Zeitung Heute : Saubermann und die Wassertrinker

Bad Kissingens Bürgermeister kämpft gegen Hundedreck und für die Prostitution

Jörg Schallenberg

Tu es nicht. Nicht hier. Die grauhaarige Dame wirft ihrem Rauhaardackel einen flehenden Blick zu und beginnt schon mal, in ihrem Plastikbeutel nach Schaufel und Säckchen zu kramen. Der Kurpark des fränkischen Bad Kissingen ist wahrscheinlich der ungünstigste Ort in ganz Deutschland, wo ein Hund sein Geschäft verrichten kann. Wenn der Haufen liegen bleibt und Frauchen auf frischer Tat ertappt wird, kostet sie das zwischen 150 und 200 Euro. Wenn Frauchen selbst in der Öffentlichkeit austritt, muss sie dafür 300 Euro Strafe zahlen, und wenn sie ihre Kippe auf den Boden wirft oder ausspuckt, macht das 100 Euro. Der Kurpark ist sehr sauber.

Dieser fein differenzierte Bußgeldkatalog ist Karl-Heinz Laudenbach zu verdanken. Kaum war der ehemalige Kriminalbeamte im März vergangenen Jahres zum Bürgermeister gewählt worden, startete er eine in Deutschland einmalige Kampagne, um seine Stadt nicht nur sauber, sondern rein zu halten. Die regionale Boulevardpresse ernannte ihn schnell zu „Deutschlands schärfstem Bürgermeister“. Und das Kurstädtchen an der Saale mit seinen 24000 Einwohnern galt plötzlich als eine Art deutsches Singapur, in dem ein Provinz-Schill „law and order“ durchsetzen will. Laudenbach kommentiert das mit einer feinen Mischung aus Lässigkeit und Seriosität: „Wir machen überhaupt nichts Neues. Diese Vorschriften sind angelehnt an den Bußgeldkatalog des Bayerischen Abfallgesetzes. Aber im Gegensatz zu anderen Städten setzen wir sie auch durch.“

Deutschlands „schärfster Bürgermeister“ hat nämlich nichts von einem Eiferer an sich. Aber sauber und ordentlich ist er schon. Wie aus dem Ei gepellt sitzt der 45 Jahre alte Mann in seinem blitzblanken Büro – dunkles Sakko, Krawatte, hellblaues Hemd mit weißem Kragen. Graues gewelltes Haar, vorne kurz, hinten etwas länger, Schnauzbart. Kein Härchen, wo es nicht hingehört, keine Knitterfalte. Karl-Heinz Laudenbauch ist nicht nur Polizist gewesen, er ist auch diplomierter Verwaltungswirt und hat an der Führungsakademie der Polizei in Münster den Nachwuchs geschult. Eines seiner Spezialgebiete war – das erzählt er gerne – der Umgang mit der Presse.

Man kann sich gut vorstellen, wie er seinen Schülern beigebracht hat, Journalisten immer fest in die Augen zu schauen. Wirkt glaubwürdig. Wenn man etwa erklären soll, warum ausgerechnet ein gepflegter Kurort ein derart drastisches Programm für Sauberkeit und Ordnung nötig hat. Nein, sagt der Bürgermeister, natürlich war Bad Kissingen nie vermüllt, „aber“, fragt er, „sollen wir erst abwarten, bis es schlimmer wird, und die Kurgäste wegbleiben?“

Wohin man kommt, wenn man es nicht so genau nimmt, hat er beim Frühstücksfernsehen gelernt. Vor ihm war Berlins Bürgermeister an der Reihe. Klaus Wowereit wurde gefragt, ob er nichts gegen den Hundekot in seiner Stadt unternehmen könne. Nein, das könne er nicht, habe der Berliner geantwortet. „Das ist doch eine Kapitulation!", sagt Laudenbach. Und ergänzt mit Genugtuung, als sei das ein persönlicher Sieg über Wowereit: „Wir haben übrigens auch sehr, sehr viele Gäste aus Berlin. Die kommen auch hierher, weil sie sich auch nach 20 Uhr noch ohne ungutes Gefühl auf der Straße bewegen können.“

Hat man sich denn in dieser Kleinstadtidylle je unsicher gefühlt? Laudenbach zögert, schaut ein wenig verärgert drein und antwortet dann in einem sachte belehrenden Tonfall: „Bedenken Sie, wir haben viele Senioren unter den Gästen und Einwohnern. Die haben nun mal ein anderes subjektives Sicherheitsempfinden als ein junger Mensch.“

Dieses „subjektive Sicherheitsempfinden“ muss man sich etwa so vorstellen wie die gefühlte Temperatur. Es geht also nicht darum, eine tatsächliche Gefahr zu bekämpfen, es geht um den psychologischen Effekt. Man könnte es auch Marketing nennen. Karl-Heinz Laudenbach hat einfach seine Seminare zum Thema Öffentlichkeitsarbeit in die Tat umgesetzt: Wer wahrgenommen werden will, muss offensiv vorgehen, das spart auch Werbekosten. „Denn das Geld, um anderswo die Plakatwände vollzukleben, haben wir gar nicht“, sagt Laudenbach.

2001 ist die Zahl der Übernachtungen in Bad Kissingen um zwei Prozent gesunken. Weil die Krankenkassen immer weniger Geld für Kuren bewilligen und der Wettbewerb mit anderen Kurorten wie Bad Tölz oder Bad Oeynhausen immer schärfer wird, können ein paar Schlagzeilen also nicht schaden. Darum hat der Bürgermeister kurz vor Weihnachten schnell noch eine Schlagzeile produziert. Diese Schlagzeile will allerdings zu den alten Meldungen über die Sauberkeits- und Sicherheitskampagne des Bürgermeisters nicht so recht passen: In Bad Kissingen wird nämlich die Prostitution wieder legalisiert.

Nach einer Gesetzesänderung im Jahr 1989 war dieses Gewerbe nur noch in Gemeinden mit mehr als 30000 Einwohnern erlaubt. Ausnahmen sind nur dann möglich, wenn eine Stadt „besondere Gründe“ geltend macht. Und das hat Laudenbach getan. Zwei Minuten habe er benötigt, den zuständigen Bauausschuss zu überzeugen, und da säßen auch Frauen drin, sagt er, eine Ärztin sogar. Laudenbachs Argument war einfach unschlagbar: „Bei etwa 160000 Kurgästen und 1,7 Millionen Übernachtungen pro Jahr“, rechnet er vor, „ist der nötige Primärbedarf vorhanden.“

Dieselben Menschen mit dem starken subjektiven Sicherheitsbedürfnis haben also noch ein weiteres starkes Bedürfnis, das sich nur im stadtbekannten Bordell befriedigen lässt? Obwohl ihr Aufenthalt in Bad Kissingen meist nur wenige Wochen dauert?

Das Haus Chantal ist ein starker Kontrast zum sauberen Kurpark: Ein schäbiger kleiner Fertigbau, dessen pinkfarbene Neonröhren zwischen einer Autohalde und einem Containerabstellplatz am Rande der Stadt blinken. Hier also sollen die Senioren ihren Primärbedarf befriedigen? So würde Laudenbach das natürlich nie formulieren, aber sein Gesichtsausdruck sagt: So ist der Mensch. Die Entscheidung im Bauauschuss war jedenfalls einstimmig.

Es gab natürlich auch noch andere Gründe: Legale, offene Prostitution ist leichter zu kontrollieren als die versteckte – und das bedeute wiederum größere Sicherheit für alle: für die Betreiber des Etablissements, für die Prostituierten, die Kunden und die Behörden. So einfach ist das. „Da gibt es keinen Grund, sich aufzuregen“, sagt der Bürgermeister. Aber über die Schlagzeile hat er sich trotzdem gefreut.

Eigentlich hat sich also gar nichts verändert, nur reden jetzt alle drüber. Prostitution gab es hier schon immer, und dreckig war Bad Kissingen höchstens, wenn – wie beim jüngsten Hochwasser – eine Flutwelle durch die Stadt schwappte. „Meinen Sie, wir haben hier früher immer auf den Marktplatz gepinkelt?“, fragt ein junger Punk verwundert. Na ja, aber ein paar öffentliche Toiletten mehr könnte Bad Kissingen schon brauchen.

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