Zeitung Heute : "Schatz, bring mal den Müll raus" - "Die Sims" simulieren den ganz normalen Alltag

Bertram Küster

Jetzt kann man kleine Computermenschlein nach Lust und Laune durch ihr virtuelles Leben leitenBertram Küster

Spätestens seit dem Start der Sendung "Big Brother" wachen Medienpsychologen mit Argusaugen über den geistigen Zustand der Kandidaten und Kulturkritiker warnen: das Fernsehen verletzt die Menschenwürde. Dabei kann man es so einfach haben - am PC. "Die Sims" heißt die kultverdächtige Computersimulation, die mit einem der originellsten Spielkonzepte der letzten Jahre aufwartet - der Puppenstube für das digitale Zeitalter. Am gestrigen Donnerstag kam das Spiel in den Handel. Nun kann man - ganz ohne moralische Bedenken - kleine Computermenschlein nicht nur in ihrem Alltag beobachten, sondern nach Lust und Laune durch ihr virtuelles Leben leiten. In den USA ist das Spiel des "SimCity"-Erfinders Will Wright bereits ein Renner. Hersteller Maxis konnte sich bereits zwei Wochen nach Veröffentlichung über das meistverkaufte Computerspiel freuen. Die Sims führen den Spieler auf die Mikroebene des Städtebau-Klassikers "Sim City". Während man darin mit den Problemen einer modernen Großstadt zu kämpfen hatte, gilt das Augenmerk nun deren Bewohnern, den sogenannten Sims. Die Lebenssimulation besticht vor allem durch den hohen Grad an spielerischer Freiheit, denn ein vorgegebenes Spielziel gibt es nicht. Das fängt schon bei der Wahl der Spielfigur an. Ob man nun den schüchtern-lethargischen Typ oder doch lieber den hyperaktiven Partylöwen durch das Leben begleitet, ist reine Geschmackssache. Ob man als ewiger Single dem schnöden Mammon hinterher hechelt, sich lieber dem Familienglück samt Nachwuchs widmet oder vor allem Wert auf einen großen Freundeskreis legt. Alles ist möglich. Die acht elementaren Grundbedürfnisse, wie beispielsweise Hunger, Hygiene oder Harndrang sollten zwar stets befriedigt werden und auch der Lebensunterhalt will verdient sein - darüber hinaus ist der Lebenslauf der Sims aber frei gestaltbar. Sechs Talente können ausgebildet werden und in zehn verschiedenen Berufssparten zur Anwendung gebracht werden. Eine kriminelle Laufbahn steht ebenso zur Auswahl wie die eines Künstlers oder eines Politikers.

Wie sich die Persönlichkeit entwickelt, hängt zu einem großen Teil davon ab, wie man den Sim mit seiner Umwelt interagieren lässt. Über 150 Objekte können von den Spielfiguren verwendet werden. Zur Entfaltung der Kreativität kauft man ihnen beispielsweise eine Staffelei und lässt sie zum Pinsel greifen. Eine Partie Schach fördert dagegen das logische Verständnis.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind es auch, die den eigentlichen Reiz des Spiels ausmachen. Die Nachbarschaft ist groß und der gegenseitige Besuch Ehrensache. Doch da jeder Sim, abhängig von seinen Charakterwerten, zu jeder anderen Figur individuelle Sympathiewerte entwickelt, sind Liebe, Hass und sogar Eifersucht an der Tagesordnung. Auf einer 100-Punkte-Skala lässt sich ablesen, wie zwei Sims zueinander stehen. Political Correctness erlaubt im übrigen homosexuelle Lebensgemeinschaften inklusive adoptierter Kinder ebenso wie polygame Vierer-WGs. Die vorherrschende Prüderie weist hingegen auf den amerikanischen Ursprung der Sims hin. Steigt tatsächlich mal ein nackter Sim in den Whirlpool, so wird der Körper dezent verpixelt und auch der Nachwuchs wird mittels eines lustfeindlichen Mausklicks in die schöne heile Welt gesetzt. Das bunte Treiben der Sims hat aber auch so genügend Anziehungskraft. Die Flexibilität der Simulation sucht ihresgleichen. Wer sich richtig austoben will, bricht eben mal einen ordentlichen Ehekrach vom Zaun oder schmeißt sich bei der Grillparty an die Frau des Nachbarn ran. Und während sich die Nation über fragwürdige Fernsehshows erregt, lacht sich der PC-Spieler ins Fäustchen."The Sims", Maxis, 80 DM. Voraussetzungen: Pentium II 300 MHz und Windos 95/98.

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