Zeitung Heute : "Schattenjungs": Sieben Mörder finden einen Autor

Ulrich Deuter

Christoffer hat seine Mutter lebendig verbrannt, Olle hat Kinder missbraucht und getötet, ebenso Olof. Arne hat eine oder mehrere seiner Frauen umgebracht, er verwechselt schon die Namen, Memo hat Mädchen vergewaltigt, wenn nicht Schlimmeres, Anders hat seine Opfer hinterher zerstückelt, nur Per hat einen ganz normalen Mord verübt, "war kein Sex dabei", nur Rassismus.

In Lars Noréns Stück "Schattenjungs" sitzen sieben Mörder und Kinderschänder in einer psychiatrischen Haftanstalt und sehen fern, reden über Politik und Fußball, schlucken Neuroleptika, hören Musik, erzählen aus ihrem Leben, masturbieren, planen ihre Zukunft, machen Hanteltraining, laborieren an Langeweile und kleineren Hospitalismen, werden von distanziert-freundlichen Wärtern ermahnt und begleitet, gehen zur Therapie, auf den Hof und in die Werkstatt.

So könnte es 4,8 Jahre lang weiter gehen - die durchschnittliche Verweildauer im sogenannten Maßregelvollzug, wie das Schauspiel Köln uns informiert, in dessen Außenspielstätte "Halle Kalk" die deutschsprachige Erstaufführung von "Schattenjungs" herauskam. Dort hat Jens Kilian eine Haftanstalt aufgebaut, einen turnhallenähnlichen, türschleusengesicherten Raum mit meterhohen, stacheldrahtbewehrten Wänden, an denen entlang die Zuschauer aufgereiht sitzen und, Voyeuren gleich, das Herumgehen und Darumherumreden von Menschen beobachten, zu denen kein vernünftiges, kein humanes Verhältnis zu finden ist.

Das Problem aber, das "Schattenjungs" erst brisant und zu einem Stück im dramatischen Sinn machte, findet sich nur im Kölner Programmheft verhandelt, wo höchst lesenswerte Aufsätze aus der Feder von Fachleuten eine Haltung dazu zu finden versuchen, dass "Triebtäter" in der Regel weder therapier- noch heilbar sind. Das Theater, das immer noch behauptet, den Finger in verdrängte Wunden zu legen, hingegen versagt. Der schwedische Dramatiker Norén, der sich, nach einer Vielzahl von Kleinbügerseelendramen, seit einiger Zeit nur noch den extremen Rändern der Gesellschaft widmet (und dessen Fixer-Penner-Huren-Stück "Personenkreis 3.1" vor einem Jahr an der Berliner Schaubühne von Thomas Ostermeier inszeniert wurde), findet keine dramatische Form für ein Problem, das tatsächlich den Kern einer Gesellschaft trifft, die prinzipiell alle Probleme für lösbar hält - in Deutschland nicht anders als in Schweden.

"Schattenjungs" aber ist eine Aneinanderreihung von Gerede und Gequatsche nah am O-Ton, eine 76 Miniszenen lange Collage ohne Spannung und ohne entwickelte Figuren, das liebevoll hintereinander geschnittene Durcheinander von Feierabendgerede unter Mördern, das sich an keiner Stelle zu irgend einer dramatischen Dichte schürzt. Die Männer monologisieren über Gott und die Welt, in der sie kurzfristig berühmt waren und die nun Einsicht von ihnen verlangt. Nur über Eines sprechen sie extrem ungern: Was sie getan haben und warum. Lediglich in einer Art therapeutischen Sitzungen oder Interviews über ihre Haft berühren sie widerwillig ihre Tat: "Dann lag sie auf dem Boden." - "Als ob ich das gar nicht gewesen wäre." Da ist dann etwas Dunkles über sie gekommen wie bei Olle, oder sie sind als Kinder selbst von der Mutter missbraucht worden wie Christoffer, oder irgendwie sonst Opfer der Verhältnisse und man ist auf keinen Fall latent homosexuell wie Olof, der es mit Knaben trieb. Den höchsten Grad der Auseinandersetzung erreicht noch Olle, der aus Selbstverachtung zum bigotten Flagellanten geworden ist und zum Schluss eine Art Selbstopferung versucht. Der Inszenierung Torsten Fischers ist ehrliches Bemühen nicht abzusprechen, was an Eindringlichkeit zu erreichen ist, erreicht sie.

Vor allem Steven Scharf als Anders und Tim Grobe als Per gelingt es, ihren Figuren eine Dimension zu geben, die weder zu Mitleid noch zu Verachtung herausfordert. Aber zu was sonst? "Rote Mordszenen", in denen die Tötung eines Kindes zu sehen sein sollte, sind gestrichen, was die Fallhöhe zwischen der gezeigten Normalität der Männer und der Ungeheuerlichkeit ihrer Taten herabmindert. Der Fragwürdigkeit, ja Überflüssigkeit von Stücken wie "Schattenjungs" aber kann auch die Kölner Inszenierung nicht entgehen - der Frage, was will das Theater?

Norén, der "aus dem Geist der Bergpredigt" heraus 1999 in "7:3" schwedische Schwerstkriminelle sich selbst spielen und ihre offen rassistische Weltanschauung von der Bühne herab verkünden ließ (eine Freigang-Situation, die einer der "Schauspieler" zur Flucht mit anschließendem Doppelmord nutzte) - Norén, so scheint es, treibt ein hybrid gewordener, längst leerlaufender Aufklärungsfuror, der von ihren problematischen Rändern her die gesamte Gesellschaft unter Generalanklage stellt. In einem Interview bekannte er seine Überzeugung, "dass die Diskriminierten es sind, die die Wahrheit über uns definieren." Will sagen, wir sind alle Kinderschänder, irgendwie?

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