Zeitung Heute : Schallplatten verleihen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Dass Paul seit neuestem ein gezeichnetes Männlein an der Wand hängen hat mit grün-gelb-rot gestreifter Mütze, mit einer langen Zigarette in der Hand, die am Mund sehr dünn ist und sich zur Glut hin wie eine Tüte verbreitert, und dass dieses Männlein einen zufriedenen Gesichtsausdruck hat, einen sehr zufriedenen sogar, darüber wurde ja hier schon berichtet. Ein paar Tage darauf ist Paul dann ans Musikregal gegangen, „sag mal, ihr habt doch bestimmt etwas von Bob Marley.“ Und nun tönen aus Pauls Zimmer Bob Marley und Peter Tosh: „Legalize it, don’t criticize it.“ Auch zeichnet Paul ja gerne, Karikaturen, und seit ein paar Wochen haben seine Männlein alle so einen zufriedenen Gesichtsausdruck und eine lange Zigarette in der Hand. Was ist da los? Paul wird doch nicht? Und wenn doch, was dann? Wird Paul dann zum Vater sagen: „Aber du früher!“? Eltern sollten vielleicht nicht alles wissen von Pubertisten und Pubertisten nicht alles von Eltern.

Aber dass Paul jetzt Bob Marley hört und Peter Tosh ist doch eine feine Sache. Hätte ja schlimmer kommen und aus Pauls Zimmer Alexander Küblböck oder so ähnlich schallen können. Vor Bob Marley hat Paul Punkrock gehört und HipHop, nichts, was dem Vater wirklich fremd ist, nichts, weswegen er hätte losbrüllen mögen: „Mach endlich dieses Geplärre aus!“ Schön, nicht wahr, wenn sich Vater und Sohn auch musikalisch einig sind? Aber dann hat kürzlich Hessens Ministerpräsident gesagt, ihn unterscheide von seinem Vater nur, dass er später als der geboren sei. Seitdem quält den Vater der Gedanke, dass er möglicherweise jetzt Alexander Küblböck oder so ähnlich hören muss, damit der Pubertist etwas zum Auflehnen hat und nicht am Ende Ministerpräsident von Hessen wird. Sie haben es ja nicht leicht, die Pubertisten, aufzubegehren gegen die Alten, heute, da Greise rocken und kiffende Männlein an der Wand nicht mehr großartig schockierend sind.

Es ist aber nicht toll, hat Jonathan Franzen geschrieben, wenn Kinder gut mit ihren Eltern auskommen, „Eltern sollten nicht die besten Freunde ihrer Kinder sein. Es muss da einen Moment der Rebellion geben. Erst so definiert man sich als Persönlichkeit.“ Genau, hatte Paul gesagt, und definiert sich nun immer dann als Persönlichkeit, wenn’s ans Aufräumen geht oder dergleichen, „was denn, was denn, es muss einen Moment der Rebellion geben, der Moment ist gerade gekommen,“ sagt Paul dann. „Stand up, get up, stand up for your rights“, singt Bob Marley dazu, „don’t give up the fight.“ Nein, Anzeichen dafür, dass Paul mal Ministerpräsident von Hessen wird, gibt es zurzeit eher nicht. Gottlob, hatte der Vater gedacht und den Gedanken, Alexander Küblböck oder so ähnlich zu hören, verworfen. Das Männlein an der Wand, das mit der grün-gelb-gestreiften Mütze und der langen Zigarette in der Hand sieht eigentlich ganz lustig aus.

Sehr entspannend am Wochenende: Jonathan Franzens Roman „Korrekturen“, erschienen im Rowohlt-Verlag, lesen, im Liegestuhl, dazu im Hintergrund Bob Marley, wahlweise auch Peter Tosh, hören. Mehr braucht es nicht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben