SCHÄTZE AUS DEM ARCHIV„Briefgeheimnisse“ : Blick durchs Schlüsselloch

„Beginne Gedichte zu hassen“, schreibt Georg Kolbe mit rotem Stift auf einen Zettel. In einem Aktenordner hat der Bildhauer alle Gedichte abgeheftet, die ihm Bewunderer gewidmet haben. Solche beiläufigen Notizen finden selten den Weg in die Öffentlichkeit. Das Georg Kolbe Museum hat jetzt die Idee, den Besuchern einen Blick in sein Archiv zu gewähren. Zwölf Bildhauernachlässe befinden sich im Besitz des Museums. Unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat die Kuratorin Carolin Jahn Briefe, Fotos und handschriftliche Notizen aufgearbeitet und in die Autografen-Datenbank Kalliope eingespeist.

Die vergnügliche Ausstellung „Briefgeheimnisse“ stellt den Abschluss des Forschungsprojektes dar und erlaubt einen dezenten Blick durchs Schlüsselloch. Da freut sich Georg Kolbe, dass er seinen Pilotenschein ohne Bruch bestanden hat. Da fragen sich die Künstler gegenseitig um Rat oder tauschen Werke aus. Richard Scheibe (Foto) überlässt Karl Schmidt-Rottluff eine Terrakottastatuette im Tausch gegen das Gemälde „Aufgehender Mond“. Während die Kunstgeschichte nach Stilrichtungen trennt, zeigt die Ausstellung das muntere persönliche Beziehungsgeflecht zwischen den Künstlern, das die Kategorien überwuchert. Erstaunlich dünne Abdrücke hinterlässt die Politik in diesem Werkstattbesuch. 1947 sagt Georg Kolbe in einer eidesstattlichen Erklärung aus, dass er Arno Breker nicht für einen „Judengegner“ halte. Ein vollständiges Bild bieten die Nachlässe nicht. Der Charme der „Briefgeheimnisse“ besteht im Rätsel des Fragmentarischen. Simone Reber

Georg Kolbe Museum, bis So 16.1., Di-So 10-18 Uhr, 24.12. und 31.12. geschlossen, 5 €, erm. 3 €

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar