Zeitung Heute : Schätzchens Schlaffi

Werner Enke und Uschi Glas waren die Stars in „Zur Sache, Schätzchen!“, dem legendären deutschen Film. Wie es mit ihr weiterging, wissen wir – aber er? Werner Enke hat den Film seines Lebens gezeichnet.

Norbert Thomma

Kleine Hitparade der coolsten Hunde Deutschlands: 50er Jahre – Horst Buchholz, ganz klar. Der hat alles, was einen coolen Hund ausmacht. Lässig, eitel, provokant. Seine ungebändigten Haare und so ein Filmtitel: „Die Halbstarken“.

60er Jahre – Peter Handke, der Publikumsbeschimpfer mit Sonnenbrille.

70er Jahre – Günter Netzer, Disco-Mann mit Ferrari. Und Werner Enke natürlich.

80er Jahre – Udo Lindenberg. Sehr, sehr cool, nicht nur weil um diese Zeit der Begriff cool überhaupt auftauchte.

90er Jahre – Gregor Gysi, wer sonst.

Und jetzt gleich die Antwort nachgeschoben auf die Frage „Werner WER?" Werner Enke! Total cooler Hund, der Enke. Er war im Bett mit Uschi Glas, sie trug nur einen push-up-bra, wahnsinnig sexy, doch Enke hatte nur Augen für sein Daumenkino, das er vor Uschi entblätterte. Sein Daumenkinofilm hieß „Boxen mit dem schlaffen Haro“. Der richtige Kinofilm hieß „Zur Sache, Schätzchen“. Mehr passierte nicht zwischen den beiden, kein Petting (so nannte man damals jene sexuellen Aktivitäten, die Bill Clinton später als „no sex“ definierte), nicht mal ein Kuss.

Ein cooler Hund

1968 war das, „Zur Sache, Schätzchen!“ wurde ein Kassenschlager und Werner Enke ein Star. Er sagte ständig Sachen wie „…das wird böse enden…“ oder „…bin zu schlaff…“ Jeder sagte dann, das wird böse enden und schlaff. Enke prägte die Umgangssprache und sein Gelümmel traf den Geist der Zeit. Er war ’68 und anti-’68 gleichzeitig, er veralberte die Polizei und blieb unpolitisch dabei. Auf der Leinwand sah man einen hübschen Schlaks mit schmalem Gesicht in Jeans und gestreiftem Hemd, der auch viel in Unterhosen herumlief oder lag. Völlig antriebslos. Sprach solche Sätze: „Freiheit ist Unterdrückung. Alles tun zu können, macht mich krank.“ Und buhlte so um Uschi Glas: „Kannst Du mich überhaupt ernähren? Ich kann nicht arbeiten.“

Drei recht erfolgreiche Filme später und der coole Hund verschwand von der Bildfläche. Ein klassischer Dauergast für die „Stern“-Rubrik „Was macht eigentlich…“, wonach man jedesmal wusste: Er lebt noch. Und neulich kam mit der Post ein rotes Buch mit dem Titel „Es wird böse enden“. Er lebt also immer noch, aber was macht er denn eigentlich, der Werner Enke?

Er öffnet die Tür eines schmalen Häuschens in Schwabing. Fliegerbrille, silberne Haare, graues T-Shirt, Jeans, weiße Turnschuhe. Erster Eindruck: ganz gut beieinander für seine 62 Jahre. Die Holztreppe in den ersten Stock knarzt gewaltig, an der Wand die vier Filmplakate aus glorreicher Zeit. Oben lässt sich Enke schwer schnaufend ins weiche Sofa fallen. Er sei ganz zufrieden, die paar Treppen ohne Pause hochzukommen. Die Zigaretten! 200 Stück am Tag in wilder Zeit. Inzwischen kämpft er mit einem kleinen Taschenmesser gegen seine Nikotinsucht. Eine winzige Schere schneidet jeden Glimmstängel in drei Teile, er zündet einen Stummel an, nimmt einen einzigen Zug und steckt das brennende Ende in ein Metallröhrchen, das senkrecht im Aschenbecher steht. Ein „Zigarettentöter“. Er hat den Trick bei einem Kränzchen älterer Damen entdeckt.

Neben der Packung Reval liegt das rote Buch. 290 Seiten, Strichmännchen-Zeichnungen, die Aufzeichnungen des schlaffen Haro. Fünf Jahre habe die Arbeit daran gedauert, mit langen Pausen. All die kleinen Ideen sind da drinnen, die er über Jahre gesammelt hat. Ideen für Filme. Schluss-Szenen. Dialogfetzen. Motive. Ganze Ordner sind voll davon: Essen, Straßenbahn, Garten, Verfolgungen… Wenn ihm etwas einfiel, auffiel, hat er es notiert. Immer in der Hoffnung, es sei für seinen nächsten Film und für den übernächsten.

Werner Enke hat seit 20 Jahren keinen Film mehr gemacht. Er schnauft, schnippelt, inhaliert, drückt aus. Ich schaffe das nicht mehr, sagt er, so ein Film kostet zu viel Energie, ich bin zu alt, für das Buch hat es gerade gereicht, ich habe gezeichnet wie in einem Daumenkino, mit neun Jahren hatte ich Zigarrenkisten voller selbst gemachter Daumenkinos, das hat uns die Bettszene mit Uschi Glas gerettet, hätten gar nicht gewusst, wie wir da rauskommen ohne Sex, und dann habe ich meine Ordner geplündert und wieder Strichmännchen gezeichnet, es sind ja keine Cartoons, manche schauen einzelne Zeichnungen an wie Cartoons, aber man muss das Buch von vorne nach hinten durchschauen, das ist wirklich wichtig, es entwickelt sich wie ein Film, ja, es ist ein gezeichneter Film, verstehen Sie das?

Das Alter und das Schätzchen. Man kann über jedes Thema der Welt reden, Enke kommt nach drei Sätzen auf das Schätzchen oder das Alter. Er war ein Hungerleider in den 60ern, ohne Perspektive, ein Schauspieler ohne Rollen. Und dann dieser riesige Erfolg, das Geld. Ein Höhepunkt mit 27 Jahren, ein gewaltiges Beben, und von diesem Moment an kann das Leben sehr lang werden. Ich war immer nur an der Vergangenheit interessiert, sagt er, was ist denn die Zukunft, vor einem liegt doch nur die Zeit, die immer weniger wird, ich versuche alle Geburtstage zu vergessen, meinen eigenen, den Geburtstag von meiner Freundin May…

Herr Enke, das Buch ist recht lustig geworden.

„Das ist mein konstruktiver Pessimismus.“

Ein paar alte Teppiche liegen da, ein Regal mit alten Büchern, ein alter Loewe-Fernseher steht auf dtv-Bändchen, an der Wand Teller und Tassen mit blauem Zwiebelmuster, stoffüberzogene Lampen, Nippes. Ölbilder in kräftigen Farben und Aquarelle mit Enkes Signatur, eine Allee, eine Vase mit Mohnblumen. Der Mann kann mehr malen als Strichmännchen. „An Emil Nolde erinnert Sie das?“, ruft Enke, „dann ist es schlecht gelungen, obwohl, die deutschen Expressionisten habe ich immer verehrt, aber ich wollte nie einen kopieren, ich sage Ihnen was, wenn ich psychisch unten bin und gehe in die Neue Pinakothek, da hängen drei Bilder von van Gogh, und wenn ich die anschaue, das tut gut.“

Er ist so freundlich. Er erzählt die traurigsten Dinge so beiläufig. Von den gestorbenen Freunden, „totgesoffen“, von sich selbst, 20 Bier, 20 Schnaps, Blackout. Er fingert an den Zigaretten, nur einmal springt er erregt auf, ich lasse mich nicht fotografieren, ich sehe so Scheiße aus, wir Schauspieler sind alle eitel, ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass ich in allen Filmen nur meine rechte Seite zeige, immer nur ist es diese eine Seite, meine Schokoladenseite, auf der andere sehe ich aus wie Polanski, das ist keinem aufgefallen, ist ja auch egal, ich kann Ihnen ein schönes Foto von mir geben, was verdient der Fotograf, ich kaufe mich frei, ich übernehme das Honorar, wenn er mich nicht fotografiert, wir haben Geld, wir haben keine Kinder.

Wir – May Spils und er. Sie war die Regisseurin, zusammen haben sie die Drehbücher geschrieben, produziert, sie leben noch immer zusammen. Unten im Keller liegen gestapelt hunderte von Filmdosen und Schachteln. Das Haus ist ein Zur-Sache-Schätzchen-Museum, ein Schätzchen-Mausoleum. Enke sagt, diese vier Filme sind unsere Kinder, sie ernähren uns bis heute.

Ins Kino geht er kaum noch, er sagt, das war doch mal meine Arena, was soll ich da, da bin ich wie ein alter Boxer am Ring, das weckt nur Sehnsucht. Fargo war gut, ja, doch, die Coen-Brüder, die können komische Filme machen, wie der eine die Leiche durch den Schredder schiebt, aber meist guck ich in die Glotze, die beste Erfindung der Welt, die Glotze, ich schaue alte Filme an und Fußball.

Immerhin, Enke hat jetzt noch mal einen eigenen Film gemacht, einen 290-Seiten-Film. Die Strichmännchen denken Dinge wie „Das einzige, worauf ich mich immer fest verlassen kann, ist meine Unsicherheit“, und ihre Dialoge laufen so: „Na, wie läuft’s?“ – „Optimal schlecht.“ Es geht um Beziehungen, Friedhöfe, Kneipen, ums Rumhängen, um Kino und Kalauer, um die kleinen Philosophien des Alltags. Ja, es ist der Film seines Lebens.

Plötzlich rennt Werner Enke los und schleppt zwei abgeschabte Tipp-Kick- Schachteln an. Er hat eine Menge Männchen gesammelt, jedes hat einen Namen, ein übermaltes Trikot, die richtige Haarfarbe. Spundflasche vom HSV, Kling von Göttingen 05, auch ein neuer Ballack ist dabei. Früher hat Enke oft Turniere gegen sich selbst gespielt, irgendwo im Haus müssen die Listen mit den Ergebnissen liegen.

Was ist ein schöner Tag, Herr Enke? „Wenn niemand gestorben ist oder krank. Wenn ich mit fünf Zigaretten auskomme. Wenn ich Fahrrad gefahren bin.“ Neulich hat er beim Radeln Pusteblumen gesehen. So etwas, sagt er, mache ihn glücklich.

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