Zeitung Heute : Schau mal, lern mal!

Am Bildschirm spielen, Geschichten lesen und dabei deutsch sprechen – das können heute schon Kita-Kinder: mit dem „Schlaumäuse“-Programm

Kai Kolwitz

„Mir kommt nur eine krumme Frucht in den Trog“, sagt der Elefant auf dem Bildschirm. Selina bietet ihm eine Möhre an. Aber die will er nicht: „Buäh… Nein, danke!“ Nächster Versuch: Diesmal zieht das Mädchen mit ihrem Stift die Banane über den Bildschirm, was der Elefant mit einem freudigen Trompeten quittiert.

Ort des Geschehens ist die Ina-Kindertagesstätte in der Grüntaler Straße in Wedding. Selina sitzt gemeinsam mit Adem vor dem Bildschirm und versucht, den Tieren im Stall zu ihrem Lieblingsessen zu verhelfen. „Ich fresse nur das, was von mir selber kommt“, sagt die Kuh und meint Milch – was das Programm nebenbei gleich zu einer prima Sache macht, um Großstadtkinder damit vertraut zu machen, wo eigentlich die verschiedenen Lebensmittel herkommen. Ganz vertieft sind die beiden Vorschulkinder in das Spiel. Die erwachsenen Beobachter um sie herum nehmen sie gar nicht wahr.

Das Programm, mit dem Adem und Selina spielen, ist das Herzstück des Projekts Schlaumäuse, das die Computerlernwerkstatt der Technischen Universität mit Unterstützung von Microsoft und unter Schirmherrschaft des Familienministeriums sowie von Unicef entwickelt hat. Kindern ein besseres Verständnis von Sprache zu vermitteln und speziell Kindern ausländischer Eltern einen spielerischen Weg zur deutschen Sprache zu weisen, war das Ziel der „Schlaumäuse“. Inzwischen machen bundesweit 1000 Kitas mit 30 000 Kindern mit.

Speziell für Vorschulkinder in sozialen Brennpunkten und in Kiezen mit hohem Ausländeranteil ist das Programm gemacht – alles Faktoren, die auf das Beispiel Grüntaler Straße zutreffen. Die Soldiner Straße beginnt gleich um die Ecke, von 140 Kindern sind knapp drei Viertel nicht deutscher Abstammung, 60 Prozent haben türkische Wurzeln. Sprachförderung ist für die Kita oberstes Ziel. Die Erzieherinnen griffen sofort zu, als das Bezirksamt vor zwei Jahren das „Schlaumäuse“-Paket anbot.

„Ich bin hellauf begeistert“, sagt Simone Jung vom Leitungsteam der Tagesstätte heute. „Die Kinder setzen sich vor den Computer und arbeiten sich in das Programm hinein.“ Und, großer Erfolg in einem Umfeld, in dem viele der Kita-Kinder noch große Probleme mit der Sprache haben: „Vor dem Bildschirm sprechen die Kinder deutsch miteinander.“ Das, obwohl in der Grüntaler Straße niemand zu irgend etwas gezwungen wird: Die Kinder sitzen sogar, wie Selina und Adem, zusammen vor dem Computer und helfen sich gegenseitig. Attraktiv macht das Programm vor allem die Tatsache, dass es an den Entdeckergeist der Nutzer appelliert und dass man eigentlich keine Fehler machen kann. Viele Spielvarianten gibt es und genau so viele Möglichkeiten, der Lösung näher zu kommen: eine Flüstertüte, die Wörter wiederholt, eine sprechende Tastatur, mit der die Kinder hören können, was sie gerade geschrieben haben, ein Stethoskop, das Wörter in ihre Bestandteile zerlegt. Hinzu kommt der faszinierende sprachliche Reichtum der Software und die Tatsache, dass sich an Grammatik, gesprochener und geschriebener Sprache viele verschiedene Einzelaspekte trainieren lassen, ohne dass das den Kindern wie Schulunterricht vorkommt.

Simone Jung hat Kinder erlebt, die sich mit diesem Programm Geschichten aus Büchern eingeprägt haben, bis sie sie anderen erzählen konnten. Dazu passen die Ergebnisse einer Evaluation, der sich das „Schlaumäuse“-Projekt unlängst unterzogen hat: Rund 80 Prozent der kleinen User haben ihren Wortschatz spürbar erweitert – gerade Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen hatten oft ein viel besseres Sprachverständnis. So hat Simone Jung eigentlich nur noch einen Wunsch: einen zweiten von den „Schlaumäuse“-Rechnern.

Derzeit ist die Software nur für Kindertagesstätten verfügbar. Allerdings soll in Kürze eine erweiterte Version veröffentlicht werden, die sich auch zu Hause auf den Rechner aufspielen lässt.

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