Zeitung Heute : Scharfe Schokolade kosten

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Berlin ist wunderbar! Aber an Ostern musste ich endlich mal wieder raus und bin zu den Ösis nach Kärnten gefahren. Eine christlich geprägte Gegend. In Velden am Wörthersee fragen die Leute nicht als Erstes „Haste mal ’nen Euro?“, sondern: „Sind Sie katholisch?“ Und am Ostersonntag gibt es „geweihtes Fleisch“ zum Frühstück. Die toten Tiere werden an einer Tankstelle gesegnet. Praktisch, denn solche Einrichtungen sind in der Regel ja verkehrsgünstiger gelegen als Gotteshäuser. Die Kärntner sind zu beneiden. Schmeckt nämlich erstklassig, ihr geweihter Schinken!

In Berlin bekam ich von meinen WG-Mitbewohnern noch nie eine solche Delikatesse serviert. Die bilden sich im Gegenteil sogar noch etwas darauf ein, dass sie nie Fleisch kaufen. Wahrscheinlich wissen sie als Vegetarier nicht einmal, dass Schinken in anderen Kulturen heilig ist. Zum Glück mögen sie wenigstens Schokolade. Sonst hätte ich das WG-Zimmer mit Sicherheit nicht gekriegt. Als ich mich vorstellte, füllte ich sie mit herrlicher Schweizer Schoggi ab, bis sie mir willenlos aus der Hand fraßen und schließlich die Wohnungsschlüssel überreichten. Wenn es um Schokolade geht, sind wir Schweizer eben unschlagbar: Allein über die Ostertage futtern wir jeweils 4100 Tonnen Hasen und Eier aus Schokolade weg. Das sind rund 570 Gramm pro Person. Weltrekord!

Doch die Menschen aus dem Großraum Berlin scheinen aufzuholen, was die Gier nach Schoggi betrifft: Unbekannte entwendeten im Januar vergangenen Jahres in Fehrbellin etwa große Mengen Schokolade aus einem Nahrungsmittel-Recyclingbetrieb. Die Pralinen waren uralt und zur Weiterverarbeitung als Futtermittel für die Schafzucht bestimmt. Damit nicht genug: Inzwischen schreiben alle Berliner Zeitungen wie hypnotisiert über „in’t Veld Schokoladen“, ein neues Feinkostgeschäft in Prenzlauer Berg. „Wir haben keine einzige Schweizer Schokolade im Sortiment“, sagt Ladenbesitzer Holger in’t Veld triumphierend, als ich mich als Heimweh-Basler vorstelle. Das muss der berühmte Berliner Charme sein!

Herr in’t Veld verkauft dafür unter anderem Schokoladen aus Österreich. Zum Beispiel mit Sellerie-Füllung. Eine weitere Ösi-Spezialität heißt „kleiner Brauner“. Das habe nichts mit Jörg Haider zu tun. Ein „kleiner Brauner“ ist ein österreichischer Espresso. Es handelt sich also um Pralinen mit Mokka-Aroma. In’t Velds wahre Leidenschaft sind aber Schokoladen mit möglichst hohem Kakao-Anteil: Besonders empfiehlt er eine kleine schwarze aus Italien mit 70 Prozent Kakao sowie Chili-Pulver drin. Echt scharf! Sie brennt auf der Zunge und kostet stolze drei Euro. Für den Preis hätte ich in Basel zwei Tobleronen gekriegt, denke ich wehmütig. Auch Milchschokolade hat in in’t Velds Geschäft einen beachtlichen Kakao-Anteil. Rund 60 Prozent. Mehr als jede Schoggi aus meiner alten Heimat. Aber ob das lecker ist? Um sicherzugehen, habe ich diese Edelsorte in Kärnten von einem neutralen Ösi testen lassen. „Schmeckt wie Kochschokolade“, sagte Thomas spontan. Ich hätte ihn küssen können! Wie sait me so schön, Herr in’t Veld: Hochmuet kunnt vor em Fall. Gälle Si? (Hochmut kommt vor dem Fall. Nicht wahr, Herr in’t Veld?)

in’t Veld Schokoladen, Dunckerstr. 10, 10437 Berlin, Tel. 48 62 34 23, www.intfeld.de

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