Zeitung Heute : Scharfe Henne und schwarze Raben

ITALIENISCHER THEATERHERBST Elegant und grausam: Tanzstücke von Claudia und Teodora Castellucci

SANDRA LUZINA

Vor diesen Donne sollte man sich in Acht nehmen. Zwei Kreaturen, halb Frau, halb Tier, lenken in dem Tanzstück „à elle vide“ den Blick auf sich. Sie könnten einem bbösen Märchen entsprungen sein. Teodora Castellucci ist der rote Hahn, ihre Bewegungen sind ruckartig und auftrumpfend. Schwester Agata ist die mysteriöse Frau in Weiß, verharrend und verführerisch – und ebenso bedrohlich, ihr Kopfputz ist der Stachel eines Skorpions.

Die 21-jährige Teodora Castellucci, die diese fesselnde Bühnenfantasmagorie ersonnen hat, ist ein junges Talent aus einer berühmten Theaterfamilie. Die Castelluccis dominieren in diesem Jahr den „Italienischen Theaterherbst“. Bei der Werkschau präsentiert sich diesmal die unabhängige Theaterszene. Teodora kommt mit ihrer Gruppe Dewey Dell nach Berlin, zu der auch ihre Schwester Agata und ihr Bruder Demetrio gehören. Claudia Castellucci stellt mit „Homo Turbae“ eine Choreografie für die Tanzkompanie Mora vor, die ein Ableger der Societas Raffaello Sanzio ist.

In einer ehemaligen Schule in Cesena, heute der Probenraum der Societas Raffaello Sanzio, empfangen die beiden Künstlerinnen, Tante und Nichte, zum Gespräch. Von einem Theatergen wollen sie nichts wissen, Das Theater sei zuerst nur ein Kinderspiel gewesen, und da boten sich die Geschwister eben als erste Interpreten an. Das Spiel wurde zur Profession, wobei sich bei den Castelluccis eine Leidenschaft und Bildung mit ungewöhnlichen Methodiken verbindet.

Teodora stand schon als Kind auf der Bühne. Mit 14 Jahren entdeckte sie ihre Liebe zum Tanz. Doch ihre Eltern wollten nicht, dass sie eine Ballettschule besucht. „Bring es Dir selber bei“, schlugen sie vor. Nach frustrierendem Selbststudium schloss sich Teodora der „Stoa“ an, einem pädagogischen Projekt von Tante Claudia. Die jugendlichen Eleven übten sich in rhythmischer Bewegung und studierten zudem philosophische Schriften von Aristoteles bis Althusser. „Claudia war eine sehr strenge Lehrerin“, bekennt Teodora mit fröhlichem Lachen. Doch deren pädagogischer Elan hat sich ausgezahlt, in „à elle vide“ kann man Teodora als eine Tänzerin von hoher Präzision bewundern.

Allerdings hat sie sich für ihr choreografisches Debüt nicht etwa in Bücher vertieft. Zeichentrickfilme wie „Fritz the Cat“ dienten ihr als erste Inspiration. Für die rote und weiße Frau hat sie ein prägnantes Bewegungsvokabular erfunden, selbst minimale Gesten sind von schneidender Schärfe. Die Lust an der grotesken Zuspitzung verbindet sich mit einer betörenden Sinnlichkeit. Teodora, die Kunstgeschichte in Florenz studierte, hat natürlich ihren Dante gelesen; aber, so winkt sie ab, ihre Fantasie handele nicht von Inferno und Paradies. Sie stellt zwei konträre Energien gegenüber, in welcher Beziehung die beiden Kreaturen zueinander stehen, ob sie sich bekämpfen oder verbünden, bleibt aber der Imagination der Zuschauer überlassen. Das Duo sei der Versuch gewesen, sich von der Ästhetik der Eltern abzugrenzen, „die Nabelschnur zu durchtrennen“. Das Stück wurde bereits mit großem Erfolg in London gezeigt – nun dürfen die Berliner sich auf die scharfe Henne freuen.

Sie habe Lust gehabt, die Erkenntnisse der „Stoa“ einmal bei der Arbeit mit klassisch ausgebildeten Tänzern anzuwenden, erklärt Claudia Castellucci. Deren Disziplin macht sie sich in „Homo Turbae“ zunutze, kappt ihnen aber auch die Flügel, zwingt sie in das Schema eines „metronomischen“ Tanzes. Ihre Kreation nennt sie nicht Ballett, sondern „ballo“. Diese Tanzform sieht zu jedem Schlag der Musik einen Schritt oder Sprung vor, arbeitet oft mit statischen Figuren wie dem Kreis. „Unser ballo ist ein sehr rationaler Tanz“, bekräftigt die Choreografin. Tatsächlich ist „Homo Turbae“ von ungeheurer Rigorosität: Den Körpern wird eine strikte Ordnung auferlegt, zugleich spürt man ein untergründiges Chaos. Streng und unergründlich mutet diese Prozession schwarzer Raben an – wie ein Gegenentwurf zur übersteigerten Expressivität Teodoras. SANDRA LUZINA

„à elle vide“: 31.10. u. 1.11., 19.30 Uhr, Tanzfabrik, „Homo Turbae“ 12./13.11., 20 Uhr, Theater an der Parkaue

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