Zeitung Heute : Scharfe Bilder im Wohnwagen

MARTIN BUSCHE

Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) kann sich freuen. Auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin wird der Startschuß für eines seiner Lieblingsprojekte fallen: Digital Video Broadcast Terrestric, abgekürzt DVB-T. Hinter dem englischen Zungenbrecher verbirgt sich eine neue Generation des Mobilfernsehens: Digitales Fernsehen über Antenne. Das gab es bislang nur mit speziellen Fernsehern, die am besten nicht bewegt werden durften, weil sich sonst irgendetwas verstellt hat. Künftig wird digitales Fernsehen auch im Zug, per Handy, über den Organizer oder im Wohnwagen zu empfangen sein, weshalb Spötter auch schon über scharfe Bilder im Wohnwagen lästern.

Die gab es bislang natürlich auch schon, allerdings nur mit einer Satellitenschüssel auf dem Dach. Für den DVB-T Empfang reicht eine kleine Stabantenne plus Set-Top-Box aus, die zwischen Fernseher und Antenne geschaltet wird. Was die kosten wird, ist derzeit noch unklar. Experten rechnen mit 1000 Mark für den Decoder und noch einmal 1000 Mark für den Fernsehempfänger.

Am DVB-T-Start zur IFA werden sich rund 20 Sender beteiligen. Neben dem SFB, der gleich ein ganzes Bouquet öffentlich-rechtlicher Programme ausstrahlen wird, sind noch die BBC, DSF, Premiere, Pro 7, RTL, Sat 1, SuperRTL und Viva vertreten. Ganz neu kommt DVB-T für sie nicht daher. Seit 1997 läuft bereits ein Testprogramm zur Erprobung neuer Rundfunkideen. Die liegen hauptsächlich im Bereich Multimedia und nutzen ein Verfahren namens Broadband Multimedia Distribution System, wodurch Internet im Fernsehen - und umgekehrt - möglich sein soll. Benötigt wird dafür ein PC mit Multimediakarte oder ein Fernseher mit Set-Top-Box. Die werden dann allerdings mit den heutigen Fernsehern nicht mehr zu vergleichen sein.

Fachleute erwarten die Entwicklung einer völlig neuen Generation digitaler Kleinstfernseher, die sogar ein TV-Programm in die Armbanduhr integrieren können. Einen Vorgeschmack auf die bunte Multimediawelt können sich Interessierte bereits auf der IFA holen.

Neben den TV-Sendern starten gleich mehrere Multimediakanäle, darunter ein Berlin-Kanal mit regionalen Informationen und ein IFA-Kanal zur Messe. Was DVB-T, das neue Fernsehen, wirklich kann, dürften besonders BMW-Fahrer recht schnell herausgefunden haben. Der Autokonzern will während der Messe einen eigenen Infokanal ausstrahlen, der im Auto per Bildschirm zu empfangen sein soll, vorausgesetzt, das Auto verfügt über ein Navigationssystem.

Mit dem neuen Projekt schreitet die Digitalisierung des Fernsehens schneller als geplant voran. Für den Zuschauer bedeutet das nichts Gutes. Ihre analogen Fernsehtage sind nämlich gezählt. Spätestens im Jahr 2010 wird das letzte analoge TV-Programm seinen Sendebetrieb einstellen. Wer dann noch TV sehen will, muß sich einen digitalen Empfänger kaufen. Schon jetzt bildet sich ein Drei-Klassensystem unter den TV-Zuschauern heraus. Industrie und Landesmedienanstalten hofieren diejenigen, die sich für Digitale Programme erwärmen können und schon jetzt neue Geräte und Zusatzhardware kaufen. Dann kommen die analogen Kabel- oder Satelliten-Zuschauer, denen es erst im Jahre 2010 an den Kragen gehen soll.

Ganz unten in der Gunst der TV-Macher rangieren die 150 000 Berliner und Brandenburger, die noch über Hausantenne fernsehen wollen, also terrestrische Frequenzen nutzen. "Die sind nicht lukrativ", gab MABB-Chef Hans Hege auf einer Podiumsdiskussion zur Zukunft des digitalen Fernsehens offen zu. Der Nachrichtensender n-tv hat daraus jetzt die Konsequenzen gezogen und sein Antennenprogramm zugunsten der DVB-T-Ausstrahlung eingestellt. "Einer muß ja den Anfang machen", begründete n-tv-Sprecherin Catrin Glücksmann den Schritt, der für ARD-Digital-Chef Michael Albrecht (noch) nicht in Frage kommt: "Die ARD hat einen Grundversorgungsauftrag", stellt er klar. "Wir senden solange analog, bis auch die letzte Oma einen digitalen Empfänger hat."

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