Saudi-Arabien : Vorsichtige Neugier in der Oase Tayma

Seit zehn Jahren arbeiten deutsche und saudi-arabische Archäologen auf der Grabung in der Oase Tayma zusammen. Über Leben und Arbeiten in der Kleinstadt in der Nähe von Tabuk, der Provinzhauptstadt

Fern jeder Oasenromantik - Blick über das Grabungsfeld auf das moderne Tayma. Im Hintergrund die Palmen der Oase und die Wüste.
Fern jeder Oasenromantik - Blick über das Grabungsfeld auf das moderne Tayma. Im Hintergrund die Palmen der Oase und die Wüste.Foto: Deutsches Archäologisches Institut, M. Cusin

Ausgrabungen in der Oase Tayma – das lässt sogleich romantische Bilder vor dem geistigen Auge entstehen, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Arnulf Hausleiter kennt die Oase seit zehn Jahren, er leitet die dortige Ausgrabung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). „Tayma ist eine moderne aufstrebende Siedlung mit rund 30 000 Einwohnern und wenig Flair. Luft und Wasser sind gut, deshalb wohnen hier viele Menschen, die eigentlich in der Provinzhauptstadt Tabuk arbeiten, zwei Autostunden von Tayma entfernt. Die Wochenenden verbringen sie dann im beschaulichen Tayma“, erzählt er, frisch aus Saudi-Arabien zurückgekommen. Die Kooperation mit der saudischen Antikenbehörde SCTA wurde in den späten 90er Jahren angebahnt, richtig beginnen konnten die Archäologen erst 2004.

Die Kooperation war von beiden Seiten gewollt. Den deutschen Forschern wurde ein Vertrauensvorschuss gewährt, denn Tayma zählt zu den bedeutendsten Fundorten des Landes. An die gemeinsame Arbeit mussten sich alle erst einmal gewöhnen. „Wir stehen unter einem ganz anderen Druck, denn jede Kampagne muss nach zwei Monaten beendet sein“, sagt Hausleiter. Bis zu 90 Ortskräfte graben mit, meist Menschen aus Pakistan oder Bangladesch. Die konzentrierte Arbeit verhindere ein Eintauchen in das normale Leben der Oase, dafür sei wenig Zeit. „Sie dürfen nicht vergessen, wir sind nie allein. Immer ist eine Polizeistreife zu unserem Schutz dabei. Das ist aber kein Problem, wir fühlen uns sicher.“ Als Gruppe gehe man häufig in den Basar zum Einkaufen. Werden Sehenswürdigkeiten außerhalb von Tayma besichtigt, läuft das über das Büro der Antikenbehörde von Tayma, wo die deutschen Archäologen auch auf dem Gelände des Museums gleich an der antiken Stadtmauer in klimatisierten Wohncontainern untergebracht sind.

"Man ist fasziniert vom ,Grünen Arabien’, das es hier einmal gab"

Ohnehin spiele sich das Leben kaum auf der Straße ab. Am Freitag gehen die Menschen in die Moschee, abends zum Einkaufen, dann ist viel los. Natürlich spielt die Hitze eine ganz andere Rolle – da sucht man freiwillig den Schatten. Spontane Reaktionen oder Fragen neugieriger Kinder gebe es nicht, was auch an der Sprachbarriere liegen dürfte. „Das hat nichts mit uns zu tun“, erzählt Hausleiter. Bei offiziellen Anlässen gebe es höflichen, konzentrierten Kontakt, es gibt aber inzwischen auch sehr herzliche Beziehungen, die weit über das Kollegiale hinausgehen.

Die Kenntnis der Bevölkerung über bedeutende Oasen des Landes und deren Geschichte sei schwer einzuschätzen. Die Antikenbehörde, die auch für den Tourismus zuständig ist, habe jetzt erkannt, dass das wichtig ist. „Archäologie ist ein Indikator für eine Transformation, man beginnt nun, die eigene vorislamische Geschichte zu entdecken. Man ist fasziniert vom ,Grünen Arabien’, das es hier einmal gab.“ So sind die Archäologen auch in Schulen gegangen, um von ihrer Grabung gleich hinter der Stadtmauer auf dem 70 Hektar großen Kernareal zu erzählen. „Die Schüler reagieren wie Schüler überall auf der Welt, sie fragen nach Gold und anderen Schätzen. Sie zeigen freundliches Interesse“, sagt Hausleiter.

Die Frauen an der Universität Riad waren von den Praktika in Tayma begeistert

Auf ein anderes Interesse stießen die Mitarbeiter des DAI bei einem Vortrag in Riad. Eine saudische Doktorandin regte ein Trainingsprogramm für Frauen an, die in den Werkstätten des Nationalmuseums Riad arbeiten oder an der King Saud Universität studieren, denn saudische Frauen gehen bislang nicht auf Grabung. Es ging vor allem um die Konservierung von Keramik, Glas und Metall. Unterstützt wurde diese Initiative von Prinzessin Adelah, einer Tochter des Königs, die dem Beratungsgremium des Nationalmuseums vorsteht. „Wir haben nun schon dreimal mit einigen Frauen ein mehrwöchiges Praktikum im Restaurierungslabor des Museums veranstaltet – beim dritten Mal waren schließlich auch männliche Teilnehmer dabei. Im kommenden Frühjahr wollen wir das Projekt fortsetzen mit dem Ziel, es künftig in Tayma durchzuführen“, erzählt Hausleiter. „Die Frauen waren alle sehr begeistert. Alle Unterrichtsmaterialien waren von saudischer Seite ins Arabische übersetzt worden. Wissenschaft ist eine seriöse Angelegenheit, das ist ,maktub’ (arabisch für ,geschrieben’). Sie wollten auch ein Zertifikat über diese Zeit.“

Ein Teil der Arbeit der Archäologen besteht darin, die Funde zu dokumentieren und vor allem sie für eine langfristige Lagerung vorzubereiten, sie depotfähig zu machen. Irgendwann wird sich die Frage stellen, was man mit den Funden macht, wie man sie pflegt. Ein neues Museum ist geplant, aber es geht auch darum, Ortskräfte anzulernen, die sich darum kümmern. „Das ist im Moment noch eine Herausforderung, aber vielleicht ändert sich das, wenn wir mit unserer Arbeit fertig sind und dann eine größere Öffentlichkeit hergestellt wird. Denn es ist wichtig, dass das kulturelle Erbe den Bewohnern des Landes und seinen Besuchern offensteht.“

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