Zeitung Heute : Schattenfrau gegen Sonnenkönig

Susanne Riess-Passer will Jörg Haider mit seinen eigenen Waffen schlagen

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Von Paul Kreiner, Wien

So langsam, so schleppend, so bedächtig geradezu hört man Susanne Riess-Passer sonst nicht reden. In den Spätnachrichten des Österreichischen Fernsehens, auf einem dunklen Flur – in die Helligkeit des Studios hat sie sich offenbar nicht vorgewagt –, packt sie ihre Waffe gegen Jörg Haider aus. Normalerweise brechen die Satzkaskaden aus der FPÖ-Chefin nur so heraus, „Sprudelsprech“ hat man in Wien ihre Redeweise getauft; auf alles weiß sie eine schnellzüngige, wortreiche Antwort oder eine ablenkende rhetorische Finte. Diesmal aber hat sie sich offenbar nicht einmal ins Live-Gespräch getraut; das Interview ist aufgezeichnet, hastig geschnitten, und es bricht unvermittelt ab. Eine Volksbefragung also will Riess-Passer einleiten. Das Volk soll abstimmen, ob der Kurs von Regierung und FPÖ-Vorstand richtig ist, zugunsten der Hochwasser-Opfer in Österreich die für 2003 versprochene Steuersenkung um ein Jahr zu verschieben.

„Das Volk wird Verständnis haben“, sagt Riess-Passer. „Ich fürchte mich vor diesem Votum überhaupt nicht.“ Und sie zieht ihre dunkel geschminkten Lippen hoch zu einem verzerrten Lächeln, wie man es noch nicht gesehen hat. Die Augen, die sonst angriffslustig blitzen, haben sich tief in ihre Höhlen zurückgezogen, darunter sind Ansätze von dunklen Ringen zu erkennen. 41 Jahre ist die FPÖ-Chefin alt. An diesem Abend wirkt sie erstmals verbraucht. Seit 15 Jahren begleitet sie Jörg Haider; so lange und so eng am großen Meister hat es keine andere Frau ausgehalten. Pressesprecherin war sie, Europaabgeordnete, geschäftsführende FPÖ-Chefin; für Haider hat sie quertreibende Landesfunktionäre schnell und effektiv abserviert, daher ihr Spitz „Königs-Kobra“. Als Haider sie im Februar 2000 an seiner Statt zur Vizekanzlerin machte – er selber durfte wegen der europäischen Sanktionen ja nicht –, schob sie ihren Kinderwunsch noch einmal auf; als Haider sie vier Wochen später zur Parteichefin beförderte, schwor sie, die FPÖ werde sich nie ändern und immer Haiders Partei bleiben.

Nun hat genau dieser Haider zum Sturm auf Riess-Passer geblasen. Als „Privatmann“ hatte er sechs Stunden vor ihrem denkwürdigen Fernsehauftritt ein Volksbegehren angekündigt. Weißes Sommersakko, leuchtend orangenes T-Shirt, als käme er eben vom Beachvolleyball-Turnier am Wörthersee oder von einem anderen jener bunten, lauten, publikumsträchtigen und jugendlichen Events, die der 52-Jährige so gerne als Bühne nutzt. Beim Volk will Haider für seine Linie trommeln: Steuerentlastungen im Wahljahr 2003, nicht erst danach. Schließlich seien nur drei der neun Bundesländer vom Hochwasser geschädigt; warum also sollte die Last allen Österreichern aufgebürdet werden? „Wenn das Solidarität ist“, tobt er, „verabschiedet sich Österreich von jeder politischen Kultur.“ 800 000 Unterschriften will er sammeln und damit der FPÖ „helfen“, ihren, also seinen, Kurs zu finden. Gleichzeitig weiß er, dass das „nicht allen an der Parteispitze gefallen wird“.

Haider, der lieber ein Volksfest besucht hatte in jenen Stunden, in denen die FPÖ-Leitung die Abkehr von „seinem“ Wahlversprechen beschloss, mobilisiert also die Wähler gegen den eigenen Parteivorstand und die eigene Regierung. „Urdemokratisch“ nennt er das. Riess-Passer schlägt mit einer Volksbefragung, einer sehr ähnlichen Waffe, zurück. Anders weiß sie sich offenbar nicht zu helfen – weil sie in Kämpfen gegen Haider eben keine Erfahrung hat und weil sie zum ersten Mal nicht klein beigeben will gegen ihn.

Selber ohne große politische Ideen, allerdings mit beträchtlichem Organisationstalent hat Riess-Passer in den vergangenen zweieinhalb Jahren Scharnier gespielt zwischen Haider und der Ministerriege der FPÖ, zwischen polterndem Populismus und den Sach- und Finanzzwängen des Regierungsalltags, zwischen einem in seiner Kärntner Idylle zunehmend Frustrierten und den Wiener Politikern, die nach Emanzipation vom Übervater strebten. Eine „Generalvollmacht“, die Führung der Partei zu organisieren, hat Riess-Passer im Februar bekommen – und beinahe jede Woche, mit jedem Fernsehauftritt des Kärntners musste sie zur Kenntnis nehmen, wie wenig wert sie war. Frauen, analysierte Haider-Biografin Christa Zöchling, bedeuteten dem großen Vorsitzenden ohnehin nichts; auch der konservativ bis reaktionär eingestellten, an den Stammtischen politisch gebildeten Parteibasis war immer klar, dass diese Frau nur an Haiders Statt die FPÖ führte – auf Widerruf.

Vergangene Woche nun hat Riess-Passer mit Rücktritt gedroht für den Fall, dass man ihren Kurs der „echten und wirklichen“ Hochwasserhilfe einer populistischen Steuersenkungs-Propaganda opfere. Spätestens seit diesem „ungeschickten“ Tag sei sie in Haiders Augen von einer Person zur Verfügungsmasse mutiert, heißt es in den Kommentaren der österreichischen Medien. Den FPÖ-Krach hat man geradezu ersehnt in den vergangenen zweieinhalb Jahren: Wenigstens die eigene Partei möge Haider kleinkriegen, wenn schon die Wähler an ihm hängen und der Bundeskanzler Schüssel es nicht geschafft hat, den Wolf zu „zähmen“, wie er angekündigt hatte.

Nun sitzt der Wolf im Scheinwerferlicht und ruft den Volkssturm auf die Regierung aus. „Wir“ haben das so entschieden, sagt er, der die vergangenen Tage immer „ich“ gesagt hat und „mein“ Wahlprogramm und „meine“ Regierungsvereinbarung, aber sein Vorstoß hat offenbar selbst mächtige Landesfürsten der FPÖ überrascht. Volksbegehren? Keiner will Stellung nehmen, alle wollen erst mal „Details kennen lernen“. Riess-Passer dagegen, im dunklen Flur, hat schon die Bataillone um sich versammelt: Die FPÖ-Minister stehen – mehr oder weniger wankend – hinter ihr, gegen Haider, der Parteivorstand ebenso. Und eine „Volksbefragung“ nach Riess-Passers Vorstellung kann nicht von einer Privatperson organisiert werden, sondern nur von der Regierung, und sie müsste im Parlament beschlossen werden. Noch hält sich der Koalitionspartner Volkspartei zurück, ob er mitspielt.

Es riecht nach Pulverdampf in Österreich. Überrennt Haider die Regierung und die eigene Partei, dann bleibt in dem Land kein Stein auf dem anderen, sagen die Politologen. Siegt Riess-Passer, ist nichts gewonnen, dann wird die Entscheidungsschlacht ein paar Monate vertagt. Eine Neuwahl wäre in jedem Fall unausweichlich. Haider, sagen Kommentatoren im Land, hat endgültig alle Rücksicht aufgegeben. Er geht aufs Ganze.

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