Zeitung Heute : Schafe im Schafspelz

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Lieber P.,

Irren ist menschlich, sagte einmal ein Sprichwort, das nicht mehr gilt. Der öffentliche Mensch darf alles, nur nicht irren. Politiker lösen dieses Problem normalerweise dadurch, dass sie ihr Publikum glauben machen, sie hätten niemals etwas anderes gesagt als sie gerade sagen. Deshalb können Politiker sehr langweilig sein. Wenn man sie bei einem Irrtum oder einem Fehler erwischt, bittten sie keinesfalls um Entschuldigung oder Verzeihung, sondern um Verständnis, da sie fürchten, andernfalls ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Guido Westerwelle zum Beispiel würde niemals zugeben, dass er früher gegen den Solidaritätszuschlag war und es heute nicht mehr ist, mit Rücksicht auf seine Wähler in Ostdeutschland. Seitdem ihm seine Generalsekretärin Cornelia Pieper, die rauschende Wahlsiegerin von Sachsen-Anhalt, gesteckt hat, dass der Osten den „Soli“ braucht, ist das einfach kein Thema mehr. Stell dir vor, der Westerwelle stünde auf seinen 18-Prozent-Schuhsohlen im TV-Duell der Kanzlerkandidaten und würde gefragt: „Herr Westerwelle, warum waren Sie früher gegen den ,Soli’ und sind heute dafür?" Er würde antworten: „Frau Christiansen, diese Frage stellt sich nicht. Was Deutschland braucht, ist eine neue Regierung, die beherzt anpackt und der Wirtschaft wieder Luft zum Atmen gibt, damit Arbeitsplätze entstehen. Das muss unser Zuschlag zur Solidarität mit den Menschen in den neuen Ländern sein.“ Kann sein, dass er noch hinzufügt: „Sehen Sie mich doch an. Die Menschen erwarten von uns kein verkniffenes Herumstochern in der Vergangenheit; sie erwarten von uns Kraft und Zuversicht für die Zukunft – da bitte ich doch sehr um Verständnis!" Und hat er nicht Recht? Politik ist Gefühlssache, das heißt, es geht darum, rechtzeitig das richtige Gefühl für die Stimmung im Land zu entwickeln. Wie soll Guido Westerwelle Wahlen gewinnen, wenn er nicht gefällt?

Zurzeit wollen die Leute keine Politiker, die ihnen den Ernst der Lage schildern. Ganz zu Anfang des Wahlkampfes lag ja auch das Problem des Kanzlerkandidaten Stoiber darin, dass er, kompetent und kantig, partout die Wahrheit sagen wollte, um den amtierenden Kanzler Schröder als Schönredner zu entlarven. Jetzt lässt er das, und mittlerweile geht ihm die Unverbindlichkeit schon fast so leicht von den Lippen wie Westerwelle.

Ich bin gespannt, ob er diese Rolle durchhält, als Schaf im Schafspelz sozusagen – du verstehst? Stoibers Lehrmeister, der alte Franz Josef Strauß, soll einmal gesagt haben, der Herausforderer des Bundeskanzlers müsse eine Alternative, dürfe keine Variante sein. 1980, als Strauß gegen Schmidt antrat, ging das schlimm für ihn aus. Und der Lehrsatz stimmte eigentlich auch nie. Machtwechsel in Deutschland gelingen dann, wenn die Alternative als Variante akzeptiert wird; das war 1969 so mit Willy Brandt, 1982 mit Helmut Kohl und ganz besonders 1998 mit Gerhard Schröder.

Seitdem wir Amerika kopieren und Parteien keine große Rolle mehr spielen, ist es noch schwieriger geworden, einen Wahlausgang vorherzusagen. 1960 soll John F. Kennedy das Fernsehduell (schwarz- weiß?) gegen Richard Nixon gewonnen haben, weil er besser rasiert war. Al Gore verlor gegen George W. Bush, weil er in der entscheidenden TV-Sendung statt einer roten eine blaue Krawatte trug oder weil er ein bisschen zu gescheit war, man weiß es nicht genau. Westerwelle könnte 2002 gewinnen (und Stoiber zum Kanzler machen), weil die Leute auf Politik wenig Lust haben und anstatt stinklangweiliger Fernsehduelle lieber Politainment gucken, also Infotainment auf niedrigem Niveau.

Ich wollte mich übrigens bei dir noch ausdrücklich entschuldigen dafür, dass ich mich geirrt habe. Vor sechs Wochen versprach ich, dir zu erklären, warum wir im Herbst selbstverständlich eine Große Koalition bekommen werden.

Daraus wird ja nun nichts, weil die völlig unberechenbaren Ostler in Sachsen-Anhalt CDU und FDP in die Regierung gewählt haben. Und wie ich dir vor drei Wochen bereits ausführlich erläuterte, geht die Bundestagswahl immer so aus wie zuvor die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die Frage nach dem 22. September stellt sich also eigentlich nicht mehr, und wir könnten uns wieder den anderen Fragen zuwenden.

Mich würde zum Beispiel die Frage interessieren: Was macht Schröder, wenn er nicht mehr Kanzler ist?

Dein M.

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