Schaeffler-Mitarbeiter schreiben der Regierung : Mit unfreundlichen Grüßen

Antje Sirleschtov

Sind wir denn Arbeiter zweiter Klasse?“ Es sind verzweifelte Fragen wie diese, die derzeit in unzähligen E-Mails und Briefen auf Bundestagsabgeordnete aus Bayern und ganz Deutschland einprasseln. Auch das Bundeskanzleramt hat schon solche Post bekommen. Und hundertfach ging sie allein in dieser Woche bei SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz ein. „Man kann nicht im Nerzmantel nach Staatsknete rufen“, hatte der Sozialdemokrat Scholz am Wochenende in einem Interview über die Eigentümerin der Schaeffler-Unternehmensgruppe, Maria-Elisabeth Schaeffler, und deren Bitte um milliardenschwere Staatsbürgschaften gesagt.

Nun fragen die Arbeiter von Schaeffler zurück: Warum sich Politiker und Öffentlichkeit eigentlich mehr für den Kleiderschrank der Frau Schaeffler als für die 30 000 Jobs zu interessieren scheinen, die die Unternehmensgruppe in Deutschland hat, schreiben sie.

Was die Menschen im bayerischen Herzogenaurach, dem Stammsitz des Unternehmens Schaeffler, und anderswo im Land erzürnt, ist nicht etwa das Zögerliche in der Berliner Politik, die seit Wochen Bedingungen und Konstellationen für eine staatliche Finanzspritze an Schaeffler abwägt. Es ist vielmehr das Klischee der Milliardärin – stinkreich und mit Pelzen behangen – mit dem die Arbeiter ihr ganzes Unternehmen in Misskredit gebracht sehen. Sie fürchten, je mehr ihr Unternehmen durch die Brille von Klassenkämpfern gesehen wird, die einer nerzmanteltragenden Milliardärin prinzipiell keinen Cent aus der Staatskasse gönnen wollen, umso mehr von ihren eigenen Jobs werden am Ende verloren gehen.

Am Donnerstag hat schon der erste Schaeffler-Zulieferer – die Spedition Drebinger im Raum Nürnberg – Insolvenz angemeldet. Es gehe nicht um zehn Jahre alte Pelzmäntel und goldenes Geschmeide, sagt Betriebsratschef Thomas Mölkner. An jedem Schaeffler- Job hängen mindestens zwei weitere in anderen Betrieben.

Über ungerechte Behandlung wird auch im Intranet von Schaeffler seit Wochen geklagt. Hier die bedrohten Arbeitsplätze etwa von Opel, die der Staat auf jeden Fall retten sollte, und dort die größenwahnsinnige Kapitalistin, die bei der Übernahme des Reifenherstellers Conti im letzten Sommer erst nicht genug bekommen konnte und nun um ihre Milliarden bangt. Dabei schulde man der Firmeninhaberin doch „Respekt“, meinen einige der Mail-Schreiber. Schließlich hätte Elisabeth Schaeffler die Firma Mitte der neunziger Jahre zu Geld machen können, als ihr Mann starb. Stattdessen sponsere die Frau Kindergärten in der Region und zahle die Turnhallenmiete für den Betriebssportverein. Antje Sirleschtov

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