Zeitung Heute : Schau nach bei Wikipedia

Das kostenlose Web-Lexikon umfasst rund 500 000 Einträge

Katja Rieger

Ehrenamtliche Arbeit kann viele Formen haben. Ulrich Fuchs, Stefan Kühn und Arne Klempert machen sich nach eigenem Verständnis im weltumspannenden Computernetz um die Menschheit verdient. Bis zu zehn Stunden in der Woche verbringen sie damit, zusammen mit anderen freiwilligen Autoren an „Wikipedia“ (www.wikipedia.de) zu basteln – einem kostenlosen Internet-Lexikon, an dem jeder mitschreiben kann, und für das mit Sicherheit keine Dialer-Gebühren fällig werden.

Jeder darf mitmachen

Der Name kommt von „Wiki Wiki“ (hawaiianisch für „schnell“) und steht für ein offenes System, das sich ständig wandelt: Jeder darf darin jeden verbessern oder selbst neue Inhalte veröffentlichen. Über ein Eingabeformular werden die Texte bearbeitet und online gestellt.

Der amerikanische Internet-Unternehmer Jimmy Wales gab zusammen mit dem Philosophen Larry Sanger im Januar 2001 den Startschuss für das Entstehen einer frei zugänglichen Online-Enzyklopädie. Seine Internetfirma Bomis stellte die Serverkapazitäten zur Verfügung und kümmerte sich um die technische Wartung. Heute wird die Hardware zu einem Großteil durch Spenden finanziert, auch die Wartung der Systeme übernehmen überwiegend ehrenamtliche Helfer.

Die deutschsprachige Version von Wikipedia wird derzeit von mehr als 2000 registrierten und unzähligen anonymen Nutzern gepflegt und ständig weiterentwickelt. Dank einer ausgeklügelten Software bleiben die Aufpasser über alle Veränderungen auf dem Laufenden. Sie sorgen dafür, dass kein Unsinn im Netz steht, suchen per Datenbankabfrage nach Rechtschreibfehlern und redigieren neue Beiträge.

Auf die Frage, warum er ohne Bezahlung so viel Zeit investiert, antwortet Arne Klempert mit einem Zitat des französischen Enzyklopädisten Diderot: „Damit die Arbeit der vergangenen Jahrhunderte nicht nutzlos für die kommenden Jahrhunderte gewesen sei, damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter und glücklicher werden, und damit wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben.“

In der Tat sind Klempert und seine Kollegen auf dem besten Wege, die größte Enzyklopädie der Welt zu erschaffen. Am 23. Februar wurde der 500 000. Artikel ins Netz gestellt. Täglich kommen etwa 10 500 Änderungen oder Neueinträge dazu. Die englischsprachige Ausgabe von Wikipedia wird noch in diesem Jahr die 260 000-Artikel-Marke erreichen und damit genauso viele Einträge enthalten wie der Brockhaus. Allerdings füllt die 24-bändige Lexikonreihe ein kleines Bücherregal, während der Platzbedarf von Wikipedia gleich null ist.

Geisteswissenschaftliche Schwächen

Das Online-Lexikon hat jedoch auch einige Nachteile gegenüber herkömmlichen Enzyklopädien: Das Themenspektrum ist längst nicht so ausgewogen, vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich mangelt es an Experten. Am stärksten sind die Themengebiete EDV, Naturwissenschaften und Mathematik vertreten. Dennoch sind die Wikipedianer überzeugt, dass das Online-Lexikon in wenigen Jahren die wichtigste kostenlose Informationsquelle für Internetnutzer sein und sogar Google ersetzen wird. In zehn Jahren wird Wikipedia die verlässlichste und ausführlichste Quelle im Internet sein, die man nicht bezahlen muss, hoffen die Lexikon-Helfer.

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