könnte die Injizierung des Gases sogar die Ausbeute steigern wie beispielsweise im Weyburn Projekt im Westen Kanadas, wo täglich rund 5000 Tonnen CO2 in die Erdöllagerstätte gepumpt werden, die via Pipeline mehrere hundert Kilometer aus einer Kohlevergasungsanlage aus den USA transportiert werden.

Alternativ kommen ausgebeutete Erdgas-Lagerstätten in Frage. So macht das der norwegische Statoil-Konzern, der seit 1996 auf einer Plattform im Sleipner-Feld das bei der Gasförderung anfallende CO2 abtrennt und in ein 1000 Meter unter dem Meeresboden gelegenes, leer gefördertes Gasfeld pumpt. Rund eine Million Tonnen CO2 gelangen so jährlich in den Untergrund zurück.

Schließlich könnte das abgetrennte CO2 auch in tiefen Grundwasserleitern gelagert werden. Laut Greenpeace-Expertin Gabriela von Goerne wären die hierzulande möglichen Lagerstätten aber in rund 20 Jahren erschöpft. Mit einem möglichen Austritt des konzentrierten Gases an die Oberfläche seien auch große Gefahren verbunden: „Es gibt zu viele, teure Fragezeichen bei der unterirdischen Lagerung, die davon abhalten sollten, diese Option weiter zu verfolgen.“

Diese Bedenken hält Professor Günter Borm vom Geoforschungszentrum in Potsdam nicht für stichhaltig. Im weltweit ersten wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekt in Ketzin, etwa 15 Kilometer nordwestlich von Potsdam, will Borm den Gegenbeweis antreten, dass die CO2-Lagerung beherrschbar ist. In 700 Metern Tiefe, rund 300 bis 400 Meter unter einem früheren Erdgas-Speicher, wird die bundesweit erste CO2-Speicherung stattfinden. „Der Speicher hat über 40 Jahre lang seine Dichtigkeit bewiesen“, sagt Borm. 15 Partner aus Wissenschaft und Industrie aus insgesamt acht europäischen Ländern sind an dem Vorhaben beteiligt.

Bevor ab Herbst 2006 wirklich Kohlendioxid untertägig gespeichert werden kann, müssen erst einige Untersuchungen abgeschlossen sein. „Wir wollen sicher sein, dass kein CO2 wieder an die Oberfläche gelangen kann“, sagt Borm. Eine Biogasanlage soll dann die notwendigen Mengen von bis zu 100 Tonnen CO2 liefern, die täglich in den Untergrund gepumpt werden sollen.

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