Zeitung Heute : Schafft mehr Eliteschulen!

Kurz vor den Ferien wurde im Spandauer Kant-Gymnasium der Direktor verabschiedet, Wolfgang Gründer. Seine Abschiedsrede sorgte für Aufsehen, obwohl das, was er beklagt, allgemein bekannt ist: Das Berliner Schulsystem ist überbürokratisiert, Führungspositionen werden schlecht bezahlt oder gar nicht erst besetzt, die Anforderungen werden ständig gesenkt. Neuerdings darf man als Teil der Abiprüfung ein Referat halten. Gründer sagte den Satz: „Eine ruhige See hat noch keinen guten Seemann hervorgebracht.“

Vor kurzem ist auch ein hoch gelobtes Buch zur Intelligenzforschung herausgekommen, „Intelligenz“ von Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer. Die Forscher fassen zusammen, was in der Wissenschaft unstrittig ist: Es gibt so etwas wie Intelligenz, es lässt sich messen, es gibt große Intelligenzunterschiede, diese Unterschiede sind genetisch bedingt. Jeder von uns besitzt, als Anlage, eine gewisse Bandbreite von Intelligenz, dagegen können wir nichts tun.

Wird ein Kind gefördert, schöpft es sein Potenzial aus. Wird ein Kind vernachlässigt, verkümmert sein Potenzial. Aber auch ein noch so großer Einsatz von Pädagogik kann aus einer Durchschnittsbegabung keinen brillanten Denker machen. Den Thesen von Thilo Sarrazin widersprechen Stern und Neubauer: Intelligenz lässt sich fördern, aber nicht züchten.

Über die deutschen Bildungsreformen machen die Forscher sich lustig. Dauernd wird am System herumgeschraubt, ganztags, halbtags, Gymnasium, Gemeinschaftsschule – das alles sei nebensächlich. Es komme vor allem auf die Unterrichtsqualität an. Und die hänge hauptsächlich von der Qualität der Lehrer ab. Ohne gute, motivierte Lehrer wird es niemals eine gute Schule geben. Wer aber 40 oder 50 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen lässt, vernachlässigt systematisch die besonders begabten Kinder. Wenn Bildungsabschlüsse zu Discountpreisen verschleudert werden, dann heißt das Ergebnis nicht Chancengleichheit. Es ist, als ob man, um Armut zu bekämpfen, einfach Geld druckt. Das Abitur ist dann eben weniger wert. Chancengleichheit kommt zustande, wenn auch in den bildungsfernen Schichten die begabten Kinder aufgespürt und gefördert werden und wenn nicht mehr fast jedes Akademikerkind ebenfalls eine Universität besucht.

Zurzeit versteht man unter Chancengleichheit: Wir schaffen alles ab, was nach dem verpönten Wort „Elite“ aussieht. Wir tun so, als gebe es kaum Intelligenzunterschiede. Echte Chancengleichheit würde bedeuten: Wir sorgen dafür, dass in allen Schichten, unabhängig von den Elternhäusern, die besonders begabten Kinder aufgespürt und gefördert werden. Wir schaffen eine Eliteschule, die offen ist für alle Milieus. Aber danach sieht es nicht aus.

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