Zeitung Heute : Schänder der Nation

Die Reservistin Lynndie England sagt, sie sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Mit Kameraden soll sie irakische Gefangene gefoltert haben. Die US-Regierung hat das in eine ihrer schwersten Krisen gestürzt. Und viele Amerikaner fragen sich: Wie konnten unsere Soldaten so etwas tun?

Malte Lehming[Washington]

Es sind ganz gewöhnliche Menschen. Ivan Frederick, Spitzname „Chip“, ist 37 Jahre alt, verheiratet, im Zivilleben arbeitet er als Bewährungshelfer in einem Gefängnis. Charles Graner ist 35 Jahre alt, geschieden, ebenfalls Bewährungshelfer. Lynndie England ist 21 Jahre alt, geschieden, in ihrer Freizeit jagt, fischt und zeltet sie gern. Frederick, Graner und England sind Reservisten der US-Armee. Sie stammen aus dem Landkreis Cumberland im US-Bundesstaat Maryland. Dort ist die 372. Militärpolizeikompanie stationiert. Die Einheimischen waren stolz auf die Truppe, bis vor kurzem.

Seit März wird gegen sechs Mitglieder strafrechtlich ermittelt. Ihnen wird Folter vorgeworfen, begangen an irakischen Inhaftierten im Gefängnis Abu Ghraib. Die Bilder, die sie ohne irgendwelche Skrupel von den Misshandlungen machten, gingen um die Welt. Frederick, Graner und England haben mit ihren Taten eine Nation erschüttert, den Ruf einer Armee beschmutzt, die Regierung der Vereinigten Staaten in ihre schwerste Krise gestürzt. Und jeder fragt: Wie konnte das passieren?

Wie ein Hund

Lynndie England ist jene junge, kleine Frau, die mit einer Zigarette im Mundwinkel höhnisch auf einen nackten Gefangenen zeigt, der zum Masturbieren gezwungen wurde. In einem weiteren Foto, das erst am Donnerstag veröffentlicht wurde, hält sie eine Leine in der Hand, die ein nackter Gefangener um den Hals trägt, er liegt auf dem Boden. Wie ein Hund: Das ist die erste Assoziation. Gegen England läuft kein Verfahren. Sie ist im Irak schwanger geworden und wurde zurückgeschickt. In Fort Bragg im Bundesstaat North Carolina wird sie verhört.

Keiner, der England kennt, versteht, was sie getan hat. Ihre Freunde nicht, ihre Eltern nicht. Der Krieg, heißt es, habe sie verändert, sie sei angestiftet worden, habe nur Befehle ausgeführt.

Immer schon zog England das Abenteuer an. Gegen den Willen ihrer Mutter meldete sie sich nach der Schule als Reservistin. Sie hat eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder, die Familienbande sind eng. „Es gibt keinen einzigen böswilligen Knochen in ihrem Körper“, sagt ein Freund.

England liebt Unwetter und Naturkatastrophen. Nach ihrem Einsatz im Irak wollte sie Meteorologin werden, aber nicht eine, die über ihren Büchern hockt, sondern eine, die das Auge eines Hurrikans sucht. Mutig, unabhängig, eigenwillig: Mit solchen Attributen wird sie beschrieben. Gleich nach der Schule heiratete sie, Hals über Kopf, einen alten Freund, die Ehe dauerte knapp zwei Jahre. Dann kam der Einberufungsbescheid.

Die Misshandlungen wurden zwischen Oktober und Dezember 2003 verübt. Im Januar begann die Armee mit ihren Ermittlungen. Kurze Zeit später rief England ihre Mutter an. „Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagte sie. Etwas Schlimmes sei geschehen. Konkreter wurde sie nicht. Erst als der TV-Sender CBS am Mittwoch vergangener Woche den Skandal aufdeckte, wurden auch Englands Eltern informiert. Am Morgen des nächsten Tages sah die Mutter auf CNN, wie die Fotos ihrer Tochter immer und immer wieder liefen, wie in einer Endlosschleife.

Was hat aus England, Graner und Frederick Menschen gemacht, die offenbar Spaß daran haben, andere Menschen zu erniedrigen und zu quälen, sie zu Fleischbergen aufzuschichten, sie zum Masturbieren zu zwingen und die nackten Körper an der Leine zu führen? Waren es die Ermunterungen der Militärgeheimpolizisten, war es Langeweile, Überforderung? Oder war es schlicht böse? In Briefen an seine Familie beschreibt Frederick, was in Abu Ghraib geschah. Ein Inhaftierter sei gar zu Tode geprügelt, der Vorfall vertuscht worden, behauptet er. Frederick und Graner waren die Dienstältesten der Einheit. Ihnen war die Leitung des Zellentraktes übertragen worden.

Fredericks Anwalt sagt, sein Mandant habe bloß Befehle ausgeführt, die Geheimdienstler hätten im Gefängnis das Sagen gehabt. Den Wärtern sei aufgetragen worden: „Weicht diesen Kerl für uns auf!“ Oder: „Bereitet ihm eine schlimme Nacht!“ Am nächsten Tag seien die Folterer dann gelobt worden. „Gute Arbeit, er beantwortet alle Fragen.“ Die Informationen wiederum seien nützlich, um Anschläge zu verhindern und das Leben von Kameraden zu retten. Jetzt wartet Frederick im Irak auf seinen Prozess.

Die Nation ist fassungslos. Sie schämt sich. „Diese Fotos sind wir“, schreibt die „Washington Post“. Die Taten seien zwar von Individuen begangen worden, „aber Armeen bestehen aus Individuen, Nationen bestehen aus Individuen. Die großen Verbrechen einer Nation beginnen mit den Taten fehlgeleiteter Individuen“. Alle Amerikaner seien kollektiv verantwortlich für das, was diese Individuen getan hätten. „Wir leben in einer Demokratie. Jede fehlgeleitete Präzisionsbombe, jeder tote Zivilist, jeder sexuell missbrauchte Gefangene ist uns allen zuzurechnen.“ Und die „New York Times“ befürchtet, die Folterbilder werden Amerika auf Jahre verfolgen, „ein Albtraum“.

Das Selbstbild vieler Amerikaner zerbröckelt angesichts des Folterskandals. Eine der klügsten Kommentatorinnen der „Washington Post“, die Gulag-Expertin Anne Applebaum, erinnert gar an die Thesen von Daniel Goldhagen in „Hitlers willige Vollstrecker“. Der Autor habe die Gründe für die nationalsozialistischen Todeslager im deutschen Nationalcharakter, in der deutschen Geschichte und in einem spezifisch deutschen Antisemitismus gesehen. Was in Deutschland geschah, das impliziere Goldhagen, hätte woanders nie geschehen können.

Quatsch, meint Applebaum. „Jede Kultur ist unter bestimmten Bedingungen fähig, fürchterliche Grausamkeiten zu begehen.“ Überall in Europa hätten die Nazis willige Kollaborateure gefunden. In Ruanda seien ebenso Genozide verübt worden wie in der buddhistischen Gesellschaft von Kambodscha. Und nun die Folterfotos, der „schreckliche Beweis“. Diese Taten seien „unamerikanisch“, empört sich die US-Regierung. Aber nein, sagt Applebaum, „Amerikaner sind zum Foltern ebenso in der Lage wie jeder andere“.

Kein Wunder, dass die patriotische Rechte in den USA die Affäre auf Nebengleise schieben will. Bill O’Reilly, der populistisch-konservative Kultmoderator des TV-Senders „Fox News“, kritisiert CBS für die Veröffentlichung der Fotos. „Ich hätte die Geschichte gebracht, aber nicht die Bilder gezeigt. Ich hätte sie anschaulich beschrieben. Aber ich kann nicht meine Landsleute im Irak einer noch größeren Gefahr aussetzen, indem ich die Bilder zeige.“ Auch das gibt es: Verdrängung, Beschönigung. Aber es sind Einzelstimmen. Die Nation selbst ist traurig und zerknirscht.

Die Affäre zieht ihre Kreise. Immer neue Bilder tauchen auf. Mehr als tausend Digitalfotos der 372. Militärpolizeikompanie sind bereits im Besitz der „Washington Post“. Sie wurden von sieben Kameras aufgenommen und auf eine Diskette geladen, als eine Art Souvenir. Ohne Scham und Reue hatten die Reservesoldaten die Diskette untereinander herumgereicht. Dutzende von Bildern zeigen abgeschlagene Katzenköpfe. Ein toter Mann liegt auf der Ladefläche eines Kleinlastwagens, Hemd, Gesicht und linker Arm sind blutüberströmt, der rechte Arm fehlt. Ein anderes Foto zeigt einen toten Körper, grau und verwest. Über die Leiche ist ein junger US-Soldat gebeugt, der demonstrativ lächelt und stolz den erhobenen Daumen in die Kamera hält. Seit Dezember 2002 sind im Irak und in Afghanistan 25 Inhaftierte ums Leben gekommen, zehn wurden misshandelt. Mindestens zweimal habe es sich eindeutig um ein Tötungsdelikt gehandelt, räumt das Pentagon ein.

Hasham Mohsen Lasim ist einer der Gefolterten von Abu Ghraib. Gleich nach seiner Ankunft im Gefängnis habe man ihm eine schwarze Haube übergestülpt und mehrere Minuten auf ihn eingeschlagen, erzählt er der „Washington Post“. Bis auf die Unterwäsche habe er sich ausziehen müssen, dann habe ein Wärter ein Messer gezückt. Damit sei ihm die Unterhose aufgeschlitzt worden. Weil ihm für eine kurze Zeit die Haube abgenommen wurde, habe er gesehen, wie andere Gefangene sexuell missbraucht würden, eine Frau habe gelacht und fotografiert. Die nackten Männer mussten aus ihren Körpern eine Pyramide bilden und auf einander reiten „wie auf einem Esel“.

Der einzige Held

Auch Hayder Sabbar Abd wurde in Abu Ghraib gefoltert. Auch er schildert Entsetzliches in der „New York Times“. Weil Abd auf den Folterfotos zu erkennen ist, traut er sich nicht mehr in seine Heimatstadt zurück. Die Schande sei zu groß. Er verlangt Entschädigung. Allerdings hält diese Geschichte fürs amerikanische Gemüt einen kleinen Trost bereit: Ein Angebot, mit seiner Familie in die USA auszureisen, würde Abd, trotz allem, nicht ablehnen.

Die Gefolterten wie die Folterer: Alles ganz gewöhnliche Menschen. Ebenso gewöhnlich wie Joseph Darby, auch er ein Reservist der 372. Militärpolizeikompanie. Darby ist, wenn man so will, der einzige Held der Affäre. Denn er war es, der die Vorgesetzten alarmierte. Nachdem er einige der kursierenden Bilder gesehen hatte, überkam ihn der Ekel.Unter die Tür seines Chefs schob er einen anonymen Zettel. Später sagte er unter Eid gegen seine Kameraden aus.

Darby stammt aus einer einfachen, armen Familie. Sein Stiefvater war Marinesoldat. Darby fürchtete sich vor einem Einsatz im Irak. Innerhalb seiner Einheit galt er als Eigenbrötler. Seine Schwägerin sagt, sie sei sicher, er habe vorher mit sich gerungen. Allerdings habe die Familie jetzt Angst um ihn: „Hoffentlich bringen sie ihn an einen sicheren Ort.“ Ganz gewöhnliche Menschen, die foltern, könnten schließlich ganz gewöhnliche Angehörige haben, die Darby Übles wollen.

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